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Weißrussland unter Lukaschenko Marta Shmataeva: Meine 15 Tage Gefängnis

Aufzeichnungen und Skizzen

Von Marta Shmatava

Am 6. Juli wird die Künstlerin Marta Shmataeva aus Minsk, ebenso wie ihr zwanzigjähriger Sohn festgenommen. Grundlos. Marta ist in diesem Sommer kein Einzelfall. Vielen, auch Menschen, die nie etwas mit der Opposition zu tun hatten, ist es ähnlich ergangen. Die fünfundvierzigjährige Malerin, deren Bilder auch schon in Deutschland ausgestellt wurden, wurde 15 Tage lang eingesperrt. Nach ihrer Entlassung zeichnete sie die Zellen, in denen sie saß und schrieb einen Bericht über die Umstände ihrer Verhaftung.


Marta Shmatava, Meine 15 Tage Gefängnis


So ist es passiert. Am 6. Juli wurden an verschiedenen Orten der Stadt politische Aktionen veranstaltet. In unserem Viertel sollte die Aktion im Park der Völkerfreundschaft stattfinden. Da auf der vorhergehenden Aktion ziemlich viele Menschen festgenommen und einige von ihnen brutal behandelt worden waren, kommen die Menschen in Minsk jetzt nur noch zusammen, um einfach die Solidarität der anderen zu spüren.

Ich ging in der Mitte des Parks spazieren und sah Erwachsene mit Kindern und Hunden, beim Federballspielen und auf dem Fahrrad. Man konnte unmöglich von außen feststellen, ob diese Leute zur Aktion gekommen waren oder ob sie bloß einen ganz normalen Abendspaziergang machten. Zu meiner Überraschung sah ich, dass auch mein zwanzigjähriger Sohn mit einigen Freunden dabei war. Von einem gewöhnlichen Zeitvertreib unterschied sich der Abend nur durch die Anwesenheit eines Aufnahmeteams des TV-Kanals ONT und zwei weiterer Männer mit Videokameras. Wie sich später herausstellte, gehörte der eine zur Miliz, der andere aber filmte nur so, zum Vergnügen, und wurde dann auch zu 15 Tagen Arrest verurteilt. Ich glaube, zum Schluss waren es so 80 bis 100 Menschen, die da spazieren gingen. Ich fühlte mich verhältnismäßig sicher, weil wir in einem Park waren,  auf einem Freizeitgelände und daran war ja absolut nichts Ungesetzliches..

Nach ungefähr einer Stunde schien mir, dass der Zweck der Aktion erfüllt wäre und ich  bewegte mich auf die Allee zu, die zum Ausgang führt. Zu dem Zeitpunkt hielten sich die meisten Menschen auf dieser Allee auf.

Der Mann in Zivilkleidung mit Kamera, der sich dann als Mitarbeiter der Miliz herausstellte, ging immer frecher ganz nah an die Gesichter der Menschen heran. Eine Frau hielt das nicht aus, sie begann sich aufzuregen und andere ergriffen ihre Partei. Sinngemäß sagte sie: „Wir gehen doch nur spazieren, warum mischen sie sich in unser Privatleben.“ Dieser Abend wurde wirklich zum Test für das, was wir in Weißrussland noch machen dürfen, ohne ins Gefängnis zu kommen. Atmen dürfen wir noch, aber ob wir spazieren gehen dürfen, ist fraglich.

Kurz darauf hörte man Klatschen. Es sollte wohl Ärger über den Videofilmer ausdrücken. Aber nach dem Gefängnis hat mir jemand gesagt, dass der Erste, der klatschte, später bei den Festnahmen mitgemacht hat. Wenn es stimmt, hat er provoziert, um einen Grund für Festnahmen zu schaffen. Im Internet hatten nach den „Klatsch-Aktionen“ ja viele geschrieben, dass das Klatschen zu gefährlich geworden sei und in der ganzen Stunde vorher hatte auch niemand geklatscht. In diesem Augenblick kam ein Mini-Linienbus die Allee herauf gefahren. Die Leute gingen sofort auseinander. Ich sah, dass mein Sohn und seine Freunde ziemlich weit weg vom Ort des Geschehens standen und ich dachte, er ist sicher.

Ich bog in eine andere Allee ein, da hörte ich Lärm, drehte mich um und sah, dass vier Unbekannte versuchten, meinen Sohn irgendwohin zu ziehen. Ich rannte hin, packte die Hand meines Sohnes und versuchte, ihn in die andere Richtung zu ziehen und gleichzeitig an ihr Gewissen zu appellieren. Die Leute um uns herum schrien: „Miliz“ und „Was soll das? Wer seid ihr? Lasst ihn los. Darf man nicht mal mehr in den Park gehen?“.


Ein Freund meines Sohnes versuchte ebenfalls ihn zur Seite zu ziehen, aber sie rissen ihn weg. Dann wurden die Angreifer mehr und sie stießen uns in den Minibus. Noch ein junger Mann kam dazu und dann der Freund meines Sohnes. Der Mini-Bus fuhr aus dem Park heraus und man zwang uns, in einen Bus zu steigen. Wir verlangten, dass sie uns sagen, wer sie sind und warum wir mit ihnen fahren müssen. Einer zeigte einen Ausweis und soweit wir es in der Schnelle sehen konnten, war er von der Miliz. Er versuchte gar nicht erst eine Erklärung zu geben, sagte bloß: „Später“. Während der nächsten 10, 15 Minuten setzten sie noch mal 8 Leute zu uns. Dann brachten sie uns zum Revier, schrieben Protokolle, nahmen unsere Fingerabdrücke, durchsuchten uns und nahmen uns unsere Sachen fort.

Jeder von uns wurde desselben Vergehens beschuldigt: „Unflätiges Fluchen“...

So hängt also unsere Miliz, deren eigentliche Aufgabe es ist, für Recht und Ordnung zu sorgen, den Menschen willkürlich Gesetzesübertretungen an. Dabei lässt sie sich von den Befehlen von oben und von ihrer reichen Fantasie leiten. Was bei uns vor sich geht, drückt sehr schön ein Spruch der Stalinzeit aus: „Hauptsache, wir haben den Menschen, der Paragraph findet sich immer.“ Das hat dann am folgenden Tag die Gerichtsverhandlung gegen uns gezeigt.

Aus dem Revier wurden wir ins Okrestino-Gefängnis gebracht. Ich kam in eine Zelle mit 6 Menschen, darunter eine Großmutter mit ihrer Enkelin. Wir hatten eine Nacht Zeit, uns kennenzulernen. Am nächsten Morgen wurden die Urteile im Eilverfahren gefällt. Bei meinem „Prozess“ war kein Zeuge anwesend – lediglich die Protokolle der Milizionäre lagen vor. Fazit: das Gericht verurteilte mich, meinen Sohn und den Videofilmer  „aus dem Volk“ zu 15 Tagen Gefängnis, die anderen bekamen 8 bis 12 Tage. Man brachte uns nach Okrestino zurück und nach 5 Tagen dort ins Gefängnis Zhodino.

Ich hatte das „Glück“ in vier verschiedenen Zellen sitzen zu dürfen – sie waren sehr unterschiedlich. In Okrestino gibt es zwei Blocks, den neuen und den alten. Im neuen gibt es Betten und Bettwäsche. Aber die Matratzen stinken unerträglich. Ich hatte aber sowieso keine lange Freude an dem Bett – nach einem Tag wurde ich in den alten Block gebracht. Da gibt es weder Betten, noch Decken. In der ersten Nacht war es kalt, aber wir hatten genug Platz.

Danach verlegte man uns in eine andere Zelle, ich habe sie auf einer meiner Zeichnungen dargestellt. Wir waren dreizehn, man konnte kaum atmen. Es war unmöglich das Fenster weiter als einen Spalt breit zu öffnen. Ich breitete Zeitungen auf dem Boden aus, ein Mädchen gab mir eine Jacke zum zudecken und so schlief ich nicht schlimmer als die anderen, die eng an einander gequetscht auf dem Holzpodest lagen. Wir erzählten uns unsere Geschichten, verbrachten einen Tag und eine Nacht miteinander und wurden dann nach Zhodino gebracht.

Dort empfingen uns Hunde und vermummte Männer. Die Frauen schlugen sie aber nicht. Dafür wurden wir durchsucht und mussten uns nackt ausziehen. Die Zellen waren bedeutend besser als in Okrestino, wenn man von den Massen der Küchenschaben absieht. Es gab Betten, die gleichen stinkenden Matratzen, aber saubere Bettwäsche,  und einmal am Tag konnte man einen Eimer mit heißem Wasser bekommen. Man durfte einen Spaziergang in einem Beton-Loch von ca 2,5 mal 3,5  Metern mit einem Gitter über dem Kopf machen – immerhin bekam man dort Luft.

Die Situation war durch und durch absurd. Die Wachleute benutzten unglaubliche Flüche, wenn sie sich unterhielten - immerhin waren wir alle wegen angeblich unflätigen Fluchens und beleidigender Rede verurteilt worden. Zu uns waren sie erstaunlich höflich.

Die Toiletten im alten Teil von Okrestino und in Zhodino haben keine Türen, nur niedrige Klappen. Das ist sehr demütigend, zumal die Wachleute, alles Männer,  jederzeit die Zellen betreten können. Man versucht, den Mensch zum Tier herab zu würdigen. Unsere Gefängnisse sind Spiegel unseres Systems.

Die Frauen, mit denen ich zusammenkam, waren auf den Aktionen vom 3. und 6. Juli und bei Stadtteil- Aktionen verhaftet worden. Viele „zufällige“ waren darunter, weil  die Aktionen auch neben einigen Supermärkten stattgefunden hatten. Menschen waren einkaufen gegangen und direkt vom Laden aus zum Revier geschickt worden - und von dort ins Gefängnis. Vor Gericht halfen weder die Quittungen noch die Einkäufe. Alle bekamen 10 bis 15 Tage. Natürlich fühlten sich diese Menschen zutiefst verletzt. Auch wenn die Leute weitgehend lesen, was im Internet steht und im Großen und Ganzen wissen, was vor sich geht, glauben sie trotzdem nicht, dass sie absolut keine Chance haben, überhaupt IRGENDWIE ihre Unschuld zu beweisen – bis sie es am eigenen Leib erlebt haben. Manchen sagte der Richter allen Ernstes: „Dann gehen Sie doch nicht dahin, wo sie nicht hingehen sollen.“  Vielen der Mädchen schickten die Eltern Rechtsanwälte, sie schrieben Beschwerden, aber alle mussten in Haft bleiben. Von keiner einzigen dieser „Zufälligen“ habe ich Beschimpfungen oder Vorwürfe gegen diejenigen gehört, die bewusst an Aktionen teilgenommen hatten. Dafür wissen sie und ihre Verwandten, Freunde und Arbeitskollegen jetzt sehr gut über unser Rechtssystem Bescheid. Übrigens hatte die absolute Mehrheit meiner Mithäftlinge keine direkte Beziehung zu irgendeiner oppositionellen Partei oder Bewegung.

Mit den Beschwerden oder Einsprüchen ist es so. Für einige Stunden wurden ein Kugelschreiber und einige Seiten Papier in die Zelle gegeben. Dann durfte jeder, seine Beschwerde schreiben - wenn er dran kam. Man hatte uns nicht gesagt, dass wir eine Gebühr zahlen müssten, stattdessen die Prozess-Ordnung mit in die Zelle gegeben. Da las ich rein zufällig von dieser Gebühr, ohne die die Klage gar nicht angenommen wird. Ich bat den diensthabenden Wachmann, meine Freunde anzurufen, damit sie die Gebühr zahlen – ich selbst hatte ja keine Möglichkeit es zu tun. Meine Freunde haben von dieser Bitte aber nie etwas erfahren.

Zum Schluss musste ich dann für meinen  Aufenthalt im Gefängnis zahlen.

Das ist eigentlich meine ganze Geschichte.

Letzte Änderung am: 19.09.2011, 16.45 Uhr

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Ein weißrussischer Gefangener "SWR2 Wissen" Weißrussland unter Lukaschenko

Sendung Wissen montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen-Aula

Wiederholung: samstags von 21:03 bis 21.30 Uhr und sonntags von 14.32 bis 14.58 Uhr in SWR Info.

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