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SENDETERMIN Di, 19.1.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Mehr Ethik fürs Geld Wie Anleger Politik machen

Die Umwelt schädigen, den Waffenhandel unterstützen, Hunger und Armut fördern - kaum jemand möchte das. So steigt die Nachfrage nach Investmentfonds, die keine Aktien von Rüstungsfirmen oder konventionellen Energie- und Rohstoffkonzernen halten. Studien ergeben sogar: Langfristig werfen nachhaltige Anlagen mehr Geld ab.

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Divestment ist das Gegenteil einer Investition. Es bedeutet, dass man sich von Aktien, Anleihen oder Investmentfonds trennt, die unökologisch oder unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdig sind. Die erste internationale Divestment-Bewegung richtete sich in den achtziger Jahren gegen das Apartheid-Regime in Südafrika. Die Idee war, das Land wirtschaftlich zu schwächen, um so politischen Wandel herbeizuführen. Natürlich trug nicht allein das Divestment zum Machtwechsel in Südafrika bei, aber es unterstützte den Prozess.

Eigenes Ressort für Divestment

Die aktuelle Divestment-Bewegung wurzelt in der Angst vor dem Klimawandel. In Deutschland steckt sie noch in den Anfängen. In den USA und Großbritannien ist das Divestment bereits deutlich populärer. Zu den prominentesten Befürwortern in den USA zählt der Schauspieler Leonardo di Caprio, aber auch die Rockefeller-Stiftung hat bereits divestiert.

Dazu Hochschulen wie die renommierte Stanford University und Kommunen wie San Francisco. In Großbritannien fährt die Tageszeitung The Guardian eine aufwändige Divestment-Kampagne und in der Internet-Ausgabe des Guardian gibt es sogar ein eigenes Divestment-Ressort.

Blick in den Handelssaal der Börse Stuttgart

Firmen, die die Umwelt zerstören und Menschenrechte verletzen, können dort getroffen werden, wo es ihnen am meisten weh tut – beim Geld - und das durch die Entscheidungen der Anleger

Auch in Skandinavien hat das Divestment viele Anhänger. Ein Beispiel ist der norwegische Pensionsfonds, der mit einem Volumen von etwa 800 Milliarden Euro als zweitgrößter staatlicher Pensionsfonds weltweit gilt – und aus dem alle Norweger ihre Rente beziehen.

Ethik und Geld

Das Besondere an diesem Pensionsfonds ist, dass er vom Parlament kontrolliert und von einer eigenen Ethik-Kommission beraten wird. Die beauftragte die deutsche Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald Anfang 2014 damit, das Portfolio des Fonds nach Wertpapieren der Kohleindustrie zu durchsuchen.

Die Recherchen von Urgewald ergaben, dass der norwegische Pensionsfonds Wertpapiere von 114 Firmen hielt, die Geld mit der Förderung und Verbrennung von Kohle verdienen, Gesamtwert fast neun Milliarden Euro. Darunter waren auch die in Kritik geratenen sogenannten Mountain-Top-Removal-Firmen. Diese Bergbaufirmen stehen für besonders brutale Landschaftszerstörung.

Ein alter Mann probiert sein Sparschwein in Sicherheit zu bringen.

Von Wertpapieren problematischer Unternehmen könnte sich der Staatsfonds, aus dem Norweger ihre Rente beziehen, bald trennen

Im Juni 2014 entschieden die Parlamentarier in Oslo, dass der norwegische Pensionsfonds künftig nur noch Wertpapiere von Unternehmen enthalten darf, die maximal 35 Prozent ihres Umsatzes mit der Förderung und Verbrennung von Kohle machen. Einige besonders problematische Firmen sind bereits aus dem Fonds getilgt.

RWE und EnBW nicht nachhaltig

Dazu gehört beispielsweise Coal India, das größte Kohleunternehmen der Welt. Es gilt als besonders skrupellos. Auch von Wertpapieren anderer Unternehmen, z.B. den deutschen Konzernen RWE und EnBW und dem schwedischen Konzern Vattenfall könnte sich der Staatsfonds bald trennen.

Zu den Organisationen, mit denen Urgewald im Kampf gegen unethische und umweltschädliche Investments zusammenarbeitet, gehört auch die nationale Bewegung für Klimagerechtigkeit auf den Philippinen. Ihr Koordinator Gerry Arrances gab kurz vor dem Pariser Klimagipfel eine Pressekonferenz. Dort erklärte er, warum er Divestment so wichtig findet.

Auf der Insel Samar bietet sich das Bild ..

Haiyan wütete fünf Tage lang mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 380 Stundenkilometern und machte mehr als vier Millionen Menschen obdachlos

Arrances zeigte Bilder von Kohleminen, aber auch Fotos von der Zerstörung des Taifuns Haiyan im November 2013, den europäische Meteorologen Yolanda nannten. Durch den Klimawandel haben Wirbelstürme auf den Philippinen zugenommen.

Vier Millionen Obdachlose

Haiyan wütete fünf Tage lang mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 380 Stundenkilometern und machte mehr als vier Millionen Menschen obdachlos. 6.000 Filipinos verloren offiziellen Angaben zufolge ihr Leben. Die Bewegung für Klimagerechtigkeit und die katholische Kirche auf den Philippinen gehen sogar von bis zu 20.000 Toten aus.

Gleichzeitig boomt auf den Philippinen ausgerechnet jene Industrie, die den Klimawandel rücksichtslos vorantreibt: die Kohleindustrie. Auf dem Philippinischen Archipel gibt es kaum noch eine Insel ohne potentielle Kohlevorhaben. Die Wertpapiere der Firmen hält unter anderem die Deutsche Bank.

Atomkraft in Philippsburg - ein Zwischenlager soll entstehen

Energie aus Kohle- und Atomstrom - hier sprechen Fachleute auch von Stranded Assets, von gestrandeten Wertpapieren

Ähnlich sieht es in vielen anderen Ländern Südostasiens aus und auch in Europa wird die klimaschädliche Kohleindustrie weiterhin staatlich subventioniert. Staaten tun sich meist schwer damit, der Kohleindustrie die Stirn zu bieten. Zu viele Arbeitsplätze, zu viel Hoffnung auf Wachstum sind damit verbunden. Umso wichtiger finden Divestment-Befürworter, dass sich die Investoren Gedanken darüber machen, in welche Aktien und Anleihen sie ihr Geld stecken.

Nachhaltigkeit immer wichtiger

In der Finanzbranche gilt es als ausgemacht, dass ethische Geldanlagen und Nachhaltigkeitsfonds in Zukunft immer wichtiger werden. Das liegt auch daran, dass manche der nicht-nachhaltigen Aktien und Anleihen nicht zukunftsfähig sind – Stichwort: Energie aus Kohle- und Atomstrom. Fachleute sprechen von Stranded Assets, von gestrandeten Wertpapieren.

Ein Grund, warum nachhaltige Fonds so gut abschneiden, liegt vermutlich darin, dass Unternehmen mit hohen ethischen und ökologischen Standards weniger riskant wirtschaften. So wurden Nachhaltigkeitsfonds beispielsweise vom VW-Diesel-Skandal nicht berührt.

Ein Porsche Cayenne davor ein Auspuff mit Abgasen

Der Skandal um Diesel, VW und Porsche ließ die Nachhaltigkeitsfonds unberührt

In diesen Fonds steckten keine VW-Aktien, weil Agenturen für Nachhaltigkeitsrating schon seit Jahren vor VW gewarnt hatten – wegen der schlechten Führungskultur des Unternehmens, die letztlich zum Diesel-Skandal führte.

Nachhaltigkeit im Aktienkurs

Management-Gehälter und Boni sind oft an den Aktienkurs von Unternehmen gekoppelt. Und sie richten sich immer häufiger nach den Werten, die ein Unternehmen bei den Nachhaltigkeitsrankings erreicht. Andererseits braucht es natürlich eine kritische Masse an Investoren, die unethische und umweltschädliche Wertpapiere aussortieren. Und da ist noch viel Luft nach oben.

Das gilt zum einen für fondsgebundene Versicherungen und Pensionskassen. Denn auch wenn manche – wie Axa und die Allianz – ihre Investments in fossile Brennstoffe zurückfahren: andere problematische Wertpapiere halten sie nach wie vor.

Waage: in der einen Waag-Schale: das Logo des Energieversorgers Energie Baden-Württemberg (EnBW) / in der anderen: Geldscheine

Der norwegische Pensionsfonds darf künftig nur noch Wertpapiere von Unternehmen enthalten, die maximal 35 Prozent ihres Umsatzes mit der Förderung und Verbrennung von Kohle machen - darum könnte er sich auch bald von EnBW trennen

Doch inzwischen gibt es sogar schon erste Stimmen, die warnen, dass weiteres Divestment dazu führe, dass den Kohlefirmen das Geld für ihren ökologischen Umbau fehle. Reinhard Bütikofer, Europaabgeordneter der Grünen, hält diese Angst für unbegründet. Er will zudem die Macht kritischer Investoren stärken.

Transparenz und Nachhaltigkeit

Zusammen mit anderen Europaabgeordneten quer durch die Parteien hat er die "Carbon Group" gegründet und arbeitet im Rahmen des "Binnenmarktes für Kapital" an Transparenzvorschriften. Investoren sollen angeben müssen, wie stark ihr Fonds mit dem Risiko von Investitionen in fossile Energieträger behaftet ist.

Die EU-Abgeordneten hoffen, dass dann noch mehr Anleger aus problematischen Wertpapieren aussteigen und dass Firmen, die die Umwelt zerstören und Menschenrechte verletzen, dort getroffen werden, wo es ihnen am meisten weh tut – beim Geld.

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