Sendung vom Montag, 10.10.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Von Horst Gross
In kaum einem anderen Wissenschaftsgebiet geht es scheinbar so innovativ zu wie in der Medizin. Pausenlos erfahren wir von neuen therapeutischen und diagnostischen "Sensationen". Aber bei genauer Betrachtung zeigt sich: Hier trügt oft der Schein. Wirklich Innovatives hat es ausgerechnet in der Medizin besonders schwer. Nicht selten dauert es viele Jahrzehnte, bis die Medizin neue Sichtweisen akzeptiert.
Es gibt kaum eine andere Krankheit, die so aggressiv erforscht wurde wie die koronare Herzkrankheit. Im Laufe der Zeit wurden wichtige Risikofaktoren entdeckt: Serumcholesterin, Bluthochdruck, Diabetes und so weiter. Aber nimmt man alle diese Risiken zusammen, dann erklären sie nur 42 Prozent aller Fälle der koronaren Herzkrankheit. Eine Studie hat einen weiteren Risikofaktor ausgemacht: die Kontrolle über die Selbstbestimmung. Also die Möglichkeit, dass Menschen ihre Lebensumstände selbst mit beeinflussen können. Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, dass bei Menschen, die ihre Lebensumstände nicht kontrollieren können, biologische Veränderungen im Immunsystem zu finden sind.
Es scheint also, dass der Verlust an Selbstbestimmung wirklich unter die Haut geht und im Körper Krankheitsprozesse verändert. Die etablierte Kardiologie kann sich mit diesen Vorstellungen im Moment noch nicht anfreunden. Mit welchen Tabletten und Kathetern sollte man denn auch die Lebensperspektive von Millionen Menschen ändern? In zehn oder 20 Jahren werden wir es besser wissen.
Echte Innovationen haben in der Medizin nicht selten ein schweres Los. Wenn sie nicht gerade gegen die Betonwand einer etablierten Lehrmeinung prallen, scheitern sie neuerdings an einer weiteren Hürde: dem Kostenbewusstsein der Krankenkassen. Die Palliativmedizin greift z.B. schon seit Jahrzehnten bei besonders schweren Fällen auf Medikamente zurück, die aus Cannabis gewonnen werden. Jahrzehntelange Erfahrungen belegen deren Nutzen, besonders bei Patienten, die mit anderen Medikamenten nicht mehr behandelbar sind. Doch Medikamente auf Cannabisbasis haben gleich zwei gravierende Probleme: Da ist zum einen ihr falsches Drogenimage. Zum anderen die Kosten. Im Gegensatz zu Standardmitteln, wie Opiaten, sind Cannabismedikamente sehr teuer. Zu teuer für die Krankenkassen.
Jede große Innovation setzt sich in drei Stufen durch: Zuerst, wenn sie auftaucht, sagt die Fachwelt: "Das ist nicht wahr." Wenn dann später die Fakten offenliegen, wimmelt man das unbequeme Neue ab: "Das ist nicht wichtig." Und zum Schluss, wenn es gar nicht mehr anders geht, akzeptiert man die Innovation lapidar mit den Worten: "Das wussten wir doch schon lange, das ist nichts Neues!"
Autor: Horst Gross, Internetfassung: Anne Leppert
Letzte Änderung am: 04.09.2011, 03.23 Uhr