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Jugendlicher lädt mit seinem Apple-iBook Musik auf seinen iPod

SENDETERMIN Sa, 19.12.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

Folgen der Selbstdarstellung Ich im Netz

YouTube ist in, Fernsehen ist out. Und zwar komplett. Die Jugendlichen haben ihre eigenen medialen Plattformen und sozialen Netzwerke. Bewertet und belohnt werden sie von Zuschauern, die sie nicht kennen. Und ohne um die Gefahren zu wissen, die mit diesem Livestreaming verbunden sein könnten. Eltern und Pädagogen sind häufig ratlos. Wie gefährlich ist die neue Selbstdarstellung?

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Ständig posten was man macht, wie man es macht, ständig auf der Suche nach Likes und damit nach Bestätigung. Ständig damit beschäftigt, andere zu bewerten. Der Fachausdruck: performative Ökonomie: der Drang, sich ständig selbst darstellen zu müssen.

Eine Ichsucht, die aber auch positive Seiten hat: Viele Jugendliche wünschen sich, selbst aktiv zu werden. Nicht mehr der passive Zuschauer zu sein, der konsumiert, sondern selber performen, hochladen, ausstrahlen.

Alles was man braucht ist einen Videokanal, und etwas, was man zu erzählen hat und natürlich Leute, die sich das anschauen und dann liken.

Live aus dem Kinderzimmer

Kinder und Jugendliche streamen ihren Kinderzimmeralltag live über YouNow oder Youtube in die Welt und gewinnen ein großes, aber mehr oder weniger anonymes Publikum. Jeder kann sich dort anmelden und dann live auf Sendung gehen: sich mit Smartphone oder Webcam selbst darstellen und auf Fragen und Wünsche der Zuschauer reagieren.

Im Januar gab es bereits 16 Millionen Livestreams. Diese Kombination aus dem Wunsch nach ständiger Selbstdarstellung und der Livesituation hat bei Eltern und Experten zu großer Besorgnis geführt.

Junge Frau sitzt vor Laptop

Unterhaltung am Computer

Im Buhlen um immer mehr Likes und damit Anerkennung könnten sich Kinder und Jugendliche zu fragwürdigen Handlungen hinreißen lassen und umgekehrt könnten Menschen mit pädophilen Neigungen genau das ausnutzen.

Hilflose Eltern

Die meisten Eltern stehen den Onlineaktivitäten ihrer Kinder voller Sorge, doch vor allem hilflos gegenüber. Die Eltern – häufig selbst User mit Suchtpotential - statten ihre Kinder viel zu früh mit Smartphones aus, ohne sich überlegt zu haben, wie sie das Medienverhalten kontrollieren oder begleiten wollen. Und manchmal ist es nur ein Klick, eine Sekunde Unaufmerksamkeit, mit weitreichenden Folgen.

Jugendliche sitzen mit ihrem Handy auf einer Bank

Fast jeder jugendlicher nutzt ein Smartphone

Diese Katastrophen können die für den Freund bestimmten Fotos sein, die dann im Gruppenchat landen, das unerlaubte Video über den Lehrer, das sich wie ein Lauffeuer im Netz ausbreitet und zum Schulverweis führt.

Doch trotz der offenkundigen Gefahren und ihrer großen Ängste wollen die meisten Eltern weder offen noch anonymisiert über ihre Probleme sprechen.

Unwissenheit auf beiden Seiten

Und Handyverbot, das Verbot sozialer Netzwerke in einer völlig digitalisierten Umwelt kann keine Lösung sein. Medien sind im Alltag nicht mehr wegzudenken. Ein Ausschluß von diesem Alltag bedeutet für die Jugendlichen Isolation. Viele sind abhängig von den Likes und Dislikes

In manchen Fällen ist vielleicht sogar psychologische Hilfe geboten. Doch um zu helfen, muss man zunächst verstehen und das bedeutet sich auf die digitale Welt einzulassen. Der einzige Weg, den Gefahren des digitalen Netzes zu begegnen, ist Medienkompetenz, und zwar auf beiden Seiten.

Youtube, das ist auch ein Riesengeschäft. Wer erfolgreich ist, kann über das so genannte Partnerprogramm an den Werbeeinnahmen partizipieren, welche die Videoplattform erwirtschaftet. Wer auf dem zum Internetkonzern Google gehörenden Portal Videos platziert, kann sich dafür entscheiden, sie mit Werbeeinblendungen versehen zu lassen.

Lebensunterhalt über Youtube

Nach Aussagen von Youtube wird der "Großteil der Einnahmen" an die Partner ausgeschüttet. Aber noch viel mehr Geld verdienen die Youtuber, wenn sie Produkte vorstellen. Laut Süddeutscher Zeitung zahlen Firmen für eine "Kooperation" mit einem erfolgreichen Youtuber bis zu 13.000 Euro.

YouTube

Nicht nur Youtube, sondern auch andere Soziale Netzwerke machen Riesenprofite mit den Daten der Nutzer

Wenn der Youtuber dann in einem Video bis zu 25 verschiedene Produkte präsentiert, kann man sich vorstellen, welche Summen da verdient werden. Wer es auf 50.000 Klicks bringt, kann für ein Product Placement 3.500 Euro verlangen, bei 10.000 Klicks immerhin noch 525 Euro.

Doch nicht nur Youtube, auch andere Soziale Netzwerke machen Riesenprofit: Beispiel Facebook. Mehr als eine Milliarde Mitglieder weltweit nutzen Facebook als Onlinespeicher. Nutzer laden täglich 300 Millionen Fotos hoch.

Facebook als Fotoagentur

Das Hochladen eines Fotos im Internet kommt einer Veröffentlichung gleich. Deshalb müsste jeder, der ein Foto hochlädt, auf dem eine andere Person abgebildet ist, dafür eine schriftliche Einwilligung des Betreffenden einholen. Anderenfalls verstößt er gegen das Recht am eigenen Bild.

Trotzdem räumen die User Facebook umfassende Nutzungslizenzen für ihre Fotos ein, wie man in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook nachlesen kann. Deshalb kann Facebook die hochgeladenen Bilder auch weiternutzen und –vertreiben.

Zwar gilt dies derzeit nur für das Ausland, da ein Gerichtsurteil die Nutzung innerhalb Deutschlands untersagt. Trotzdem ist es aber Teil einer gigantischen juristischen Grauzone, die die Nutzung von Fotos im Netz darstellt.

Mädchen verbirgt ihr Gesicht vor Computermonitor

Jedes hochgeladene Foto einer Person ermöglicht eine exakte Lokalisierung derselben, obwohl diese keine Einwilligung gegeben hat

Zustimmung zu biometrischer Erfassung

Doch es handelt sich keineswegs nur um das Abtreten der Verwertungsrechte der User, auf dem die Sozialen Netzwerke hier bestehen, sondern um eine umfassende Erhebung biometrischer Daten, die zu allem möglichen genutzt werden kann.

Facebook (und viele andere Netzwerke) archiviert die Fotos, auch wenn die User sie schon längst wieder gelöscht haben. Mittels Gesichtserkennungs-Software sind die Netzwerke in der Lage, die abgebildeten Personen zu identifizieren. Jedes hochgeladene Foto einer Person ermöglicht so eine exakte Lokalisierung derselben, obwohl diese keine Einwilligung gegeben hat.

Denn seit Januar 2015 ist eine technische Neuerung aktiv: Ein so genannter Tracking-Cookie registriert alle Aktivitäten des Users im Internet und übermittelt sie an Facebook. Damit wird das gesamte Surf-Verhalten der User transparent und gespeichert.

Facebook sieht alles

Auch auf Internetseiten, die mit Facebook gar nichts zu tun haben.
Trotzdem bleiben Jugendliche Facebook oder dem von Facebook übernommenen, nicht minder datenhungrigen "WhatsApp" treu, beobachten Medienexperten.

Amanda

Amanda Michelle Todd hatte in einem Chat per Webcam vor einem Fremden ihren Oberkörper entblößt und wurde von diesem Mann später erpresst. Im Alter von 15 Jahren beging sie Suizid. Vor ihrem Tod veröffentlichte sie ein neunminütiges Video, in dem sie über ihre Geschichte schweigend mit handgeschriebenen Zetteln berichtete

Vielen Jugendlichen scheint es gleichgültig zu sein, was mit ihren Daten geschieht. Schließlich tun sie doch nichts Verbotenes. Außerdem wollen sie unbedingt am sozialen Leben per sozialem Netzwerk teilnehmen.

Sie wollen ihr "Ich im Netz" wiederfinden; ihre digitale Präsenz in der digitalen Welt. Die wenigsten wissen, dass es nicht beim bloßen Datensammeln bleibt. Welche Dimensionen die geplanten Daten-Verknüpfungen haben werden und vielleicht bereits haben.

Denn das Internet ist nicht kontrollierbar. Vor allem sind keine Daten darin wirklich sicher und geschützt. Im Web sind die Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung zudem kombiniert mit einer Reichweite, die für den Einzelnen zuvor undenkbar war.

Ebenso wie die Gefahren. Und so, wie wir Kinder und Jugendliche für die Gefahren fit machen, die in der realen Welt lauern, sollten wir das auch für die digitale Welt tun.

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