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Teaserbild zum Film "Heilen mit Hypnose"

SENDETERMIN Mi, 27.5.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Hypnotherapie

Trance als Mittel gegen Ängste und Schmerzen

Von Silvia Plahl

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Hypnose ist ein vielseitiges Therapeutikum. Sie lindert die Schmerzen von chronisch Kranken und Krebspatienten, sie dämpft übertriebene Ängste z.B. vor dem Zahnarzt und kann sogar manche Anästhesie ersetzen. Die Schulmedizin erkennt diese "ergänzende Heilmethode ohne Nebenwirkungen" inzwischen weitgehend an. Nun festigt die Hypnotherapie auch in der klassischen Psychotherapie ihre Stellung. Eine Trance kann z.B. dabei helfen, traumatische Erlebnisse besser zu verarbeiten.

In Trance gegen die Angst

Hypnotherapeut Harald Krutiak begrüßt seinen Klienten Dieter Rozowski. Der ist gekommen, weil er Präsentationsängste hat. Er gibt Trainings und hat Probleme damit, vor Gruppen zu stehen, und diese zu unterrichten. Das möchte er ändern. Harald Krutiak arbeitet mit Hypnose. Das heißt, er versetzt den Patienten in Trance und verbindet dann eine Situation, die bisher mit Angst verknüpft war, mit positiven Empfindungen.

Dieter Rozowski soll sich auf seinen Atem konzentrieren und sich selbst von einem "Ort des Wohlbefindens" aus in einer Präsentationssituation visualisieren. So kann er sich sozusagen aus sicherem Abstand betrachten und sich bewusst machen, was ihm jetzt helfen würde: vielleicht Gelassenheit, vielleicht Selbstvertrauen.

Dann kommt das Unbewusste mit in die Vorstellung - und mit ihm verborgenes und schlummerndes persönliches Potenzial. Erinnerungen, unbewusste Befindlichkeiten und Stärken. Sie sollen alte Muster aufbrechen und neuen Lösungen den Weg bahnen.

Palme am Strand

Ein Ort der Ruhe und Gelassenheit

Eine halbe Stunde hat Dieter Rozowski Zeit, in dem konzentrierten Entspannungszustand seine inneren Kräfte, unbewussten Gefühle und Kapazitäten, seine so genannten Ressourcen zu mobilisieren und neu zu verankern. Dann holt der Hypnotherapeut den Klienten aus der Trance zurück. Er erzählt, dass er an seinem Ort des Wohlbefindens war, den er zu Beginn der Behandlung für sich kreiert hat. Es ist ein Strand, an dem er bei angenehmen Temperaturen und leichtem Wind die Sandkörner an den Beinen spürt, die Gräser und Wellen rauschen hört, das Krächzen der Krähen und Geschrei der Möwen. Er beschreibt, in diesem Bild dann „zweimal vorhanden“ zu sein. Einmal als die Person, die angstvoll vor einer Zuhörergruppe steht, und einmal als die Person, die ihm gegen die Präsentationsängste helfen kann. Und der selbstbewusste Helfer-Dieter kann dem nervösen Dieter jetzt Dinge sagen wie „du kannst dich hier sicher fühlen“ oder „du kannst den Leuten hier etwas mitteilen“.

Eine anerkannte Ergänzung

Hypnose gegen Präsentationsangst und Nikotinsucht, gegen Schlafstörungen oder Phobien. Gerade bei solchen persönlichen Schwierigkeiten setzen Therapeuten die spezielle Heilkraft der Trance zunehmend ein. Der besondere Bewusstseinszustand, in dem wir uns zum Beispiel auch kurz vor dem Einschlafen befinden, hat sich in der Therapie körperlicher und seelischer Beschwerden mittlerweile etabliert. Ärzte- und Psychotherapeutenkammern erkennen die Hypnotherapie an. Psychologen empfehlen sie oft als Ergänzung von Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie. Denn in der Trance kann sich die Wahrnehmung von Ängsten oder Schmerzen verändern. Ganz spezifische Symptome wie eine Phobie können so sehr gezielt kurzfristig behandelt werden.

Rückenschmerzen

Bei Schmerzen ist Hypnotherapie häufig hilfreich

Den erfolgreichen Einsatz von Hypnose bestätigte das wissenschaftliche Gutachtergremium Psychotherapie der Bundesregierung bereits 2006. Bei Migräne wie bei der Geburtsvorbereitung oder beim Zahnarzt, oder zur besseren Bewältigung von Chemotherapien. Doch als eigenständige Behandlungsmethode hat sich die Trance bislang nicht durchgesetzt. Nur einzelne Krankenkassen finanzieren eine Hypnotherapie, etwa bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Eine Sitzung kostet zwischen 100 und 150 Euro.

Noch ist viel Forschung nötig

Rein äußerlich ist nicht festzustellen, ob jemand entspannt ist, schläft, meditiert oder in Trance ist. Im Magnetresonanztomographen (MRT) ist allerdings sichtbar, welche Gehirnaktivitäten aktiviert sind: die typischen für  hypnotische Trance, Entspannung oder Schlaf. Die Gehirnströme im EEG zeigen etwa im Schlaf langsame und niedrigwellige Delta- oder Thetawellen. In der Trance hingegen einen Wechsel von langsamen Alphawellen, die eine entspannte Wachheit kennzeichnen, und schnellen Betafrequenzen, die für eine erhöhte Konzentration stehen. Die Positronen-Emissions-Tomografie PET und die funktionelle Magnetresonanztomografie fMRT bilden

MRT-Bilder am Monitor

Im MRT wird die Wirkung sichtbar

daneben die aktiven Hirnregionen unter Hypnose ab: Der Erregungszustand im Frontalhirn verändert sich. Wo sonst die kognitiven Prozesse bewusst reguliert werden, lässt die Kontrolle nach, sie verschwindet jedoch nicht ganz. Mit Tagträumen oder einem Gehirn "im Leerlauf" ist dies nicht vergleichbar, da sich die Konzentration in der Hypnose auf bildhafte Vorstellungen oder Erinnerungen richtet. Das Gehirn wird in den entsprechenden Regionen vermehrt aktiv. Die Trance ist ein eigener Bewusstseinszustand. Sie kann genutzt werden, um etwa Schmerzfreiheit zu suggerieren oder Patienten beim Aufspüren von Lösungen oder in einem Heilungsprozess zu unterstützen – nicht nur bei psychologischen, sondern auch bei körperlichen Beschwerden. Noch ist aber unklar, bei welchen Beschwerden die Hypnotherapie wirkt und wo sie ergänzend oder ausschließlich angewandt werden kann.

Mit Hypnose gegen kognitive Verluste

An der Berliner Charité betreut der Anästhesist Friedrich Borchers aktuell eine Studie zu Hypnose-Therapie bei Operationen am offenen Herzen oder an der Wirbelsäule. Beides sind große Eingriffe, nach denen vor allem ältere Personen in ihren kognitiven Leistungen nachlassen. Lange Sedierungen, zu tiefe Narkosen, Entzündungen, aber auch Ängste oder Schmerzen können diese Defizite im Gehirn befördern. Die Trance kann gegensteuern, so die Annahme. Für die Erhebung begleiten die Universitätsmediziner 72 Patienten, im Durchschnitt 62 Jahre alt. Am Tag vor der Operation stellt das Team den Erkrankten die Hypnose-Therapie vor  und prüft, ob sie in Trance überhaupt auf Suggestionen reagieren. Wenn ja, werden kognitive Fähigkeiten wie die Reaktionsgeschwindigkeit getestet.

Dieselben Übungen werden eine Woche nach der Operation und drei Monate später wiederholt. Am Abend vor der OP werden die Patienten in der Klinik von einem Hypnotherapeuten in Trance versetzt. Es folgt eine weitere Hypnose drei Tage nach dem Eingriff und noch eine nach ein bis zwei Tagen Abstand. In diesen Trancezuständen sollen sich die Patienten unter anderem vorstellen, dass sie gesund werden und Zukunftspläne schmieden.

Hat all dies einen positiven Einfluss auf die Gehirnleistung der Operierten? Die Studie der Charité ist ausgewertet, aber noch nicht veröffentlicht. Sie zeigt: In der Gruppe der Personen mit Hypnose-Therapie entwickelten zehn Prozent bis zum Tag ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ein kognitives Defizit. Im Vergleich zu zwanzig Prozent der Patienten ohne Hypnose-Therapie. Die Studie ist statistisch noch nicht signifikant, aber der Effekt war sichtbar. Aber auch wenn es den Patienten emotional besser geht und sie im besten Fall sogar weniger Medikamente benötigen, würde Studienleiter Borchers nach heutigem Kenntnisstand eine Narkose durch die Trance ersetzen.

Zigarette in Aschenbecher

Raucher profitieren von der Hypnotherapie

Beim Scannen der Gehirne haben Forscher festgestellt: Bei Hypnotisierten sind besonders diejenigen Areale aktiv und gut durchblutet, die visuelle Vorstellungen verarbeiten oder Erinnerungen abrufen. Das könnte erklären, warum Imaginationen gut wirken und frühere Stärken wie eine Angstfreiheit wieder stimuliert werden können. Einige Untersuchungen machten auch deutlich: Je genauer ein Hypnotherapeut in der Trance das Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken anspricht, desto mehr Regung zeigen die entsprechenden Sinneszentren im Gehirn. Im Zusammenspiel können all diese Reaktionen offenbar eine Veränderung im Verhalten erzeugen. Wie bei der Raucherentwöhnung: Der Anlass zum Rauchen verliert an Bedeutung, die Zigarette schmeckt nicht mehr.

Vorsicht vor Scharlatanen

Hypnotherapie

Hypnose-Expertin Kerstin Gundemann

Ein Hypnosezustand ist aber ein sehr sensibler. Kein Patient oder Klient darf das persönliche Gleichgewicht verlieren. Hypnotherapeutinnen und -therapeuten tragen dafür die Verantwortung und müssen seriös ausgebildet und zertifiziert sein. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, daher führen die deutschen Fachverbände Listen mit berechtigten Zahnärzten, Psychologen, Allgemeinmedizinern, Onkologen. Die Deutsche Gesellschaft für Hypnose und die Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose sind die größten Vereinigungen. Der amerikanische Psychiater Milton Hyland Erickson, der 1980 verstorben ist, gilt als Begründer der modernen Hypnotherapie. Sein Ansatz war: Alles, was Klienten von sich aus mitbringen, Eigenschaften, Fähigkeiten, Erinnerungen, kann in relativ kurzer Zeit gewinnbringend aktiviert werden. Jede Person kann also in der Hypnotherapie "ihr Ziel" selbst erreichen.

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