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Notizen über ein verfemtes Insekt

Sendung vom Dienstag, 22.11.2011 | 8.30 Uhr | SWR2

"Der Herr sprach zu Moses: 'Strecke Deine Hand aus. Dann werden Heuschrecken über das Land Ägypten herfallen.'" Von der biblischen Plage wurde im Mittelalter auch Europa heimgesucht – etwa 400 Mal. Heuschrecken sind natürlich nicht nur Plage, sondern "hochbegabte" Insekten mit großem Nutzen für das Ökosystem. Nur knapp 90 der weltweit rund 20.000 Arten sind in Deutschland heimisch. Sie leben auf Wiesen und Sträuchern, in Hecken, Höhlen, Wäldern und Sümpfen. Wenn sie nicht gefressen werden von Vögeln, Igeln, Mäusen – oder Menschen.

Grünes Heupferd in Nahaufnahme sitzt auf einer Blüte vor blauem Hintergrund

Die Heuschrecke: Musiker und Sportskanone

Charakteristisch für Heuschrecken sind die kräftig ausgeprägten Sprungbeine, mit denen manche von ihnen aus dem Stand das 30-fache ihrer Körperlänge überspringen können. Darüber hinaus sind sie richtig gute Sänger: Keine andere Insektengruppe beherrscht eine so große Fülle verschiedener Gesänge, mit denen die Männchen vor allem Weibchen anlocken. Die Laute erzeugen sie in der Regel durch Reiben ihrer Flügel oder Beine. Jede Art hat ihre eigene Melodie und einen individuellen Rhythmus. Wie der Name schon vermuten lässt, sind Heuschrecken überaus schreckhaft. Nähert man sich ihnen zu abrupt, verstummt ihr zirpender Gesang und sie hüpfen in kraftvollen Sätzen davon. Die kleinste deutsche Heuschrecke ist mit etwa nur 2-3 Millimetern die Ameisengrille. Dagegen können Heupferde bis zu 5 Zentimeter lang werden.


Fressen und gefressen werden

Die meisten Heuschreckenarten bevorzugen gemischte Kost: Gräser, saftige Pflanzen, wie zum Beispiel Klee und Löwenzahn, dazu Insektenlarven, Raupen oder Blattläuse. Sie selbst sind für viele Vogelarten, eine wichtige Nahrungsgrundlage. Bei Störchen, dem seltenen Neuntöter oder auch dem Wiedehopf stehen Heuschrecken ziemlich weit oben auf der Speisekarte.

Übrigens: manche Heuschrecken, wie zum Beispiel die Warzenbeißer, können dem Feind im letzten Moment noch entkommen. Werden sie an einem ihrer Sprungbeine gepackt, können sie dieses dank einer Bruchstelle einfach abwerfen.


Heuschrecken profitieren vom Klimawandel

Heuschrecken, die ursprünglich nur im Mittelmeerraum angesiedelt waren, wie zum Beispiel die südliche Eichenschrecke, haben sich inzwischen durch die wärmeren Sommer in nördlicheren Gefilden, auch nach Deutschland verirrt. Diese weiten Wege legen diese Insekten, die sich meist nur hüpfend fortbewegen, auf Autos zurück. Andere Heuschrecken, wie die Beißschrecke zum Beispiel, entwickeln aus ihren  relativ kurzen Flügeln lange Flügel und können somit weitere Strecken zurücklegen.


Heuschrecken können zur Plage werden

In früheren Zeiten zählten wandernde Heuschrecken zu den größten Naturkatastrophen. Im Alten Testament sind gefräßige Heuschrecken-Schwärme eine der zehn Plagen, die über Ägypten hereinbrechen, weil der Pharao das Volk Israel nicht ziehen lassen will. Die sogenannten Wanderheuschrecken wurden und werden immer wieder zur Plage: So wurden noch im 19.Jahrhundert ganze Landstriche verwüstet. Einer der größten dokumentierten Heuschreckenschwärme fiel 1784 über Südafrika her. 2004 fraßen 70 Kilometer lange Schwärme in Afrika zwischen drei und vier Millionen Hektar Land kahl und wurden vom Nordpassat bis auf die Kanarischen Inseln hinaus vertrieben.

Der Wandertrieb dieser Heuschrecken beruht auf Stress. Für gewöhnlich ist die Wanderheuschrecke ein Einzelgänger. Zu den riesigen Schwarmbildungen kommt es dann, wenn die einzeln lebenden Tiere ein reiches Nahrungsangebot vorfinden und sich massenhaft vermehren. Durch die ständige Berührung mit Artgenossen, wird der Botenstoff Serotonin ausgeschüttet, der die Larven in einen Erregungszustand versetzt und ihr Aussehen und Verhalten verändert. Die harmlosen Heuschrecken verwandeln sich in einen zerstörerischen Schwarm.

Heuschreckenplage an einem Strand auf den Kanaren

Heuschrecken in Deutschland

Obwohl Heuschrecken hierzulande schon lange keinen Schaden mehr anrichten, sondern vielmehr ein Zeichen für intakte Ökosysteme sind, ist ihr Ruf nach wie vor nicht der beste. Dabei sind mittlerweile mehr als die Hälfte der Heuschreckenarten in Deutschland so selten, dass sie auf der Roten Liste stehen. Durch den massiven Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden und die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume drohen sie mit ihrem Gesang für immer zu verschwinden.


Von Claudia Heissenberg; Internetfassung: Helga Schreieck

Letzte Änderung am: 21.11.2011, 13.53 Uhr

Sendung Wissen montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen-Aula

Wiederholung: samstags von 21:03 bis 21.30 Uhr und sonntags von 14.32 bis 14.58 Uhr in SWR Info.

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