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Plattencover der Band Ideal

SENDETERMIN Do, 21.1.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Musik zwischen Revolte und Kommerz Die "Neue Deutsche Welle"

Ende der 1970er-Jahre schwappt eine Welle schneller, aggressiver Musik aus den USA und Großbritannien nach Deutschland: Punk und New Wave fallen hier auf fruchtbaren Boden. Denn die "Neue Deutsche Welle" hat in kürzester Zeit den Weg für eine neue, nachhaltige Kultur der deutschen Popmusik bereitet.

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Was Mitte der 80er Jahre als weichgespülte Massenware aus den deutschen Radios dudelt, hat Ende der 70er Jahre als Revolte gegen die Gigantomanie der internationalen Musikindustrie begonnen. Als "einziges nennenswertes Pop-Ereignis in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg", wie Thomas Schwebel, der Gitarrist der Gruppe "Fehlfarben", einmal sagt.

Markanter Grundstein

Ein Ereignis, das die deutsche Musikwelt spaltet und gleichzeitig den Grundstein legt für die deutschsprachige Rock- und Popmusik späterer Tage. Die "Neue Deutsche Welle" - kurz NDW - ist zunächst einmal eine quirlige, bunte Subkultur-Bewegung jenseits großer Musikverlage und Auflagezahlen. Und erlaubt ist alles, was Spaß macht.

Musiker Nena und Udo Lindenberg

Dank der "Neuen Deutschen Welle" gilt es heute als selbstverständlich, dass Popmusik auch auf deutsch gesungen wird.

Der Musiker, Songwriter und Musikproduzent Ulrich, alias "James" Herter betreibt heute in Reutlingen-Sondelfingen das Atlantis-Tonstudio, untergebracht in einem unscheinbaren Flachdachhäuschen mit Glasbausteinen in den Wänden. In den türkisblauen Kunststoffboden ist das Bild eines Blauwals eingelassen. "Atlantik halt", sagt James Herter, lacht und läuft auf quietschenden Turnschuhsohlen den Gang in Richtung Teeküche.
Den Wal gab's damals noch nicht. Da war das Studio noch in der Reutlinger Innenstadt. Damals 1982, als er mit seiner frisch gegründeten Spaß-Band KIZ die Hitparaden stürmte. Damals, als sich sein Reutlinger Musiker-Kumpel Hubert Kemmler in Hubert Kah verwandelte und mit James Herter den Superhit "Sternenhimmel" schrieb.

Auftritt im Nachthemd

Als Hubert Kah und James Herter gemeinsam den "Sternenhimmel" schreiben, ist die einstige Untergrundbewegung "Neue Deutsche Welle" bereits radiotauglich geworden. Die Songs erreichen die Massen. Und Hubert Kah wird innerhalb kürzester Zeit so berühmt, dass er zur ZDF Hitparade bei Dieter Thomas Heck eingeladen wird. Dort tritt er auf - im Nachthemd - ein Schock für das deutsche Fernsehpublikum.
Im Grunde genommen entspricht Hubert Kahs schrille Performance auch in den 80er Jahren noch der Grundidee der Neuen Deutschen Welle, den provokativen Idealen der deutschen Punkbewegung. Sie schwappt 1977 als Welle rotziger, schneller Musik von Großbritannien über den Ärmelkanal nach Deutschland.
Sie richtet sich gegen Bombast-Rock und Mainstream-Pop und weckt die Unterhaltungsmusik der geteilten deutschen Republik sozusagen aus einem musikalischen Tiefschlaf, erklärt der Musik-Journalist Burghard Rausch. Er selbst arbeitet damals als Musiker und Radio-DJ.

Hubert Kah bei einem seiner Auftritte 1986

Hubert Kah schockierte die ARD-Hitparaden-Zuschauer mit einem Auftritt im Nachhemd.

Deutscher Punk ist spät dran

In Großbritannien sind Punk und New Wave nach amerikanischem Vorbild längst allgegenwärtig. Schon seit 1975 treten im legendären New Yorker Underground-Club CBGB's neben den Ramones, Blondie oder der Patti Smith Group auch englische Bands auf. Sie tragen zerrissene Jeans, Nietenstiefel und Stachelfrisuren. Die wenigsten von ihnen beherrschen wirklich ein Instrument.

Begleitet von zwei bis drei Akkorden und oft nicht mehr Gitarrensaiten brüllen sie gegen die Missstände ihrer Generation an. Großbritannien steckt in einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. In Nordirland herrscht seit Jahren Bürgerkrieg. Fünf Millionen Menschen leben an oder unter der Armutsgrenze, 50.000 sind nach Schätzung sozialer Organisationen sogar obdachlos. In allen größeren Städten wuchern Slums nur wenige Kilometer neben den Stadtzentren.

Jugendbanden zerschmettern Fensterscheiben und räumen Lebensmittelgeschäfte aus. Gleichzeitig verliert das britische Pfund knapp 60 Prozent seines Wertes, und die Arbeitslosenzahlen steigen ins Unermessliche. In Deutschland ist die Situation nicht ganz so dramatisch, aber auch angespannt.

Band "Fehlfarben"

Die Band "Fehlfarben" - eine der Musikgruppen aus den Kindertagen der "Neuen Deutschen Welle".

Sprachexperimente auf deutsch

Vor allem bei den Jugendlichen in den deutschen Großstädten machen sich Unsicherheit, Wut und Resignation breit. Der Terror der RAF versetzt eine ganze Nation in Angst. Die Hoffnung auf eine deutsche Wiedervereinigung durch die neue, von Willy Brandt begonnene Ostpolitik, schwindet zusehends.

Außerdem lässt die Regierung trotz massiver Proteste immer neue Atomkraftwerke bauen. In Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Hannover, den kreativen Musik-Zentren Deutschlands, ist man darum besonders empfänglich für die "No-Future"-Parolen der englischen Punks.

Bisher haben nur wenige außerhalb der Schlager- und Liedermacherszene erfolgreich mit der deutschen Sprache experimentiert: Die Politrocker "Ton, Steine, Scherben" zum Beispiel, die Gruppe "Kraftwerk" oder Udo Lindenberg. Das wird nun schlagartig anders.

Punks

Die "Neue Deutsche Welle" hat ihre Wurzeln in der Punkbewegung, die sich Ende der 70er Jahre auch in Deutschland verbreitete.

Singende Provozierer

Auch wer deutsch singt, kann provozieren, fortschrittlich und rebellisch sein. Die Texte sind kurz, schlagzeilenhaft. Sie prangern Spießbürgerlichkeit an, Kriegstreiberei, Konsum und Kommerz. Man trägt Bierflaschen, Sicherheitsnadeln, Rasierklingen oder lebendige Ratten zu Lederjacken und farbverschmierten Fetzenjeans.

Die Wände in den angesagten deutschen Underground-Clubs sind - wie das New Yorker CBCB's - vollgekritzelt und mit Konzertplakaten, Aufklebern und Graffiti gepflastert. Es ist eng und heiß. Getanzt wird wilder Pogo. Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" beschreibt die dazu gehörige Musik als "unoriginellen, dilettantischen Lärm" und "zügellose Primitivmusik".

Eine Reaktion ganz nach dem Geschmack der Punks. Im Oktober 1979 schreibt der Journalist Alfred Hilsberg in der deutschen Musikzeitschrift "Sounds" über die junge wilde Musik in Deutschland. Analog zum englischen New Wave, nennt er sie Neue Welle. Neue Deutsche Welle. Und gibt der Bewegung damit unfreiwillig den Namen, mit dem sie Geschichte macht.

Cover Hubert Kah - Sternenhimmel

1982 ist der Reutlinger Musiker Hubert Kah mit seinem Superhit "Sternenhimmel" in den deutschen Charts erfolgreich.

Bezahlbare Hardware

Schon in den Kindertagen der Bewegung beginnen einzelne deutsche Bands wie Fehlfarben, DAF, Foyer des Arts, Palais Schaumburg, Spliff, Ideal oder die Neonbabies darum mit musikalischen Experimenten. Selbstironie, Witz und Parodie werden wichtige Stilmittel. Aber auch avantgardistische Düsterheit, Coolness und bewusste Übertreibung.

Bisher waren technische Geräte wie Sequenzer, Drumcomputer und Synthesizer unerschwinglich. Nun kommen bezahlbare Modelle auf den Markt. In Düsseldorf beginnt die Band "Der Plan" ihre Karriere im Übungskeller. Sie schneiden Jam-Sessions auf einem Kassetten-Diktiergerät mit und machen später daraus erste Schallplatten.

Im Reutlinger Tonstudio Atlantis räumt James Herter ein paar Kaffeetassen weg, leert die Aschenbecher und setzt sich auf ein schwarzes Vintage-Ledersofa. Bis gestern war das große Aufnahmestudio vermietet. Heute ist es hinter der Scheibe noch dunkel. Die nächsten Musiker kommen erst am Abend. Nebenan wird geprobt. Die Türen stehen offen.

Symbolbild Neue Deutsche Welle

Gegen Mitte der 80er Jahre verliert die "Neue Deutsche Welle" ihren Reiz für die Musikszene und die Hörer. Kritiker halten die Musikrichtung für zu kommerziell.

Das Ende der schnellen Welle

Das Musikgeschäft läuft ordentlich, sagt der Produzent und streicht sich die grau gesträhnten Haare hinter die Ohren. Den Durchbruch hat ihm allerdings tatsächlich die Neue Deutsche Welle gebracht, die für ihn immerhin zwei Jahre praktisch sein Lebensinhalt war.

Die Neue Deutsche Welle nimmt bis Mitte der 80er Jahre eine seltsame Entwicklung. Plötzlich will es keiner mehr gewesen sein. Viele Künstler und Anhänger der Anfangszeit finden die Welle jetzt zu kommerziell, zu trivial. Musikerinnen wie Nena sehen ihre Wurzeln nicht im Punk oder Avantgarde-Bereich und wehren sich darum gegen das Etikett. Für andere werden neue Impulse aus England wieder wichtiger. Bis 1985 schließlich sogar die Radiohörer keine Lust mehr haben auf die Neue Deutsche Welle.

So schnell wie sie begonnen hat, ist die NDW wieder vorbei. Ihren endgültigen Niedergang besiegelt schließlich der Profitgier der Musikindustrie, die sich anfangs nicht um die neue Musikströmung geschert hat. Der Musik-Journalist Burghard Rausch hat 2015 einen umfassenden Querschnitt durch die Songs der Neuen Deutschen Welle herausgebracht. Die witzigen, skurrilen und experimentellen Songs der Anfangszeit kennt man heute kaum noch. Übrig geblieben sind in der Erinnerung der Menschen hauptsächlich nervige Blödelhits.

Doch Kommerz hin – Revolte her. Das Erbe der Neuen Deutschen Welle ist heute noch spürbar. Egal ob Hiphop, Rock oder Pop, Helene Fischer, Grönemeyer, Lindenberg oder die Fantastischen Vier – es darf deutsch gesungen werden. Selbstbewusst und selbstverständlich.

Hör - und Lesetipps:

"Aus grauer Städte Mauern". 4x2 CDs . Da gibt es jeweils ein 100 Seiten starkes Booklet dazu, das Burghard Rausch, der auch in der Sendung vorkommt, geschrieben hat.

Frank Apunkt Schneider: Als die Welt noch unterging: Von Punk zu NDW; Ventil Verlag 2013.

Barbara Hornberger: Geschichte wird gemacht: Die Neue Deutsche Welle. Eine Epoche deutscher Popmusik; Königshausen u. Neumann 2011.

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