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Die Internetseite von Facebook und das Logo von WhatsApp auf einem Laptop bzw. einem Smartphone.

SENDETERMIN Fr, 27.11.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

Die digitale Versuchung Zerstreuen wir uns zu Tode?

Wir lassen uns dank digitaler Techniken permanent ablenken und haben Angst davor, mal ein paar Stunden offline zu sein. Das "Ich" des gewöhnlichen Internet-Users löst sich in lauter kleine Fragmente auf: Mal sind wir für Sekunden Facebooker, dann wieder Whats-Apper, Google- oder Wikipedia-Surfer. Wir verteilen unsere Aufmerksamkeit auf eine Vielzahl von Dingen und verlieren die Konzentrationsfähigkeit. Kann unser Gehirn mit diesen Zerstreuungsgefahren überhaupt umgehen?

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Im Jahr 2000 waren rund zehn bis 12 Prozent der Berufstätigen vom Burnout betroffen, 2014 sind es schon rund 20 Prozent, also jeder fünfte Arbeitnehmer und jede fünfte Arbeitnehmerin. Laut Robert Koch-Institut leiden rund 25 Prozent der deutschen Bevölkerung unter Schlafstörungen.

Muße und Entschleunigung

Die neue Shell-Jugendstudie zeigt: 99 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zum Internet. Sie nutzen im Durchschnitt 2,3 Zugangskanäle wie Smartphone oder Laptop. Zudem ist die junge Generation immer länger im Netz: Durchschnittlich 18,4 Stunden verbringen die Jugendlichen wöchentlich online, 2006 waren es noch weniger als 10 Stunden.

Für Joachim Bauer ist in unserer Gesellschaft in Sachen digitaler Reizüberflutung und Zerstreuung einiges aus dem Ruder gelaufen, gerade im Bildungsbereich. Der Psychosomatiker an der Universitätsklinik Freiburg hat in seiner Praxis täglich mit ausgebrannten nervösen Patientinnen und Patienten zu tun, deren Zahl stetig zunimmt.

Mann im Anzug sitzt mit Laptop und Smartphone im Biergarten

Im Jahr 2000 waren rund zehn bis 12 Prozent der Berufstätigen vom Burnout betroffen, 2014 sind es schon rund 20 Prozent, also jeder fünfte Arbeitnehmer und jede fünfte Arbeitnehmerin

Zusammen mit dem Psychologen und Achtsamkeitsforscher Stefan Schmidt, ebenfalls vom Uniklinikum Freiburg, leitet Bauer ein Forschungsprojekt, das herausfinden will, wie Muße und Entschleunigung neue Freiräume für Kreativität und Selbstzufriedenheit erobern könnten. Beide arbeiten auch mit Schulen zusammen und versuchen dem allgegenwärtigen Zerstreuungsmodus etwas entgegenzusetzen.

Überfordert Multitasking also unser Gehirn?

Für Bauer ist klar: Unser Umgang mit digitalen Medien reizt einseitig die Triebsysteme im Gehirn, zu kurz kommt dabei das Areal, das zuständig ist für Planung, Selbstkontrolle und Selbstbestimmung. Ähnlich sieht das auch der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig.

Er beschreibt zwei Mechanismen im Gehirn: Einmal das limbische System, da geht es um eine schnelle Belohnung, und außerdem gibt es ein System im vorderen Stirnlappen, das uns auf langfristige Ziele codiert. Jemand, der immer sofort seine Emails checkt, dem fällt es schwer, Belohnungen aufzuschieben.

Aus einem computeranimierten Smartphone fliegen verschiedene Apps heraus. Im Hintergrund sieht man mehrere Geldscheine.

Apps und Gadgets warten mit vielen schnellen Belohnungen auf uns

Das limbische System, von dem Korte spricht, hat mehrere Funktionsebenen. Ganz allgemein ist es Sitz des Unbewussten, das, was Freud das "Es" nannte. Dann steuert es lebenswichtige Systeme wie Atmung, Wärmehaushalt, Kreislauf. Im limbischen System werden zugleich die Botenstoffe produziert, mit denen sich das Gehirn belohnt, wenn es denkt, etwas gut gemacht zu haben.

Kindliches Erleben und planendes Denken

Das meint Korte mit den "schnellen Belohnungen", denn in diesem neuronalen Gebiet werden auf unbewusster Ebene Handlungen, Ereignisse, Episoden, Erinnerungen, Personen emotional eingefärbt. Das limbische System sagt uns: Dieser Sommerurlaub war wunderschön, diese Handlung sollten wir unterlassen, vor diesem Menschen müssen wir Angst haben.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Das limbische System ist – wie der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth schreibt- ein "kleines Kind", das nur spontan ein Geschehen oder ein Ereignis emotional bewerten kann. Es kann nicht über den Tag hinausdenken, es ist eingebunden in das Hier und Jetzt, in die ephemere Reiz-Reaktionsstruktur. Das limbische System repräsentiert auf neuronaler Ebene die Fragilität des zerstreuten Ich. Erst wenn dieses System ergänzt wird durch einen Bereich in der Großhirnrinde im vorderen Stirnlappen, wird aus dem "kleinen Kind" ein vernünftiger Mensch, der langfristig Ziele in Auge fasst, die Folgen seines Tuns überdenkt und seine Handlungen etappenweise plant.

Eine Frau bedient gliechzeitig Handy und Computer während sie ihrer Tochter bei den Hausaufgaben hilft

Wer sich um zu viele Dinge gleichzeitig kümmert, läuft Gefahr, viele Fehler zu machen.

Nach Bauer und Schmidt stimuliert unser Umgang mit digitalen Medien wie dem Smartphone immer wieder dieses "kleine Kind" im Kopf und fährt das rationale Steuerungssystem im Stirnlappen herunter. Die zerstreute Gesellschaft ist auf psychologischer Ebene deshalb eine infantile Gesellschaft, denn ihr ist schlichtweg die Kontrolle abhanden gekommen.

Die tiefe Weisheit der Marshmallow-Planung

Zu dieser Analyse passt auch das verblüffende Ergebnis einer der wohl berühmtesten psychologischen Langzeitstudien, die der Psychologe Walter Mischel zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts durchgeführt hat.

Das Setting sieht so aus: Man präsentiert Kindern in einem Raum auf einem Teller ein verführerisches Marshmallow. Der Versuchsleiter sagt dem Kind: Ich gehe jetzt für einige Zeit aus dem Zimmer, wenn Du es schaffst zu warten, ohne die Süßigkeit zu essen, bekommst Du, wenn ich zurück bin, zwei.

Fragezeichen und nachdenkendes Kind

Bei dem berühmten Marshmallow-Test wird ein Kind, vor dem ein Marshmallow auf einem Teller liegt, für eine gewissen Zeit allein in einem Raum gelassen

Einige Kinder konnten nicht an sich halten und verspeisten gierig das Marshmallow, sobald der Versuchsleiter verschwunden war. Andere konnten ihre Triebe kontrollieren und geduldig warten. Der Clou an der Studie: Die Psychologen begleiteten die Probanden beim Erwachsenwerden und siehe da: Die erfolgreichen Aufschieber waren als Erwachsene zufriedener, intelligenter, sie hatten die besseren Jobs als diejenigen, die sofort ihrer Gier nachgeben mussten.

Weniger ist mehr

Das hat nicht nur mit der begrenzten Kapazität des Arbeitsspeichers im Kopf zu tun, sondern auch mit der Architektur der Aufmerksamkeitssysteme. Man lernt umso effektiver, je länger man intensiv an einem Problem arbeitet. Das Gehirn braucht sehr lange, um sich auf eine neue Aufgabe einzustellen, weil die inneren Algorithmen der Fähigkeiten für diese Aufgabe neu eingestellt werden müssen, das kann bis zu 15 Minuten dauern.

Der Psychosomatiker Bauer und der Psychologe Schmidt setzen in diesem Kontext auf eine bestimmte Meditationsstrategie, die dem zerstreuten Ich wieder Konzentrationsfähigkeit, Muße und Intensität ermöglichen. Dabei geht es um das Prinzip der Achtsamkeit.

Marshmallow kommen aus einem Buch

Die erfolgreichen Aufschieber des Marshmallow-Experimentes waren als Erwachsene zufriedener, intelligenter, sie hatten die besseren Jobs als diejenigen, die sofort ihrer Gier nachgeben mussten

Stefan Schmidt deutet mit dem Achtsamkeitsmodell zwei zentrale Strategien an, die auch die erfolgreichen Kinder im Marshmallowtest angewendet hatten: Distanzierung von den eigenen Impulsen, also Selbstreflexion, und damit einhergehend kognitive Neubewertung.

Für fünf Minuten in die Luft gucken

Wer sich aus der Hektik des Arbeits- oder Schulalltags für Minuten herausnimmt, wer sein rationales Steuerungszentrum im Gehirn aktiviert, distanziert sich von seinen Trieben, macht sich frei von den Befehlen des limbischen Systems und kann dann eingefahrene Verhaltensmuster neu bewerten und ausmessen.

Zerstreuen wir uns also wegen der digitalen Apparate, die unseren Alltag dominieren, die uns minütlich begleiten und unsere Kommunikation verändern, konsequent zu Tode? Setzen wir unsere Konzentrationsfähigkeit aufs Spiel, werden wir oberflächliche dumme Reiz-Reaktionsautomaten?
Ein Beispiel aus dem Ausland: In einer chinesischen Millionenstadt ist ein Gehweg extra für Handynutzerinnen und Handynutzer eröffnet worden, damit die Menschen, die fortwährend aufs Display schauen, nicht mit Fahrradfahrern und handylosen Fußgängern kollidieren.

Twitter-Screenshot vom Account von Cameron Power: Wartende Menschen starren - mit Ausnahme einer Person - auf ihre Smartphones.

Dieses Bild wurde auf Twitter veröffentlicht, mit dem Titel: Was schaut der eine Mann dort hinten denn an, die Welt etwa? - da er als Einziger nicht auf ein Handy schaut

Der hochgerüstete digitale Kapitalismus attackiert fortwährend mit seinen neuen verheißungsvollen digitalen Waren- und Unterhaltungsangeboten unsere Aufmerksamkeitssysteme. Diejenigen, die sich dagegen immunisieren können, die selbstbestimmt handeln, sind wohl kaum gefährdet. Sie wissen genau, wie viel Ablenkung und Zerstreuung ihrer Psyche gut tut.

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