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Grafik: Kopf aus Puzzle-Teilen

SENDETERMIN Mo, 8.2.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Das Gedächtnis des Körpers

Es steckt uns in den Knochen, wir tragen einen schweren Rucksack, es schnürt uns die Kehle zu - Redewendungen, die von Erinnerungen, von Gefühlen und einem körperlichen Zusammenhang sprechen. Doch wie und warum ist der Körper an unseren Erinnerungen beteiligt und wie lässt sich therapeutisch damit arbeiten?

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Da das Auslagern des Gedächtnisses in die Großhirnrinde, also in den Langzeitspeicher, erst ab einem Alter von etwa drei Jahren funktioniert, hat man keine bewussten Erinnerungen an die Zeit vorher. Danach entstehen mit dem Geschehen und seiner Erinnerung Verbindungen in alle möglichen Abteilungen des Gehirns.

Keine Erinnerung, aber trotzdem im Speicher

Wenn die Erinnerungen an schwerwiegende traumatische Episoden nicht mehr abrufbar sind, weil man zu jung war oder auch um sich vor ihnen zu schützen, spielt diese Signatur des Körpers womöglich im Verborgenen weiter. Doch es fällt einem nichts Bewusstes dazu ein.

In der Körperpsychotherapie wird die Wahrnehmung des eigenen Körpers genutzt, um Unbewusstes aufzudecken und bewusst zu machen. Die Ursprünge dieser Methode der Psychotherapie liegen in der Psychoanalyse und den Lebensreformbewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Einflussreich waren insbesondere die Theorien des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, der davon ausging, dass Menschen sich einen, wie er es nannte, Charakterpanzer zulegen, als Resultat der eigenen Lebensgeschichte, und dass dieser Panzer sich nicht nur psychisch, sondern auch physisch in muskulären Spannungen manifestiert.

Körper und Bewusstsein

Körper und Geist können überhaupt nicht getrennt voneinander betrachtet werden - zu diesem Schluss kam auch der portugiesische Neurowissenschaftler und Bewusstseinsforscher António Damásio bei seinen Untersuchungen zu den Wechselwirkungen von Körper und Bewusstsein. Beides hänge unauflösbar zusammen beeinflusse sich ständig. Die Fakten zur Interaktion zwischen Gehirn und Körper belegen eine enge Bande.

Das Rückenmark ist über Nervensysteme mit dem gesamten Körper verbunden. Informationen aus allen Teilen des Körpers kommen hier an und werden an das Gehirn geleitet. Genauso gibt es aber auch den umgekehrten Weg, also einen ständigen Signalfluss in Form elektrischer Impulse hin und her.

Ein kleiner Junge stützt sich während des Fußballspiels mit einem Fuß auf dem Ball ab.

Über motorische Bahnen kommuniziert das Gehirn zum Beispiel mit der Muskulatur, dies geschieht unbewusst, automatisch, man spricht vom prozeduralen Gedächtnis

Speziell bei feinmotorischen Handlungen mit den Händen glüht die Verbindung geradezu. Die Nervenbahnen der Sinnesorgane im Kopf sind direkt mit dem Gehirn verbunden, umgehen also das Rückenmark. Sie nehmen über die Sinnesorgane Schall, Duft, Geschmack, visuelle Informationen auf und elektrische Signale, die in verschiedene Hirnregionen geschickt, dort verarbeitet und interpretiert werden.

Prozedurales Gedächtnis

Über motorische Bahnen kommuniziert das Gehirn zum Beispiel mit der Muskulatur. Wie schnell das alles geht, merkt man, wenn man z.B. stolpert und der Körper blitzschnell stabilisiert wird. Dies geschieht unbewusst, automatisch, man spricht vom prozeduralen Gedächtnis.

Gehen, Fahren, Tanzen, Musizieren - wir führen zu einem nicht unerheblichen Teil ein unbewusstes Dasein. Auch der Körper ist nicht so kopfgesteuert wie einst gedacht, der Magen-Darm-Trakt etwa ist mit einem vollkommen autark funktionierenden Nervensystem ausgestattet.

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Die körperlichen Symptome der Klienten verstehen die Therapeuten als Ausrufezeichen

Die Grundfunktionen des Körpers wie z.B. Körpertemperatur und Herzfrequenz werden unbewusst gesteuert über das vegetative Nervensystem: Über den Sympathikus werden Leistungen gesteigert, z.B. die Frequenz des Herzschlags, über den Parasympathikus gebremst. Auf diesem Weg greift auch unser Selbst, bestehend aus den Episoden unseres Lebens, in den Körper ein.

Körperpsychotherapie

Psychosomatische Erkrankungen sind Ansatzpunkt für die körperpsychotherapeutische Arbeit von Sylvia Glatzer. Die Wienerin praktiziert in Hamburg als "Körpertherapeutin mit Zusatzausbildung einer tiefenpsychologischen Körperpsychotherapie".

Das klingt etwas kompliziert, doch gibt es, vor allem aus rechtlichen Gründen, einige verschiedene Berufsbezeichnungen für körperpsychotherapeutische Arbeit. Zu Sylvia Glatzer kommen Klienten mit chronischen Schmerzen, mit Tinnitus, Magersucht, Borderline, Ängsten, Depressionen.

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Es gibt verschiedene Schulen und Techniken in der Körperpsychotherapie, neben Gesprächen stehen körperliche Übungen oder körperliche Berührungen im Vordergrund oder auch die Konzentration auf die "Innere Achtsamkeit"

Viele der Störungen entstünden mit den ersten Episoden eines Lebens, in den ersten drei Jahren der Entwicklung, sagt Sylvia Glatzer, und gerade hier sei die Körperpsychotherapie notwendig.

Die genauen Erinnerungen sind gar nicht so wichtig

Es gibt verschiedene Schulen und Techniken in der Körperpsychotherapie, neben Gesprächen stehen körperliche Übungen oder körperliche Berührungen im Vordergrund oder auch die Konzentration auf die "Innere Achtsamkeit". Eine Technik, bei der die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers gelenkt wird.

Der Klient gerate über die körperliche Wahrnehmung in einen Erlebensfluss, wie es Sylvia Glatzer nennt. Über diesen können dann Bilder entstehen, die aus der vorsprachlichen Zeit stammen. Doch gehe es in der gemeinsamen Arbeit nicht in erster Linie darum, dorthin zu gelangen, sondern sich in der Gegenwart weiterzuentwickeln.

Gehirn

Die Erinnerung ist nicht statisch, mit jedem Aufruf folgt ein neuer Speicherprozess

Die körperlichen Symptome der Klienten versteht Sylvia Glatzer als Ausrufezeichen. Doch es sei nicht immer wichtig, herauszufinden, was in der Vergangenheit genau passiert ist, sondern entscheidend für den Therapieerfolg sei, den Körper richtig zu verstehen und zu gucken, was ist das nächste Puzzleteil.

Mit der Bewusstwerdung eines Geschehens aus der Kindheit verändert sich auch die Erinnerung daran. Denn, das haben Hirnforscher nachgewiesen: Die Erinnerung ist nicht statisch, mit jedem Aufruf folgt ein neuer Speicherprozess. Wenn wir uns also an eine Episode erinnern, erinnern wir uns nicht an die Originalversion, sondern an deren Überarbeitung.

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