Zwischen Alltagsvehikel und Kultobjekt
Sendung vom Donnerstag, 26.5.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Einst galt Fahrradfahren als Zeitvertreib für reiche Schnösel. Mitte des 19. Jahrhunderts konnten sich nur wenige Menschen das neue Fortbewegungsmittel leisten. "Velokannibalen" attackierten die Radfahrer mit Stöcken und Steinen, weil diese die Pferde scheu machten. Doch der Siegeszug des Fahrrads war nicht aufzuhalten, auch wenn es lange Zeit noch abschätzig als das Auto des kleinen Mannes verlacht wurde.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das „Dandy Horse“, ohne Pedalen, auch als Draisine bekannt, war ein exzentrisches Fortbewegungsmittel, das auch gerne von Dandys gefahren wurde. Von vornehmen jungen Männern, die damit im Park fuhren und damit sich auch selbst zur Schau stellten.
Es war ein Prestigeobjekt, ein Luxussymbol, auch ein Zeichen, dass man das Geld hatte, auch mal was ganz Unsinniges, Nutzloses auszuprobieren, wie eben dieses „Hobby Horse“, das man eben zum Vergnügen im Park fuhr. Und erst allmählich entwickelte sich daraus die Funktion des Fahrrades als Verkehrsmittel, wie wir sie ja heute kennen.
Neueste Statistiken belegen: 82 Prozent der deutschen Haushalte besitzen mindestens ein Fahrrad, in jedem dritten Haushalt sind es sogar drei und mehr Räder. Insgesamt verfügen die Deutschen über rund 70 Millionen Fahrräder, mit denen sie immer mehr und längere Strecken fahren. Die Zahl der mit dem Auto zurückgelegten Kilometer hingegen ist deutlich gesunken. Deutschland, das Land der Autofahrer, wandelt sich. Das Fahrrad erlebt eine Renaissance.
In Münster ist das Fahrrad das meistgenutzte Verkehrsmittel. Täglich sind hier nach Auskunft des städtischen Verkehrsplanungsamtes mehr als 400.000 Menschen mit der Leeze, wie das Rad hier im Volksmund heißt, unterwegs. In der Stadt gibt es fast doppelt so viele Räder wie Einwohner. Das Radwegenetz hat eine Länge von 280km. Diese Superlative machen Münster zur Hauptstadt des Fahrrads in Deutschland.
Der Absatz der E-Bikes, auch Pedelecs genannt, ist enorm gestiegen. Auch weil sich das Image der Elektrofahrräder stark verändert hat. Ein Grund: die Motoren werden die Akkus immer leistungsstärker und kleiner. Der Akku ist meist nur noch ein unauffälliger Kasten, der auch als Werkzeugtasche durchgehen könnte. Äußerlich sind E-Bikes deshalb kaum noch von konventionellen Rädern zu unterscheiden. Und auch die Preise halten sich mit einem Einstiegspreis von etwa 1500 Euro im Rahmen.
Literaturangaben:
Anne-Katrin Ebert: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940. Campus, Frankfurt 2010
Dörte Bleckmann: Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland. Verlag Maxi Kutschera, Leipzig 1998
ARD-Themenwoche: Der mobile Mensch
Autor: Joachim Meißner / Webfassung: Clemens Zoch
Letzte Änderung am: 26.05.2011, 15.54 Uhr