Sendung vom Montag, 14.11.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Die Medizin galt lange Zeit als unfehlbar, die Ärzte als Halbgötter in Weiß. Vielen Ärzten gefiel dieses Image. Doch es entsprach oft nicht ihrem Alltag in Klinik und Praxis. Die Folge: Behandlungsfehler wurden systematisch vertuscht und totgeschwiegen.

Größte Fehlerquelle: Mangelnde Kommunikation
Viele Fehler, die in der Medizin passieren, sind auf menschliches Versagen zurückzuführen und auf ein System, in dem Teamarbeit und soziale Kompetenz bisher nicht systematisch entwickelt worden sind.
Auch in einer Hausarztpraxis beruhen die meisten Fehler und Irrtümer auf mangelnder Kommunikation. Da werden Blutröhrchen vertauscht oder Laborbefunde nicht weitergegeben, Rezepte falsch ausgefüllt oder Patienten im Wartezimmer vergessen. Gerade die Schnittstellen zwischen verschiedenen Fachärzten in und außerhalb des Krankenhauses bergen viele Stolperfallen und Unsicherheiten. Für den Patienten heißt das, unbedingt selbst wachsam sein und aktiv an der Behandlung teilnehmen.
Wie viele Behandlungsfehler in Deutschland passieren, lässt sich nur schätzen. Laut Aktionsbündnis Patientensicherheit, in dem Vertreter vieler Gesundheitsberufe, aber auch Patientenverbände und medizinische Institute organisiert sind, werden fünf bis zehn Prozent aller Krankenhauspatienten geschädigt. Bei 17 Millionen Behandlungen jährlich betrifft das etwa 1 Million Menschen. Für 17.000 Patienten endet der Krankenhausaufenthalt aufgrund von falschen Behandlungen sogar tödlich. Das sind aus internationalen Studien auf Deutschland übertragene Ergebnisse, denn die meisten Behandlungsfehler werden weder bei der Schiedskommission der Ärztekammern noch bei einem Gericht angezeigt.

Tupfer, Klemme, Schere - im Bauchraum wurde schon so einiges vergessen
2005 brachen prominente Chirurgen als erste das Schweigen und berichteten von Fehlern, die ihnen bei Operationen unterlaufen sind. Das brachte den Chirurgen in und außerhalb ihrer Zunft viel Ärger ein. Inzwischen sprechen auch andere Ärzte und Pflegekräfte öffentlich von Fehlern und Irrtümern: von Klemmen, die im Bauchraum vergessen, Arzneimittelunverträglichkeiten, die übersehen und Infusionen, die vertauscht worden sind.
Für mehr Sicherheit für die Patienten in Klinik und Arztpraxis setzt sich der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Niedersachsen ein. In einem Modellprojekt wurden die Abläufe im Krankenhaus genau unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich vor allem die Übergabe vom Krankenzimmer in den OP als Schwachstelle heraus: oft werden dabei wichtige Informationen über den Kranken falsch oder gar nicht übermittelt. Dies kann schnell zu einem unerwünschten Zwischenfall führen.
Deshalb wird an Strategien gearbeitet, wie solche Mängel in der Kommunikation zukünftig vermieden werden können. So begleitet z.B. eine ausführliche OP-Transfer-Checkliste den Patienten von der Station bis in den OP und wieder zurück. Jedes Detail, von Blutgruppe, über Arzneimittelallergie bis möglichen Komplikationen bei der Narkotisierung, wird festgehalten und überprüft.
Fehlermeldung
Etliche Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren computergestützte interne Fehlerberichtssysteme eingeführt, die auf Schwachstellen und Probleme aufmerksam machen sollen. Seit 2010 gibt es auch ein bundesweites internetgestütztes Meldesystem, das sogenannte CIRS-Netz. Initiiert wurde CIRS u.a. vom Aktionsbündnis Patientensicherheit und der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Jeder im Gesundheitswesen Tätige kann dort anonym über kritische Zwischenfälle berichten.
Von Eva Schindele, Internetfassung: Helga Schreieck
Letzte Änderung am: 11.11.2011, 13.41 Uhr