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SWR2 Wissen | SWR2 extra: Deutschlandreise Wicca - Religion der Hexen

Sendung vom Mittwoch, 28.12.2011 | 8.30 Uhr | SWR2

Sie nennen sich Hexen und sie wollen vor allem, so sagen sie, der Natur und anderen Menschen Gutes tun. Wiccas glauben, dass eine schlechte Tat dreifach auf einen selbst zurückfällt. Ihre Bewegung ist die am weitesten verbreitete neuheidnische Glaubensgemeinschaft. Sie entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Großbritannien, als Mixtur vorchristlicher, ägyptischer, indianischer und vor allem keltischer Elemente.

Das keltische Fest Beltane kennzeichnet den Anfang des Sommers


Wicca ist eine naturverbundene Hexen-Religion
Wie viele Menschen sich in Deutschland zu Wicca hingezogen fühlen, ist unbekannt. Auch weiß man nicht wer die Mitglieder sind.

Der Begriff Hexe ist historisch sehr negativ besetzt. Allein in Westeuropa haben kirchliche und weltliche Autoritäten zwischen 1500 und 1800 vermutlich weit über 100 000 Menschen umgebracht. Genaue Zahlen gibt es nicht. – Gefoltert, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, im Fluss ertränkt oder am Galgen erhängt wurden Frauen – aber auch Männer –, die nicht nach den gängigen Normen lebten, denen man zum Beispiel gefährliche magische Fähigkeiten unterstellte.

Wiccas glauben an einen Gott und eine Göttin

Kathrin Fischer:
Wicca ist eine Naturheidnische Religion, deren Anhänger an einen Gott und an eine Göttin glauben. Diese verehren sie in der Natur. Es sind Menschen, die sehr naturverbunden sind und einen Jahreszyklus und einen Lebenslaufzyklus haben, den sie an den Naturablauf angleichen.

Marion Näser-Lather:
Ja, sie glauben an den ewigen Kreislauf der Natur und daran, dass es eben einen Gott und eine Göttin gibt, die das gesamte Universum und alle Dinge durchdringen und sie glauben daran, dass sie Magie ausüben können, das heißt, dass sie durch die Konzentration von Energien auf ein bestimmtes Ziel, das Bewusstsein und die Realität verändern können.

Es gibt Hexen-Ehepaare und freifliegende Wiccas


Hexe Aengus und Hexe Lovis. Die beiden sind eine Ehepaar und Hohepriester im Zaunreitercoven in Marburg. Coven, so heißen die Zirkel, in denen sich Wicca-Hexen treffen. Es gibt aber auch sogenannte freifliegende Wicca, das sind die Solisten, die Autodidakten unter den Hexen, die keiner Gruppe angehören und ihr Hexentum ganz privat für sich leben. Zaunreiter bedeutet "Reiter auf dem Zaun zwischen den Welten", mit der Verpflichtung, beide Welten zusammenzuhalten. Die spirituelle Welt und die Alltagswelt. Unter zusammenhalten verstehen Sabine und Stefan Georgi aber auch einen respektvollen Umgang mit der Natur und Hilfe für Menschen, die in seelischer Not sind.

Ein ganz zentraler Glaubenssatz der Wicca ist das Gesetz der dreifachen Wiederkehr; sowohl im Guten als auch im Bösen. Hexe Lovis erklärt es so:
Was immer du tust kehrt dreifach zu dir zurück. Also tue nichts, von dem du das Echo nicht ertragen kannst.

Die Geschichte der Wiccabewegung

- Entstanden ist die Wiccabewegung in England, in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die meisten Ideen stammen aus dem 18. / 19. Jahrhundert.

- Zentrale Figur war der Engländer Gerald Brousseau Gardner (1884-1964): Gardner war eine Art Hobbyarchäologe und Hobby-Ethnologe und lebte vorwiegend in den britischen Kolonien. Bei seiner Feldforschung begegnete er Frauen, die behaupteten, sie seien Hexen und würden dies schon seit Jahrtausenden in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

- Gardner behauptet, es gäbe diese Hexenreligionen schon seit der Steinzeit. Man vermutet aber heutzutage, dass er die meisten Rituale und die Kosmologie selbst kreiert hat, beeinflusst auch von Okkultisten wie Aleister Crowley und freimaurerischen Ritualen.

- Gardner schrieb das erste Buch über Wicca oder den Hexenkult überhaupt und hat im Grunde alles, was er aus dem 18. und 19. Jahrhundert kennt, an okkulten Quellen neu "zusammengemischt".

Hexenkult im angelsächsischen Raum
In einzelnen Teilen der USA sowie in Schweden und Island ist die Wiccabewegung eine staatlich anerkannte Religion. Fast im ganzen angelsächsischen Raum wird sie mehr oder weniger offen gelebt. In Deutschland scheinen die Wicca eine geschlossene Gesellschaft zu sein, die die Öffentlichkeit eher scheut. Aus Angst, auf Unverständnis zu stoßen und auch, weil viele Wicca-Anhänger nach ihrem Outing negative Erfahrungen gemacht haben.


Wicca - Eine Sekte?

Pfarrer Ferdinand Rauch ist Sektenbeauftragter des Bistums Fulda. Er sieht auch die möglichen Gefahren der Wiccabewegung:
Die Menschen werden mit Dingen konfrontiert, die man nur durch einen guten Glauben für sich annehmen kann, aber es wird dargestellt als Tatsache und man nimmt Dinge an als Tatsachen, die in keinster Weise irgendwie nachprüfbar und beweisbar sind. Dann ist das eine geistige Verwirrung und ich werde völlig abhängig von dem, was mir Jemand sozusagen falsch verkauft und da kann ich nicht erkennen, dass ein Mensch dann wirklich realistisch ins Leben blickt. Ich kann nicht erkennen, dass das dem Leben dient, wenn man geistig verwirrt und damit auch ein Stück abhängig gemacht wird.

Kritiker wenden hier ein, dass auch in der christlichen Bibel vieles historisch nicht belegbar sei. Die Ethnologin Kathrin Fischer sieht auch Gemeinsamkeiten zwischen der katholischen Kirche und der Wiccabewegung.

Es gibt auch Parallelen zur christlichen Kirche

Kathrin Fischer:
Wenn man jetzt mal einen großen Gottesdienst sieht und sieht, wie der Priester mit dem Weihrauch dreimal um den Altar läuft und einen Kreis bildet, sind wir genau bei dem, was Wicca machen. Aber das resultiert wirklich aus dem Mischmasch, das da Gardner entworfen hat.

Dass der Sektenbeauftragte des Bistums Fulda Wiccagläubige so quasi als geistig Verwirrte bezeichnet, dagegen wehrt sich Kathrin Fischer.

Kathrin Fischer:
Ich persönlich habe keine psychiatrischen oder psychologischen Gutachten oder Forschungen bis jetzt gesehen, wo wissenschaftlich nachgewiesen wäre, dass geistige Verwirrung vorliegt. Also ich glaub das nicht und mit solchen Aussagen muss man auch ganz vorsichtig umgehen, denn geistige Verwirrung ist natürlich eine Diagnose. Da sollte man schon gucken, ob es denn solche Untersuchungen gibt. Ich kenne keine.

Wicca - für psychisch labile Menschen ungeeignet
Marion Näser-Lather:
Auf der individuellen Ebene kann es dazu kommen, dass wenn Menschen labil sind oder unter psychischen Krankheiten leiden, dass sie dann durch die Durchführung von magischen Ritualen psychisch noch kränker werden und dass es ihnen sozusagen nicht gut tut. Das hat dann aber was zu tun mit den Assoziationen, die sie selbst eben zu diesen Ritualen haben.

Sind die Kirchen wirklich dialogbereit?

Kathrin Fischer:
Also ich glaube, das Problem liegt einfach daran, dass es wirklich eine andere Art von Religion ist, die nicht anerkannt ist, die eine sehr große, weibliche Macht hat und mit Magie arbeitet. Und natürlich haben die Christen ein ganz klares Bild von magischen Arbeiten und auch von Hexen. Was bei mir sehr auffallend war, dass die Protestantische Kirche wesentlich weniger bereit war, in den Dialog einzutreten, die katholische Kirche eigentlich sich mehr öffnet diesem Dialog. Es sind natürlich oftmals auch die Sektenbeauftragten, die den Dialog dann aufgreifen und da sind im Grunde die Ausgänge schon klar. Aber das Hauptproblem ist eigentlich, dass dieser religiöse Dialog, diese Verständnis, dieses Probieren, den anderen zu verstehen von den Kirchen sehr abgeblockt wird.


Wicca- und (moderne) Hexenliteratur

  • Kathrin Fischer (Gesprächspartnerin in dieser Sendung), Das Wiccatum, Volkskundliche Nachforschungen zu heidnischen Hexen im deutschsprachigen Raum,
    Ergon Verlag 2007.
  • Starhawk und Ulla Schuler, Der Hexenkult als Ur-Religion der grossen Göttin. Magische Übungen, Rituale und Anrufungen, Arkana Verlag , 1995 und 1999.
  • Gerald B. Gardner, Ursprung und Wirklichkeit der Hexen. Witchcraft today, Heiden Verlag 2004.
  • Vivianne Crowley, Die alte Religion im neuen Zeitalter, Edition Ananael 1998.
  • Besen und Pentagramme. Handbuch für junge Hexen, Verlag Neue Erde 2001.
  • Vicky Gabriel, Der alte Pfad, Wege zur Natur und zu uns selbst, Arun Verlag 1999.

Peter Jaeggi, Internetfassung: Ralf Kölbel

Letzte Änderung am: 28.12.2011, 10.00 Uhr

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Wiederholung: samstags von 21:03 bis 21.30 Uhr und sonntags von 14.32 bis 14.58 Uhr in SWR Info.

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