Navigation

Volltextsuche

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Sendungen A-Z

Radio im SWR

SWR2 Wissen Suizidologie

Die neue Wissenschaft vom Suizid

Sendung vom Montag, 16.1. | 8.30 Uhr | SWR2

Jährlich sterben mehr Menschen durch Suizid als im Straßenverkehr, durch HIV, Drogen und Gewalttaten zusammen. Doch erst langsam beginnt die Forschung sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die neue Wissenschaft vom Suizid versucht nun offene Fragen zu klären.

Suizid ist bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache.

Suizid ist bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache.

Etwa 10.000 Menschen in Deutschland nehmen sich jedes Jahr das Leben. Zwei Drittel davon Männer. Erstaunlich, dass die Problematik trotzdem nur bei spektakulären Einzelfällen öffentlich wahrgenommen wird. Suizid ist zwar kein Tabuthema mehr, aber es gibt immer noch "heiße Eisen", wie etwa die hohen Suizidraten unter jungen Türkinnen. Kann man demnächst eine Suizidgefahr im Labortest erfassen? Und was ist eigentlich mit den Angehörigen oder Augenzeugen eines Suizids? Auch sie brauchen professionellen Beistand, der ihnen zu oft versagt bleibt. Viele offene Fragen für die neue Wissenschaft vom Suizid, die Suizidologie.

Der Suizid von Robert Enke

Ein trüber Freitagabend im November 2009. Auf seiner Fahrt von Bremen nach Hannover durchquert der Regionalexpress 4427 um 18:17 Uhr das Naturschutzgebiet Steinhuder Meer. Plötzlich steht ein Mensch auf den Gleisen. Die Notbremsung kommt zu spät. "Person unter Zug" steht später lapidar im Protokoll. Doch diese Person auf den Gleisen war nicht irgendjemand. Es war der Profi-Fußballspieler Robert Enke. Damit ist das Thema Suizid wieder einmal in den Medien. Neu an der Berichterstattung im Fall Enke ist die Offenheit, mit der über die Hintergründe gesprochen wird. Suizid, bisher eher als persönliches Versagen wahrgenommen, wird nun auch als Folge einer psychischen Erkrankung akzeptiert. Ein großer Fortschritt. Der Fall Enke hat aber auch dazu geführt, die Dimension der Problematik bekannter zu machen.

Starke regionale Schwankungen der Suizidhäufigkeit

Sowohl in der internationalen als auch in der regionalen Gegenüberstellung fallen extreme Schwankungen auf. So ist die Suizidhäufigkeit in Thüringen oder Sachsen mehr als doppelt so hoch als im Saarland. Und das ist kein Relikt oder Überbleibsel aus der DDR, wie viele Menschen vermuten. Sondern das ist auch schon so, seit es Aufzeichnungen in Deutschland aus dem 19. Jahrhundert über Suizide gibt. Im internationalen Vergleich sind die Schwankungen der Suizidraten sogar noch extremer: Warum nehmen sich in Litauen pro Jahr von 100.000 Einwohnern fast 50 Menschen das Leben, in Griechenland dagegen nur drei? Es gibt zwar mittlerweile genug Zahlenmaterial, aber das Problem an sich ist kaum verstanden. Niemand kennt die spezifischen Ursachen, warum bei manchen eine Lebenskrise oder eine Depression in der Selbsttötung endet, während die meisten Menschen damit irgendwie klarkommen.

Selbstmord unter Migrantinnen

Der größte Fortschritt beim Thema Suizid ist sicher, dass man jetzt offener damit umgeht. Es gibt weniger falsche Scham. Aber es gibt sie noch. Besonders dann, wenn kulturelle Aspekte als Ursache ins Spiel kommen. Hier steht die Suizidforschung noch vor großen Aufgaben. Türkischstämmige jüngere Mädchen und Frauen suizidieren sich fast doppelt so häufig wie gleichaltrige, einheimische junge Mädchen und Frauen. Umfassende Untersuchungen zeigen, dass Migranten – auch türkische – im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung eher ein geringeres Suizidrisiko aufweisen. Nur die jungen Türkinnen eben nicht. Ein statistischer Ausreißer ist unwahrscheinlich, denn auch die Rate der Suizidversuche ist bei diesen Frauen fünffach höher als erwartet.

Eine mögliche Erklärung: diese Mädchen oder jungen Frauen werden hin- und hergerissen zwischen den Kulturen, haben ein Identitätsproblem: Da ist die vom Islam geprägte Wertewelt. Und gleich daneben demonstrative sexuelle Freizügigkeit und Individualismus. Ein Gegensatz, der manchmal tragisch endet. Doch lässt sich der Konflikt zwischen traditionell, familiären Vorstellungen und dem westlichen Individualismus überhaupt überbrücken? Welchen Sinn machen Hilfsangebote für junge Migrantinnen in Konfliktsituationen?

In einer Studie "Wertewelten der Türken" wurden Türken in Deutschland und Türken in der Türkei befragt. Und man sieht anhand dieser Wertvorstellungen, auch der Rollenzuschreibungen bei von Männern und Frauen einen Wandel. Das heißt, die türkischstämmigen Menschen in Deutschland verändern ihre Einstellungen. Aber es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis "extreme" Positionen vielleicht nicht mehr so vertreten sind.

Selbstmord - Ausdruck von Selbstbestimmung?

Manfred Wolfersdorf, Leiter des Referats Suizidologie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, wirft den Medien vor, das Thema Suizid als Selbstbestimmung bei schwerer Krankheit oder Demenz zu sehr aus der Sicht des Gesunden heraus darzustellen. So entstehen Vorurteile.

Wolfersdorf: Ich glaube, dass man dieses Thema einfach viel zu hochspielt. Es ist im Übrigen wissenschaftlich auch nicht belegt bzw. sogar falsch, dass Menschen mit terminalen Krebserkrankungen sich mit Gedanken der Selbsttötung beschäftigen. In terminalen Zuständen ist die Suizidrate, die Suizidmortalität, sogar geringer wie in der Allgemeinbevölkerung.

Suizid - Folge einer Stoffwechselstörung?

Nur sind solche Fakten eben wenig bekannt. Das Grundproblem der Suizidforschung würde dies aber auch nicht lösen: Die Frage, warum jemand den letzten Schritt tatsächlich macht, kann bisher niemand wirklich beantworten. Doch das könnte sich eventuell ändern. Vieles deutet darauf hin, das Suizidopfer typische Veränderungen des Gehirnstoffwechsels aufweisen. So ergab eine aktuelle Studie bei amerikanischen Soldaten einen unerwartet eindeutigen Befund. In Gehirn der Soldaten, die Suizid begangen hatten, waren die Omega-3-Fettsäuren massiv vermindert. Ist das die Erklärung, warum einige den letzten Schritt gehen? Gibt es vielleicht sogar bald einen Labortest, der Suizidgefährdung frühzeitig erkennt?

Wolfersdorf: Also wir haben auch ein paar biologische Marker, die aber keine präventive Bedeutung haben. Also man kann jetzt nicht sozusagen alle Menschen in ein psychophysiologisches Labor schicken und dann herausbekommen, wer suizidgefährdet ist. Das gibt die Wissenschaft nicht her. Da wäre der Anteil der falsch Positiven riesengroß.

Methode zur Erkennung von Selbstmordabsichten

Doch es gibt eine sehr zuverlässige Methode, um einen drohenden Suizid sicher zu erkennen. Ein verblüffend einfaches Testverfahren, das auch Laien anwenden können. Wolfersdorf: Die zentrale Methode beim Menschen, Suizidalität festzustellen ist, ihn danach zu fragen. Ernsthaft, direkt danach zu fragen, und zwar ganz konkret zu fragen. So im Sinne: Wenn es jemand so schlecht geht wie Ihnen, denkt man gerne daran, diese Situation zu beenden. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Und entgegen der landläufigen Meinung kann man mit einer solchen Frage auch nichts falsch machen, auch nicht als Laie.

Wolfersdorf: Sie reden das einem Menschen, der nicht suizidal ist, nicht ein, das gibt es nicht. Menschen, die sich mit Suizidgedanken beschäftigen, sind überwiegend froh, wenn man darüber reden kann.  

Von Horst Gross; Internetfassung: Ralf Kölbel

Letzte Änderung am: 13.01.2012, 13.23 Uhr

SWR2 Wissen

Sendung Wissen montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen-Aula

Wiederholung: samstags von 21:03 bis 21.30 Uhr und sonntags von 14.32 bis 14.58 Uhr in SWR Info.

Headset Ihre Meinung zu SWR2

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unserem Programm äußern. [mehr zu: Ihre Meinung zu SWR2]

Service SWR2 Wissen Newsletter

Der kostenlose Newsletter informiert Sie wöchentlich per E-mail über die Themen von SWR2 Wissen und Aula. [mehr zu: SWR2 Wissen Newsletter]

Zukunftsgerichtet: Die Bibliothek auf dem iPad Wissen | Digitale Bibliothek Wissen für unterwegs

Ab sofort gibt es auch die Manuskripte von SWR2 Wissen für mobile Endgeräte im so genannten EPUB-Format. [mehr zu: Wissen für unterwegs]