Die Geschichte chinesischer Esskultur
Sendung vom Dienstag, 6.12.2011 | 8.30 Uhr | SWR2

Speisen ist für Chinesen weit mehr als Nahrungsaufnahme - es ist eine Form der Geselligkeit. Meist isst man gemeinsam mit anderen und nicht selten Geschäfte werden oft im Restaurant abgeschlossen. Die chinesische Küche gilt als eine der großen Küchen der Welt.
Dabei gibt es eigentlich gar nicht die eine chinesische Küche, sondern verschiedene Regionalküchen: zum Beispiel die kantonesische Küche im subtropischen Südosten, die Fujian-Küche mit ihren Fischspezialitäten an der Ostküste, die scharfe Sichuan-Küche im Westen oder die Peking-Shandong-Küche im trocken-kalten Norden mit ihren Teigwaren-Spezialitäten.
Gutem Essen kommt in der von Hungerkatastrophen gezeichneten chinesischen Geschichte eine große Bedeutung zu, prägten doch Hunger und Mangel über Jahrtausende das Leben der meisten Chinesen. Noch zu Beginn der 1960er Jahre gab es die letzte große Hungersnot in der Volksrepublik: Unter Mao Zedong wurde die Landwirtschaft schlicht vernachlässigt, mehr als 50 Millionen Menschen kostete Maos "großer Sprung nach vorn", die Industrialisierung der Volksrepublik China, das Leben. "Es heißt dann immer, das seien die Witterungsumstände gewesen, aber das stimmt nicht. Es war menschliches Versagen, was in dem Fall zu solchen Katastrophen geführt hat, dass in manchen Bereichen Chinas Kindergärten und Schulen geschlossen werden mussten", so der Professor für Chinawissenschaften an der Universität München, Thomas Höllmann.
So begrüßten sich Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen noch vor 30 Jahren in der Volksrepublik China. Wer die Frage bejahte, signalisierte, dass es ihm gut ging. Essen galt und gilt als Statussymbol: "Wer was auf sich hielt, musste einladen und musste sich dabei besonders großzügig erweisen. Das Schlimmste, was einem chinesischen Gastgeber passieren kann, ist, wenn alles aufgegessen wird. Das würde heißen: Er hat nicht genug in das Essen investiert und das könnte dazu führen, dass er sein Gesicht verliert", so Höllmann.
Darüber hinaus kommt Speisen auch eine besondere Funktion zu, beispielsweise bei bestimmten rituellen Handlungen. Dies wird durch die Zubereitung und den Verzehr bestimmter Gerichte demonstriert. Noch heute wird dies beim Besuch der Gräber im Herbst zelebriert, der einem Picknick mit den Verstorbenen auf dem Friedhof ähnelt.
Befremdlich und irritierend wirken auf westliche Ausländer noch immer die traditionellen chinesischen Sitten bei Tisch: Schmatzen und Schlürfen gilt keineswegs nur in bodenständigen Restaurants als Zeichen hörbaren Genusses. Das Schneuzen ins Taschentuch hingegen – in Europa problemlos möglich – wird bei Tisch als ungehörig betrachtet. Als heikel kann sich durchaus auch die Handhabung der Essstäbchen erweisen – man sollte sie zum Beispiel tunlichst nicht senkrecht in die gefüllte Reisschale stecken: das erinnert an eine Schale mit Räucherstäbchen bei einer Trauerzeremonie!
Das Feature von SWR2 Autorin Dagmar Lorenz liefert Kostproben chinesischer Kochkünste, serviert literarische Zwischengänge und informiert über eine der raffiniertesten Küchen der Welt im Zeichen von Tradition und Globalisierung.
Eine Sendung von Dagmar Lorenz. Webfassung Claudia Tenk.
Letzte Änderung am: 05.12.2011, 17.49 Uhr