Sendung vom Freitag, 2.12.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Das Leben ist nicht so, wie es sein sollte – vielleicht sollte es auch besser gar nicht sein. Unzufriedene Menschen stören sich an den Unvollkommenheiten des Alltags und am Dasein als solches. Die Ausdrucksweisen der Unzufriedenheit sind so vielfältig wie ihre Anlässe: jammern über das ständige Pech, schimpfen über Chef und Arbeit, aufstöhnen bei Störungen durch Frau, Kind und Katze, meckern über die Politik und das Leben. Doch Murren und Meckern hat auch seine positiven Seiten, es regt zum Nachdenken an und verhindert Resignation.

Ehepaar diskutiert
Stänkern, maulen, murren, mäkeln, quengeln, knurren. Granteln, jammern, grollen, tadeln, wettern, schmollen. Mosern, motzen und monieren. Wer mit sich und der Welt unzufrieden ist und ein wenig kreativ, hat vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten, diese Unzufriedenheit sich und seiner sozialen Mitwelt mitzuteilen.
Unzufriedenheit entsteht durch unterdrückten Ärger
Die Schweizer Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Verena Kast sieht in der Unzufriedenheit eine Art psychische Umweltverschmutzung:
Unzufriedenheit ist für mich, wenn Sie zum Beispiel Ärger die ganze Zeit unterdrücken, dann kann das zu so einer Ärgerstimmung kommen. Dann ist alles nicht in Ordnung, man kann an allem Herumnörgeln, ohne aber, dass man kundig unzufrieden wäre, sondern man nörgelt. Es ist so eine Art psychische Umweltverschmutzung, ohne dass wirklich die Konsequenzen davon gezogen werden würden.
In ihrem Buch "Vom Sinn des Ärgers" analysiert Verena Kast an Beispielen aus Ehetherapien die destruktiven Dynamiken von Unzufriedenheit.Ärger ist für mich die Emotion, die wir haben, wenn wir in unserer Selbsterhaltung gebremst oder beeinträchtigt werden oder in unserer Selbstentfaltung gebremst. Das ist im Grunde, wenn wir nicht ernst genommen werden von anderen Menschen, wenn wir attackiert werden, körperlich, psychisch, wenn wir aber auch uns missverstanden fühlen, wenn wir meinen, wir bekommen nicht die Zuwendung, die uns zusteht. Und der Ärger hat einfach den Sinn zu sagen, he, schau hin. Da ist etwas für dich nicht in Ordnung. Kannst Du es in Ordnung bringen?
Unterschwellige Unzufriedenheit führt selten zu Veränderungen
Unzufriedenheit kann, so Verena Kast, auch ganz andere Gründe haben:
Nehmen Sie einmal an, Sie haben eine depressive Struktur, Sie machen alles für die anderen, die ganze Zeit schauen Sie, was wollen die anderen und Sie hoffen, dass Sie dadurch die Liebe bekommen. Sie vergessen aber ganz, dass Sie selbst auch Bedürfnisse haben, dass Sie Wünsche haben und so weiter. Das gibt natürlich auch so eine unterschwellige Unzufriedenheit und man kann nur hoffen, dass das eine richtige Unzufriedenheit gibt, denn alles, was so unterschwellig ist, was so dahin wabert, das bringt uns nicht dazu, etwas zu verändern. Und wenn es dann wirklich heftig wird, dann müssen wir auch etwas verändern.
Bekritteln, tadeln, kritisieren, zerreißen, bemängeln, reklamieren. Sich beklagen und beschweren, sich ärgern, empören und aufbegehren. Protestieren, demonstrieren, revoltieren, demolieren. Woraus resultieren diese Emotionen? Die können daraus resultieren, dass ich die Verhältnisse als ungerecht empfinde.
Arbeitslosigkeit macht unzufrieden
Emotionssoziologen an der Freien Universität Berlin beschäftigten sich in einem Forschungsprojekt mit negativen emotionalen Reaktionen: Gibt es Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen, vor allem sozialer Ungleichheit und den Emotionen, die von Menschen empfunden werden?

Arbeitslose stehen Schlange
Mehr als 20.000 Menschen wurden dazu befragt, was sie fühlen, wenn sie soziale Ungleichheit erleben. Die Auswertung der Fragebögen bietet zunächst wenig Überraschendes: Je geringer das Einkommen, desto häufiger sind Menschen unzufrieden über soziale Ungleichheiten.
Nicht allein das niedrige Einkommen, sondern vor allem die Arbeitslosigkeit verursacht Unzufriedenheit. Das macht das oft verbreitete Bild vom Arbeitslosen, der faul und glücklich sein Leben genießt, einmal mehr ideologieverdächtig. Das bürgerliche Arbeitsethos dominiert auch den Arbeitslosen und macht ihm Angst, so die Umfragen, macht ihn aber auch unzufrieden und ärgerlich.
Auch Chefs, Manager und Direktoren sind chronisch unzufrieden
Interessanterweise hat man einen ähnlichen Effekt für Ärger, auch für besonders statushohe Menschen. Also auch Menschen in hohen Statuspositionen empfinden häufiger Ärger, sind unzufrieden - wahrscheinlich deshalb, so ließe sich spekulieren, weil etwa Managerinnen, Professoren, Direktorinnen unzufrieden sein müssen – aufgrund ihres beruflichen Selbstverständnisses als "Chefs" und dynamische "Macher".
Gesellschaftliche Einrichtungen zur Beherrschung der Unzufriedenheit
Unzufriedenheit ist in der Gesellschaft institutionalisiert, zum Beispiel in Einrichtungen, in denen sich Bahnkunden oder Menschen, die bei Versandhäusern Kleidung oder andere Gegenstände bestellt haben, telefonisch beschweren können. So gab es für die Bürger der ehemaligen DDR die Möglichkeit, eigene Probleme in der Form so genannter "Eingaben" zum Ausdruck zu bringen.

Erich Honecker war zu DDR-Zeiten ein gefragter Mann. Etwa zwei Millionen Briefe erhielt er in seiner Amtszeit, die meisten davon "Eingaben". Herrscher der Feudalzeit installierten für ihre Untertanen die Möglichkeit, Bittgesuche zu stellen. Beides waren Möglichkeiten, Unzufriedenheit zu kanalisieren, um so die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten.
Überall in der Gesellschaft sind "Unzufriedenheitsventile" installiert: Die Möglichkeit, vor Gericht zu gehen oder zum Eheberater, Protestparteien zu wählen, Bürgerinitiativen zu gründen, zu demonstrieren, zu bloggen, zu twittern … So wird Unordnung durch Unzufriedenheit als "Verkehrsform" akzeptiert, systemstabilisierend institutionalisiert und alle sind zufrieden.
Zufriedene Menschen sind langweilig
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
Für Friedrich Nietzsche sind zufriedene Menschen das „Letzte“: Spießig und lächerlich, ohne Träume, ohne Neugier, aber auf eine bornierte Art glücklich.
Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ – fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. (…)
„Wir haben das Glück erfunden“ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Die letzten Menschen, wie sie Nietzsche versteht, sind mit sich und der Welt zufrieden, langweilig.
Unzufriedenheit ist der Motor der Entwicklung
Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Erfolg
- so eine kalenderspruchtaugliche Weisheit des irischen Schriftstellers Oscar Wilde: Unzufriedenheit ist eine Voraussetzung dafür, etwas zu ändern, initiativ zu werden, etwas besser zu machen, erfolgreich zu sein, etwas zu leisten, auch: mehr wissen zu wollen. Das kennzeichnet nicht nur die Eliten, sondern mittlerweile große Teile unserer Gesellschaft. Die Menschen sind chronisch unzufrieden, weil Unzufriedenheit eine akzeptierte alltägliche „Verkehrsform“ unserer Gesellschaft ist seit etwa 200 Jahren.
So sieht auch der Philosoph Steffen Dietzsch das Positive in der Unzufriedenheit: Man muss immer das aufrufen, was uns immer noch am nächsten steht, dass wir unsere Unzufriedenheit kultivieren und dass wir durch unsere Unzufriedenheit etwas mit uns selber in Gang setzen und etwas für die Welt in Gang setzen, was nicht die Welt heilen und nicht die Welt erlösen wird, natürlich nicht, aber was uns in die Welt wieder hinein verwickelt.
Rolf Cantzen; Internetfassung: Ralf Kölbel
Letzte Änderung am: 02.12.2011, 15.17 Uhr