Sendung vom Dienstag, 29.11.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Die so unschuldig weiße Milch ist vom Naturprodukt längst zu einem Rohstoff der Lebensmittelindustrie geworden. Milchwerke überschwemmen den heimischen Markt mit immer neuen Produkten – und arme Länder mit Milchpulver. Im Verdrängungskampf galt für Bauern und Molkereien jahrzehntelang die Regel: Wachsen oder Weichen.

Rund vier Millionen Milchkühe in Deutschland geben in einem Jahr etwa 30 Millionen Tonnen Milch. Viele der derzeit 100.000 deutschen Milchwirtschaftsbetriebe sind heute keine einfachen Bauernhöfe mehr, sondern landwirtschaftliche Agrarfabriken. Sogar Fonds und Investmentgesellschaft beteiligen sich an diesen Großbetrieben.
Landwirtschaftlicher Milchvieh-Großbetrieb
Kühe im StallDass in einer solchen Milchfabrik über 1.000 Milchkühe stehen, ist normal. Die Tiere werden mit Kraftfutter versorgt, damit sie möglichst viel Milch geben. Faktoren wie zum Beispiel das Stallklima sind genau festgelegt – schließlich wollen die milchverarbeitenden Firmen konstante Qualität, damit der produzierte Käse und der Joghurt auch immer gleich schmeckt. Der Geschmack eines Milchprodukts, der sich naturgemäß je nach Jahreszeit ändert, entspricht nicht den Standards der Industrie. In vielen landwirtschaftlichen Großbetrieben wird mit einem sogenannten Melk-Karussell gemolken. Die Kühe stehen in Boxen und während sich das Karussell langsam dreht, legen Arbeiter den Kühen die Melkmaschinen an. Die Milch wird dann computergesteuert in Tanks gepumpt und dabei ständig kontrolliert.
Zurück zur Natur
Laut einer aktuellen Studie achten etwa 51 Prozent der Kunden beim Kauf von Lebensmitteln auf den Preis. 49 Prozent sagten, es komme ihnen in erster Linie auf die Qualität eines Lebensmittels an. Der Bio-Trend hat auch den Milchmarkt erfasst. Davon profitieren Betriebe, die wieder auf natürliche Viehhaltung setzen und der Massentierhaltung den Rücken kehren. Auf kleineren Höfen im Allgäu ist zum Beispiel das vor Jahren beliebte Braunvieh mit seinem dichten Teddy-Fell als Milchkuh beliebt. Diese Tiere verbringen viel Zeit auf der Weide, Kraftfutter ist weitegehend tabu.
Abnehmer für Bio-Milch sind in der Regel kleine Molkereien. Im Allgäu gibt es davon nur noch wenige. Während in einem solchen Betrieb im Jahr nur um die 800.000 Liter Milch verarbeitet werden, setzt ein Industrieunternehmen bis zu 3.000mal so viel Milch in Käse, Quark und Butter um.
Milch galt in den 1920er Jahren als eines der besten Lebensmittel
Seit den 1960er Jahren haben Tetrapacks Glasflaschen weitgehend abgelöst
Konsum von Sahne galt in den 1960er Jahren als Zeichen für Wohlstand"Milch macht müde Männer munter" – Milch entwickelt sich zum Massenprodukt
1886: Molkerei in Dresden bietet zum ersten Mal Kondensmilch an. Durch Erhitzen wurde der Milch Wasser entzogen. So machte man Milch haltbar.
1926: "Reichsmilchausschuss" will, dass die Deutschen mehr Milch trinken
1950: Milch ist in Deutschland keine Mangelware mehr und wird ganz nach amerikanischem Vorbild zum Modegetränk. Die ausgezehrte Bevölkerung sollte nach dem Krieg mit Milch wieder zu Kräften kommen. Somit wuchs auch die Wertschätzung der Milchbauern.
ab 1960: Ultrahocherhitzte H-Milch kommt in die Regale. Glasflaschen werden immer mehr von Tetrapacks abgelöst. Fruchtjoghurts boomen, der Konsum von Schlagsahne ist ein Zeichen für das wirtschaftliche Wohlergehen.
seit 1990: Zahl der milchverarbeitenden Betriebe in Deutschland ist von 500 auf 200 gesunken.

Prinzip des Lebensmittelhandels: "Immer alles" statt "Jedes zu seiner Zeit"
Blick in die Zukunft
Die Anzahl der milcherzeugenden Bauernhöfe wird weiter zurückgehen. Bleiben werden marktbeherrschende Lebensmittelkonzerne und landwirtschaftliche Großbetriebe.
Für die sogenannte biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, nach deren Prinzipien Milchbauern arbeiten, die sich den Demeter-Grundsätzen verpflichtet haben, wird es im Lebensmittelhandel nur wenig Verständnis geben. Sich zum Beispiel nach den Gegebenheiten der Jahreszeiten richten, wie es Demeter-Bauern tun, kann der Handel nicht. Hier wird es wohl auch in Zukunft heißen "immer alles" statt "jedes zu seiner Zeit".
Helmut Frei, Internetfassung: Helga Schreieck
Letzte Änderung am: 28.11.2011, 14.48 Uhr