Wie die Entwicklung nach Plan forciert wird
Sendung vom Mittwoch, 16.11.2011 | 8.30 Uhr | SWR2
Nicht Mumps und Masern heißen heute die typischen Kinderkrankheiten, sondern Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Entwicklungsstörung. Mehr als die Hälfte aller Kinder unter zehn Jahren hat wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Auffälligkeiten schon eine Therapie gemacht. Ist das wirklich immer sinnvoll?

20 Prozent der Kinder gelten als verhaltensauffällig
Aggressiv, unkonzentriert, motorisch unruhig-Verhaltensauffälligkeiten wie diese sind bei immer mehr Kindern zu beobachten. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (KIGGs) zeigen heute 20 Prozent der Kinder Verhaltensmerkmale wie diese. Jungen sind stärker betroffen als Mädchen. Darüber hinaus belegt die Studie, dass immer mehr Kinder Probleme mit der Koordination ihrer Bewegungen haben.
Weit mehr als die Hälfte der Sechsjährigen können ihre Bewegungen nicht koordinieren, scheitern schon an einfachen Aufgaben wie Rückwärtsgehen oder Balancieren. Kinder, die solche Verhaltensauffälligkeiten zeigen, werden heute immer mehr in einer sogenannten Ergotherapie behandelt. Bei dieser Art der Behandlung lernen Mädchen und Jungen durch spezifische Übungen, Bewegungsabläufe, Gleichgewichtssinn oder Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Auch andere Behandlungsformen, wie Logopädie erfahren heutzutage einen regelrechten Boom. Laut einer aktuellen Krankenkassenerhebung haben heute schon mehr als die Hälfte der Kinder unter 10 Jahren eine Therapie hinter sich.
Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten
Manche Entwicklungsstörung lässt sich auf angeborene Schwächen oder frühere Erkrankungen zurückführen. Darüber hinaus machen Therapeuten und Kinderärzte Störungen im Umfeld der Kinder als Ursache für Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich:
Hektik im Alltag der Kinder, Reizüberflutung durch Medien, Bewegungsmangel. Die Erfahrung von Experten zeigt zum andern, dass sich mehr Schwierigkeiten ergeben, wenn Eltern ihre Kinder nicht ausreichend fördern. Das kommt mehreren Studien zufolge bei sozial schwachen Familien häufiger vor. Kinderärzte kritisieren, dass viele Kinder einen unstrukturierten Tagesablauf haben, sich viel zu oft selbst überlassen sind und mit dem Fernseher und der Spielkonsole allein gelassen werden. Kommunikation und ein aktives Miteinander in der Familie fehle allzu häufig.
Therapie allein reicht nicht
Haben Entwicklungsstörungen eine Krankheit oder eine angeborene Schwäche als Hintergrund, bietet eine Therapie entscheidende Impulse, Rückstände aufzuholen. Doch mangelt es an entsprechender Anregung und Förderung zuhause, machen medizinisch orientierte Behandlungen nur wenig Sinn. Viel ergiebiger wäre es, auffällige Kinder in pädagogischen Einrichtungen, wie zum Beispiel in Kindertagesstätten und Schulen stärker zu fördern. In der Praxis ist das aber aufgrund von Zeit-, Platz- und Personalmangel nur bedingt möglich. Viel häufiger kommt es stattdessen vor, dass „schwierige“ Kinder aufgrund dieser Umstände an Ärzte oder entsprechende Institutionen weitergereicht werden.
Kritik am "Therapieboom"
Häufig werden Therapien auch aus sehr geringem Anlass verordnet-so das Urteil von Kritikern. Gerade gut bürgerliche Familien hätten allzu oft überzogene Ansprüche an ihren Nachwuchs: Hält das Kind beispielsweise den Stift etwas zu verkrampft, wird gleich eine ergotherapeutische Maßnahme gefordert.

Ein beliebtes Spiel in Kindergarten und Therapie: das "Bällchenbad"
Viele Ärzte unterwerfen sich zu schnell dem Druck von Eltern und Erziehungseinrichtungen, so die Kritik. Genau hinschauen heißt es allerdings dort, wo hinter Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen tiefer gehende psychische Probleme stecken: Depression, Ängste, Erschöpfungssymptome wegen zu hohem Leistungsdruck. Studien haben ergeben, dass heute schon jedes 10.Kind unter massiven psychischen Beschwerden leidet. Die geeigneten Psychotherapien wären hier dringend notwendig, heißt es aus Ärztekreisen. Tatsächlich bekommt in solchen Fällen nur etwa die Hälfte der betroffenen Kinder psychotherapeutische Hilfe.
Von Peggy Fuhrmann; Internetfassung: Helga Schreieck
Letzte Änderung am: 15.11.2011, 10.58 Uhr