Arbeiten bis zum Umfallen
Sendung vom Sonntag, 8.8.2010 | 8.30 Uhr | SWR2
Von Günter Voß
Die Leistungsgesellschaft und die ökonomische Krise erzeugen einen immensen Druck auf die Arbeitnehmer. Die müssen auf der einen Seite flexibel, engagiert, motiviert sein, um Höchstleistungen erbringen zu können, auf der anderen Seite müssen sie sich oft mit prekären Arbeitsverhältnissen und Lohnpolitiken abfinden. Kaum verwunderlich, dass Angst- und Depressionserkrankungen zunehmen, dass immer mehr Ratgeber den Buchmarkt erobern, die angeblich zeigen, wie man mit dem Druck zurecht kommt. Der Arbeitssoziologe Professor G. Günter Voß zeigt politische und ökonomische Ursachen dieses gefährlichen Trends auf.
Zum Autor:
Günter G. Voß, geboren 1950, studierte Soziologie in München. Von 1979 bis 1994 war er als universitärer Assistent und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Sonderforschungsbereichen in München tätig. Seit 1994 hat er den Lehrstuhl für Industrie- und Techniksoziologie an der TU Chemnitz inne. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a.: Arbeitskraft und Arbeitsperson - Arbeit und Subjektivität, Beruf und Bildung, Arbeit und Leben - Produktion und Konsumtion, Subjektorientierte Soziologie. Im Mittelpunkt seines Interesses steht insbesondere der „lebendige, sinnliche“ Mensch und sein praktischer Alltag.
Letzte Änderung am: 08.08.2010, 08.30 Uhr
Ein gesellschaftliches Problem
Überfordert, verunsichert und mit massiver Zukunftsangst – so beschreiben immer mehr Deutsche ihren Arbeitsalltag. Das Burn-out-Syndrom, das Ausgebrannt-sein, ist längst keine Managerkrankheit mehr. Der Soziologe Günter Voß geht den Ursachen des Burn out nach und zeigt auf, was in Wirtschaft und Gesellschaft geändert werden muss, damit Arbeit nicht zum Psychostress wird.
Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2009, an den Selbstmord des Torwarts Robert Enke? Erinnern Sie sich auch an das Jahr davor: einige spektakuläre Selbstmorde in französischen Großbetrieben, bei der France Telecom und bei Renault? Beides hat sehr viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt. Günter Voß hat den Eindruck, dass hinter der Aufmerksamkeit für solche Fälle eine gesellschaftliche Entwicklung steckt - dass es eine Zunahme von psychischen Belastungen und Störungen in der Gesellschaft gibt.
Günter Voß geht der Frage nach, ob es einen Zusammenhang gibt mit dem aktuellen Wandel der Gesellschaft und vor allen Dingen mit dem aktuellen Wandel in der Arbeitsgesellschaft. Es gibt viele Indizien, die darauf hindeuten.
Letzte Änderung am: 08.08.2010, 08.30 Uhr
Steigende psychische Belastung im Arbeitsumfeld
Seit dem Jahr 2000 haben Krankentage, die im Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen stehen, um 40 % zugenommen. Das hat die Deutsche Angestellten Krankenkasse schon im Jahr 2005 festgestellt.
Frauen sind besonders betroffen
Besonders betroffene Berufsgruppen sind laut Studien verschiedener Krankenkassen vor allem Frauen die im Kundenkontakt arbeiten, z.B. in Callcentern, vor allen Dingen aber auch in der Pflege.
Besonders bemerkenswert ist, dass auch eine Zunahme bei qualifizierten Berufstätigen zu verzeichnen ist. Psychische Erkrankungen sind nicht reduziert auf klassische, stark im Berufsleben belastete Gruppen wie zum Beispiel Arbeiter oder einfache Angestellte, sondern es erwischt jetzt zunehmend auch Experten, Hochqualifizierte und Führungskräfte.
Hoher Leistungsdruck in Betrieben
Weitere Studien wenden sich explizit Belastungen von Mitarbeitern in modernen Betrieben zu. So zeigt eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung bei Betriebsräten in deutschen Unternehmen, dass in 67 Prozent der Betriebe "ein hoher Leistungsdruck herrscht" und 43 Prozent der Beschäftigten psychische Probleme haben. Um dem wachsenden Druck standzuhalten, greifen Betroffene immer häufiger zu Psychopharmaka, um ihre berufliche Leistung zu steigern.
Erhöhte Burnout-Gefahr
Eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt, dass es generell in der modernen Arbeitswelt ein hohes Risiko gibt, psychisch zu erkranken. Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild: Depression gilt als neue Volkskrankheit. Seelische Krankheiten prägen zunehmend das Krankheitsgeschehen. Das psychische Elend in den Betrieben ist erschreckend.
Letzte Änderung am: 08.08.2010, 08.30 Uhr
Überforderung, Antriebslosigkeit, Zukunftsangst
Das Burn out ist erst seit kurzem als Krankheit anerkannt und weist eine sehr diffuse Symptomatik auf. Heute ist der Auslöser von dem, was man Burn out nennt, Überforderung, eine Verunsicherung, ein Gefühl der Sinnlosigkeit und vor allen Dingen auch eine massive Zukunftsangst. Dies manifestiert sich in depressiven Störungen, Verstimmungen und Angsterkrankungen.
Faktoren aus der Arbeitswelt beeinflussen Burnout
Dazu zählen überhöhte Anforderungen an die Berufstätigen, also ein genereller Leistungsdruck, Terminstress und überlange Arbeitszeiten. Nicht zuletzt auch eine zunehmende so genannte Emotionsarbeit bei Mitarbeitern, die im Kundenkontakt stehen. Feste Arbeitszeiten fallen weg und viele Berufstätige wechseln ständig die Orte, vor allen Dingen wenn sie Mobilarbeiter sind. Kollegen wechseln, man ist ständig in neuen Projekten unterwegs und hat es immer wieder mit unterschiedlichen Menschen zu tun. Die Berufswege werden brüchig und unklar und das erzeugt Zukunftsängste.
Wenig Möglichkeiten, die Belastung zu verringern
Immer wieder wird auch berichtet von einer geringeren und sogar abnehmenden Unterstützung durch Kollegen und vor allen Dingen auch durch Vorgesetzte. Die geben oft den Druck einfach weiter. Belohnung, Anerkennung oder Wertschätzung für die oft sehr hohe Leistung der Mitarbeiter gibt es eher selten.
Nicht zuletzt sind es steigende Arbeitsumfänge, verbunden sind mit einem gleichzeitigen Abbau von Ressourcen: Der Kollege von gegenüber, der bisher mitgearbeitet hat, ist auf einmal nicht mehr da, das Arbeitsvolumen ist aber das gleiche geblieben.
Letzte Änderung am: 08.08.2010, 08.30 Uhr
Die moderne Arbeitswelt fordert ihre Opfer
Es gibt tatsächlich eine neue Armut und eine Vernachlässigung von großen Bevölkerungsgruppen. Insbesondere betroffen davon ist die Jugend, deren Zukunft noch weitgehend offen ist. Günter Voß geht soweit zu sagen, dass es ein allgemeines Überforderungssyndrom in der Gesellschaft gibt: „Man könnte sagen, die Gesellschaft ist dabei, ihre wichtigste lebendige Basis, nämlich die Menschen, zu überfordern und in einem Maße auszubeuten, dass eine Grenze erreicht ist.“
Stoppt die Ausbeutung der Arbeitnehmer
Was kann sich ändern, wer sollte etwas ändern? Die Betriebe müssen mehr als bisher lernen, nachhaltig mit ihren wichtigsten Ressourcen, nämlich den Menschen umzugehen. Es geht darum, mehr die Lebendigkeit zu achten und sie vielleicht in einer nachhaltigen, angemessenen Form auszunutzen. Exzesse der Ausbeutung müssen verringert werden, Betriebe müssen lernen, echte, wirkliche Anerkennung zu geben und die Professionalität der Berufstätigen ernst zu nehmen und sie nicht zu sabotieren.
Authentische Unternehmenskulturen aufbauen
Unternehmen müssen lernen, ihre Organisationen sozusagen als lebendige Wesen zu sehen und diese Lebendigkeit auch zu pflegen. Führungskräfte muss stärker auch für den Schutz der Mitarbeiter in die Verantwortung genommen werden, vor allen Dingen auch für den psychischen Schutz. Es muss so etwas geben wie eine psychische Gesundheitsvorsorge.
Erste Versuche dazu sind zu beobachten und müssen ausgebaut werden. Work-Life-Balance, ein wichtiges Thema zurzeit, muss ernst genommen werden. Work-Life-Balance heißt vor allen Dingen, dass Menschen ihre Zeitsouveränität, also eine Möglichkeit, ihre Zeit selbst zu organisieren, gewährt wird. Wenn das nicht passiert, so Voß, dann drohen in Zukunft massive Verluste der Leistungsbereitschaft und der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.
Webfassung: Ivonne Schowtka
Letzte Änderung am: 08.08.2010, 08.30 Uhr