Sendung vom Montag, 30.8.2010 | 8.30 Uhr | SWR2
Von Gisela Krone
Seit Ivan Sutherland sein voluminöses "Head-Up-Display" der Öffentlichkeit vorstellte, hat sich auf dem Gebiet der Augmented-Reality-Forschung vieles getan. Der Helm, auf dessen Visier Informationen eingeblendet werden konnten, war so schwer, dass er noch an der Zimmerdecke befestigt werden musste. 45 Jahre sind seitdem vergangen. Heute sind kleine und leichte Handys in der Lage, das Gleiche und mehr zu leisten. Über eine Wireless-Verbindung wird ein Zusatzprogramm – eine sogenannte App – auf das Telefon geladen, und schon wird es zum Touristguide, zum Wohnungsfinder, zur mobilen Twitter-Anwendung – oder: zur nervenden Werbeanzeige, die uns nun auf Schritt und Tritt begleitet. Denn mit den neuen mobilen Anwendungen können die Betreiber eine Vielzahl von personenbezogenen Daten ermitteln, zu Nutzerprofilen bündeln und für Werbezwecke nutzen. Haben wir es in der erweiterten Realität also mit einer gigantischen Spammaschine zu tun? Mit einem rechtsfreien Raum, in dem wir den Machenschaften der Werbetreibenden schutzlos ausgeliefert sind? Und wird uns das Leben in der Augmented Reality verändern?
Letzte Änderung am: 25.07.2010, 03.16 Uhr
Eine tolle Science-Fiction-Idee: Wie wäre es, wenn man einen Datenhelm aufsetzen könnte und dann im Gesichtsfeld zu all dem, was man sieht, interessante Informationen eingeblendet würden? Zum Beispiel: Wer ist das hübsche Mädchen da vorne? Wo ist die nächste U-Bahn-Station? Ist in diesem Haus eine Wohnung zu vermieten?
"Augmented Reality": Das Handy als Fenster zur Welt
Moderne "Smartphones" können Realität und Internet vernetzen: Mit Hilfe von Kamera und Bildanzeige kann das Gerät "sehen", mittels GPS-Empfänger, Lagesensor und Kompass "weiß" es, wo es sich befindet. Dann braucht das Handy nur noch eine Internet-Verbindung, um aus Datenbanken Zusatz-Informationen herunterzuladen.
Was im Jahr 1965 - als der Informatiker Ivan Sutherland diese Idee hatte und einen kiloschweren Datenhelm konstruierte - noch wie Zukunftsmusik klang, kann heute jedes moderne Handy. "Erweiterte Realität" (englisch: Augmented Reality) heißt der Zauber - und er kann einem bei aller Faszination auch ganz schön unheimlich werden.
Die SWR-Autorin Gisela Krone stellt die Möglichkeiten der neuen Technik vor und lässt sie von einem Juristen kommentieren:

Das Handy erkennt den Mainzer Dom
Ich stehe vor dem Dom in Mainz und halte meine Handykamera so, dass ich den Dom im Display sehe. Ich könnte jetzt ein Foto vom Dom machen. Aber deshalb bin ich ja nicht hier. Zu Hause habe ich mir ein Programm auf mein Smartphone heruntergeladen. Eine kostenlose "App", die "Wikitude" heißt und von der österreichischen Firma Mobilizy betrieben wird. Mit dieser App ist mein Telefon in der Lage, Erläuterungen zu sogenannten "Points of Interest" auf mein Kameradisplay einzublenden.
Wenn ich jetzt also meine Handykamera in Richtung auf den Dom halte, wird über dem Dom eine Sprechblase eingeblendet. Ich tippe mit dem Finger drauf. Auf geht ein Text und ich bekomme diese Information:
"Der Hohe Dom zu Mainz ist die Bischofskirche der römisch-katholischen Diözese Mainz und steht unter dem Patrozinium des heiligen Martin von Tours. Der Ostchor ist dem Hl. Stephan geweiht. Der zu den Kaiserdomen zählende Bau ist in seiner heutigen Form eine dreischiffige romanische Säulenbasilika, die in ihren Anbauten sowohl gotische als auch barocke Elemente aufweist."
Prof. Dr. Thomas Hoeren, Direktor des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Universität Münster über "Wikitude": "Das Grundprinzip ist kein Problem. Aber was passiert, wenn sich jemand auf so eine Information verlässt, und die stimmt nicht? Oder stellen Sie sich vor, man nutzt 'Wikitude' und kriegt eine Werbung, da vorne ist ein schönes Hotel, hat fünf Sterne und kann man nur empfehlen. Ist das jetzt eine Werbe-E-Mail, für die man die Zustimmung des entsprechenden Adressaten bräuchte? Gefährlicher finde ich aber, dass man das durchaus missbrauchen kann. Man könnte es zum Beispiel benutzen, um Dinge über seinen Nachbarn zu outen. Durch eine Verknüpfung von Google und der Zusatzinformation entsteht auf einmal eine gigantische Verleumdungsmöglichkeit."
9.30 Uhr, ein Hörsaal der Mainzer Universität: Ein Gastdozent hält einen Vortrag. Eine Frau aus den Zuschauerreihen richtet ihre Handykamera auf ihn. Das Handy erkennt, um wen es sich handelt, und blendet seinen Namen ein.
Mit einem Tipp auf den Bildschirm erhält die Zuhörerin die Telefonnummer des Dozenten, seine E-Mail-Adresse und die Möglichkeit, den Vortrag, den er gerade hält, zu bewerten. Zum Glück bewertet sie ihn mit vier von fünf Sternen.
Abschließend schwenkt sie ihr Handy über die anderen Anwesenden. Einer hat drei neue Songs geschrieben, ein weiterer hat sich um 12 über Twitter zum Mittagessen verabredet. Ob der auch wollte, dass seine Verabredung für jeden sichtbar ist?
Prof. Dr. Thomas Hoeren: "Wo kommen die Informationen her? Kann man sagen, nur weil jemand mal irgendwo in einer Tageszeitung erschienen ist, und zwar mit einem Bericht über ihn, gibt es eine konkludente Einwilligung, dass er dann auch in einem solchen System zu sehen ist? Das heißt, wir haben wieder die Gefahr einer neuen Dimension der Verknüpfungen, die wir als Juristen nicht tolerieren."
"Bin grad in London. Superwetter. Tolle Leute." Oder: "Fantastisch, habe gerade die Beatles auf der Straße gesehen. Es lebe die Augmented Reality!" und dann noch ein Link auf die entsprechende Seite bei der Firma Layar, dank deren App-Software die Beatles in der Augmented Reality wieder auferstanden sind.
"TwittARound" ist eine Anwendung, mit der man sich nicht nur die kurzen Twitter-Texte zusenden lassen kann, die man auch auf das normale Handy kriegt. Mit einer App wie "TwittARound" kann ich mir auch die Positionen und Profile der Twitterer ansehen. Ich kann zum Beispiel feststellen, welche Twitter-Nutzer in meiner Umgebung sind.
Prof. Dr. Thomas Hoeren: "Vom Grundanliegen her ist es überhaupt nicht bedenklich, das ist ein netter Austauschdienst. Die Twitter-Informationen sind im Netz, die werden hier nur gekoppelt mit dem Mobiltelefon. Das Bedenkliche fängt da an, dass die Twitterer oft gar nicht wissen, dass solche Verknüpfungsmöglichkeiten bestehen und sie auf einmal transparent gemacht werden mit ihrem Twitter-Verhalten, in einer Weise, die für sie erschreckend ist. Durch die neuen Verknüpfungsmöglichkeiten bekommt das eine Dimension, dass jemand transparent gemacht wird, als in der Nähe seiend 'geouted' wird."
Die neue Welt der "Erweiterten Realität" ist vielfältig. Wie gehen wir damit um? Wie wird sie uns verändern? Diesen Fragen widmet sich Gisela Krone in ihrem SWR2-Feature "Augmented Reality - Erweiterte Realität fürs Handy", aus dem wir oben Ausschnitte zitiert haben. Das vollständige Manuskript können Sie nach der Sendung unter www.SWR2.de/wissen herunterladen.
Autorin: Gisela Krone / Webfassung: Sophie von Glinski. Quelle: SWR.de/Wissen
Letzte Änderung am: 25.07.2010, 03.16 Uhr