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SWR2 Wissen Erziehung in Zeiten des Internet

Aus der Reihe: Welt am Draht

Sendung vom Montag, 29.10.2007 | 8.30 Uhr | SWR2

Von Michael Stein u.a.

Die Erziehungspraxis von Eltern und Lehrern kann mit der rasanten technischen Entwicklung mittlerweile nicht mehr Schritt halten. Technik und Kinder bzw. Jugendliche sind immer schon ein ganzes Stück weiter. Da gibt es heute per Handy gedrehte Gewaltvideos - und bis Eltern und Lehrer Wege gefunden haben, damit umzugehen, sind Technik und jugendliche Nutzer schon wieder einen Schritt voraus. Auch und gerade das Zusammenwachsen von Computer, Fernsehen und Telefon ist für diese Entwicklung verantwortlich. Wie kann man Kinder zu verantwortungsvollen Medien-Nutzern machen?

Die Themen:

Welt am Draht | Erziehung in Zeiten des Internet Wie man Kindern Medienkompetenz vermitteln kann

Radio, Fernsehen und Internet: Zu unserem Leben gehören elektronische Medien mittlerweile einfach dazu. Weil im World Wide Web viele Gefahren lauern, müssen auch Eltern über die neuen technischen Entwicklungen informiert sein. Wie kann man Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien vermitteln? [mehr zu: Wie man Kindern Medienkompetenz vermitteln kann]

Welt am Draht | Erziehung in Zeiten des Internet Wie gefährlich sind "Killerspiele" wirklich ?

Im Zusammenhang mit den Amokläufen in Schulen ist viel darüber diskutiert worden, ob so genannte "Ego-Shooter" oder "Ballerspiele" Gewalttaten auslösen können. Thomas Hartmann ist evangelischer Pfarrer und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen". Michael Stein hat den Autor interviewt.

[mehr zu: Wie gefährlich sind "Killerspiele" wirklich ?]

Welt am Draht | Erziehung in Zeiten des Internet USK - Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle

Vor der Markteinführung werden alle Computerspiele in Deutschland genau überprüft. Bevor ein Computerspiel in Deutschland frei verkauft werden darf, müssen es die Hersteller von der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" - kurz USK- in Berlin prüfen lassen. Alle Spiele wandern dort über den Tisch von Cheftester Marek Klingenstein und seinem Team. Raimund Fichtenberger hat die Spieleprüfer in Berlin besucht. [mehr zu: USK - Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle]

Welt am Draht | Erziehung in Zeiten des Internet Die Gebühren-Falle Handy

Immer mehr Jugendliche und Kinder besitzen ein Handy und tappen in die Gebühren-Falle. Findige Geschäftemacher haben die junge Zielgruppe schon für sich entdeckt. An Klingeltönen oder Handyspielen verdienen nicht nur zwielichtige Firmen, sondern auch die Mobilfunk-Betreiber. [mehr zu: Die Gebühren-Falle Handy]

Welt am Draht | Erziehung in Zeiten des Internet Internetlinks

Hier haben wir eine Reihe von Internetlinks zum Thema für Sie zusammengestellt. [mehr zu: Internetlinks]

Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr



Erziehung in Zeiten des InternetWie man Kindern Medienkompetenz vermitteln kann

Ein Beitrag von Michael Stein

Radio, Fernsehen und Internet: Zu unserem Leben gehören elektronische Medien mittlerweile einfach dazu. Weil im World Wide Web viele Gefahren lauern, müssen auch Eltern über die neuen technischen Entwicklungen informiert sein. Wie kann man Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien vermitteln?


Zuspiel: Szene aus Gewaltspiel (Spieler bekommt Auftrag zum Töten)

Michael Stein:
Eine Szene aus dem Spiel Ghost Recon - Advanced Warfighter 2“ war das, einem Spiel, das bei uns nicht frei und vor allem nicht an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden darf. Gespielt wird das Spiel, in dem der Spieler als Mitglied einer US-Elitekampftruppe im Jahr 2014 mit Waffengewalt die Mauer zwischen den USA und Mexiko verteidigen muss, trotzdem. Was sollen die Eltern tun - wenn ihre Kinder ein solches Spiel spielen? Da kaufen Eltern der Tochter, dem Sohn ein Handy, damit sich das Kind oder der Jugendliche jederzeit melden können, ohne zu ahnen, dass damit plötzlich die Tür ins Internet, zu Klingelton-Abzockern und Porno-Anbietern weit offen steht. Wie sollen die Eltern damit umgehen? Erziehung 2007 und die Anforderungen an Eltern und Kinder - darum geht es in dieser Sendung. Willkommen bei Welt am Draht.

Beginnen wollen wir die Sendung mit einem Thema, das derzeit in aller Munde ist: Medienkompetenz. Wie können Kinder, wie können Jugendliche und nicht zuletzt auch deren Eltern den kompetenten Umgang mit einem Medium wie dem Computer sowie den dadurch zugänglichen Spielen und natürlich dem Internet lernen? Was sollte man als Vater oder Mutter über diese Medien wissen, bevor man seinen Kindern den Zugang erlaubt?

Wir leben in einer Zeit, in der die elektronischen Medien einfach dazugehören. Radio, Fernsehen, Internet - als mitten im Leben stehender Mensch kommt man um ihre Angebote nicht herum: Man muss sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen, um dann für sich und seine Familie eine Entscheidung für ihre Nutzung zu treffen. Soweit die Theorie. Denn tatsächlich hat in vielen Familien eigentlich überhaupt kein Entscheidungsprozess stattgefunden. Die Kinder haben dort Zugang zu einem Computer, und der hat immer häufiger eben auch einen Internet-Zugang. Das ist das eine Extrem. Das andere: In der Familie gibt es überhaupt keine Internet-Nutzung - die Angst vor den Gefahren, die im Internet lauern, ist zu groß. Friedrich Hagedorn, Leiter der Medienbildung am Adolf-Grimme-Institut in Marl:

 

Friedrich Hagedorn:
Ja, Gefahren lauern im Internet, das klingt ja immer so, als wäre da der böse Wolf und der wird einem dann durch den Bildschirm entgegenspringen. So ist es ja nicht, und bei diesen Gefahren vergisst man auch häufig, dass es uns vor allem auch um Chancen geht.

Michael Stein:
Mit anderen Worten: Das Internet aus dem Haus zu verbannen, das kann genauso wenig die Lösung sein wie die völlig unkontrollierte Nutzung. Wie aber lernt man als Familie, mit dem Internet kompetent umzugehen? Abhängig vom Alter der Kinder gibt es da verschiedene Herangehensweisen.


Friedrich Hagedorn:
Die erste Phase ist die der frühkindlichen Mediennutzung und da müssen wir ganz klar sehen, da sind die Eltern auch gefordert, d.h. da ist es einfach so, dass gerade bei der frühkindlichen Mediennutzung und frühkindlichen Medienerziehung die Weichen gestellt werden müssen, d.h. dort brauchen wir Eltern, die sich der verschiedenen Problematiken bewusst sind und die bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die dann eben auch in die Verantwortung gebracht werden, in der Verantwortung stecken, entsprechende Regeln zu entwickeln und sich zu überlegen, wie gehe ich mit meinem Kind um.

 

Michael Stein:
Gleich zwei Anforderungen kommen dann also auf Eltern zu: Zum einen müssen sie technisch auf der Höhe der Zeit sein - zumindest grob sollten Eltern also wissen, womit sich ihre Sprösslinge so beschäftigen. Und auf der anderen Seite kommen sie nicht darum herum, mit ihren Kindern in einen Dialog, in Verhandlungen einzutreten, an deren Ende eine Abmachung stehen sollte. Und diese Abmachung muss den Interessen beider Seiten gleichermaßen entsprechen. Und wie könnte eine solche Abmachung zum Beispiel für einen Elfjährigen aussehen? Barbara Everhardt, Mutter eines heute 16-Jährigen:

 

Barbara Everhardt:
Wir haben damals gesagt: Eine Stunde Computer oder Fernsehen pro Tag. Und das haben wir auch relativ genau eingehalten. Wir haben dann so eine Art Eieruhr angeschafft, die geklingelt hat, wenn die Stunde rum war. Auf der anderen Seite war das aber auch etwas, auf das sich unser Sohn verlassen konnte und das er auch einfordern konnte.

 

Michael Stein:
Solange die Kinder noch kleiner sind, oder einfach weniger Medienerfahrung haben, funktioniert das gut, was aber, wenn irgendwann die Kids mehr Ahnung haben als ihre Eltern? Friedrich Hagedorn vom Adolf-Grimme-Institut:

 

Friedrich Hagedorn:
Dann passiert es eben tatsächlich sehr schnell, dass sich das Ganze dreht, d.h. also ab einem gewissen Punkt ist es dann einfach so, dass die Kinder mehr Ahnung von diesen Medien haben als die Eltern und da brauchen die Eltern tatsächlich dann auch diese Offenheit, sich eben das neueste Handy, die Funktionen der Spielkonsole oder Ähnliches von ihren Kindern tatsächlich zeigen zu lassen.

 

Michael Stein:

Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich die Technik entwickelt, ist es für Eltern aber schwer, beurteilen zu können, was die jugendlichen Mediennutzer ihnen  da so vorführen. Ganz abgesehen davon, dass Jugendliche Papa und Mama kaum das zeigen werden, von dem sie ahnen, dass es bei ihrem Gegenüber wohl eher auf Ablehnung stoßen dürfte. Dass man ein Handy zum Beispiel für mehr als nur für Telefonate nutzen kann, das war den meisten Eltern wohl auch nicht von Anfang an bewusst - wie das Beispiel des so genannten „Happy Slapping“ zeigt.

 

Friedrich Hagedorn:

Handys sind heute multifunktional, d.h. sie werden benutzt, um Musik zu hören, Radio zu hören und eben auch um Fotos oder Filme zu machen. Und gerade als das aufkam, also die Fotohandys, da wurden natürlich auch gerne Fotos gemacht so im Geheimen von Situationen, von Leuten, die davon gar nichts wussten, auch oft so prickelnde Situationen, also ich sag mal, Umkleidekabinen im Schwimmbad oder Änliches und natürlich auch von solchen Geschichten, wo Leute sich angemacht haben oder wo es sogar zu Prügeleien kam.

 

Michael Stein:
Noch vor ein paar Jahren drehte sich in der öffentlichen Diskussion alles ausschließlich um Verbote, um staatliche Regulierungen. Die Diskussion wird weiter geführt, ohne allerdings tatsächlich zu einem Ergebnis zu kommen. Parallel dazu hat sich aber die Erkenntnis breit gemacht, dass zu Erziehung heute eben auch Medienkompetenz gehört. Und dass es unter Umständen wichtiger ist, Familien Werkzeuge und Knowhow an die Hand zu geben, um ihren eigenen Weg durch den Mediendschungel, zu einem sinnvollen Umgang mit Multimedia-Handys, Internet und Computerspielen zu finden. Die Landesmedienanstalten machen den Familien da ganz unterschiedliche Angebote. „Eltern und Medien“ heißt beispielsweise eine Initiative in Nordrhein-Westfalen, die sich an Schulen, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen wendet. Die Initiative bildet Referentinnen und Referenten aus, die ihr Wissen dann an Eltern weitergeben. Wolfgang Zielinski, Projektleiter der Initiative „Eltern und Medien“:

 

Wolfgang Zielinski:
Viele Eltern haben keine Vorstellung davon, welche Computerspiele es gibt und wenn, dann haben sie falsche Vorstellungen, d.h. kennen also nur Ego-Shooter, also die berühmten Ballerspiele, kennen aber nicht zum Beispiel tolle Strategiespiele, die die Kinder auch sehr, sehr gern spielen. Da versuchen wir auf Elternabenden in Workshop-Situationen einfach mal die Vielfalt dessen, was das Internet anbietet, darzustellen, geben Eltern die Möglichkeit, sich selbst darüber auszutauschen, nehmen aber auch Berührungsängste, d.h. ermutigen Eltern, sich mit dem Internet, sich mit Handys, sich mit Fernsehprogrammen, mit DVDs, mit all dem, was eben Kinder fasziniert, auseinanderzusetzen, das kennenzulernen und gemeinsam mit anderen Eltern dann eben Strategien zu entwickeln.

 

Michael Stein:
Elternabende und Info-Veranstaltungen - das kann natürlich nur der erste Schritt sein. Auf den sich die Eltern aber auch erst einmal einlassen müssen. Denn wie so oft: Engagiert sind hier meisten die, die sich ohnehin für das Thema interessieren und mit ihren Kindern bereits im Gespräch sind. Familien, in denen der Computer als automatischer Babysitter eingesetzt wird, sind da wohl nur schwer zu erreichen - sei es, weil die Eltern zu beschäftigt sind mit Beruf und eigenem Leben,oder die mediale Verwahrlosung schon so stark vorangeschritten ist, dass sie mit einem derartigen Angebot auch nicht mehr aufzuhalten ist. Die Problematik ist natürlich auch den Machern bewusst. Friedrich Hagedorn vom Adolf-Grimme-Institut:

 

Friedrich Hagedorn:
Also das ist natürlich immer die Schwierigkeiten bei Angeboten, die auf einer freiwilligen Basis beruhen, dass man eigentlich dann hauptsächlich die erreicht, die es auch interessiert. Nun ist es so, dass bei diesen Veranstaltungen, diesen Elternabenden, die gemacht werden, doch viele Leute kommen und Fragen haben, die über Veranstalter, zum Beispiel in Kindergärten direkt angesprochen werden, die man ansonsten nicht so erreicht. Also wir versuchen schon, diesen Kreis der so üblich Verdächtigen etwas auszudehnen und auch andere zu erreichen, aber das ist natürlich ein mühsames Unterfangen und wir sind denn auch auf Unterstützung wiederum von Partnern angewiesen.

 

Michael Stein:
Aber auch im Internet direkt gibt es inzwischen gute Angebote, mit denen sich Eltern und Jugendliche weiterbilden können. Das „Internet-ABC“, getragen von den Landesmedienanstalten ist ein solches Angebot. Projektleiter Wolfgang Zielinski:

 

Wolfgang Zielinski:
Das beginnt bei den Kindern mit der Frage, wie surfe ich richtig, wie benutze ich den Browser, wie funktioniert das, dass ich die Orientierung nicht verliere, dass ich immer wieder weiß, wo ich herkomme und wie ich auch dahin zurückkehre. Das geht aber über Fragen, wie Viren, Würmer, Trojaner, d.h. also welche Gefährdung kann ich mir auf den Rechner holen, über die Frage, wie richte ich einen Rechner richtig ein bis hin zu tollen Angeboten, wenn ich zum Beispiel Hilfe bei Hausarbeiten brauche oder Ähnlichem. Bei Eltern geht es in die Richtung E-Commerce, d.h. wie funktioniert das Bezahlen im Internet, welche Gefahren lauern dort.

Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr



Erziehung in Zeiten des InternetWie gefährlich sind "Killerspiele" wirklich ?

Michael Stein im Gespräch mit Thomas Hartmann

Im Zusammenhang mit den Amokläufen in Schulen ist viel darüber diskutiert worden, ob so genannte "Ego-Shooter" oder "Ballerspiele" Gewalttaten auslösen können. Thomas Hartmann ist evangelischer Pfarrer und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen". Michael Stein hat den Autor interviewt.


Michael Stein:
Eine Gefahr, die im Internet, aber auch in Computerspielen "lauert", ist die Gewalt. Viel ist im Zusammenhang mit den Amokläufen in Schulen darüber diskutiert worden, ob Spiele wie ein so genannter "Ego-Shooter", in dem sich der Spieler in der Rolle eines Bewaffneten sieht, der durch die Gegend läuft und auf alles schießt, was sich bewegt, ob solche Spiele solche Taten auslösen können. Einen direkten Zusammenhang nach dem Motto „jeder, der ein Killerspiel spielt, wird zum Killer“ gibt es nicht, aber auffällig ist, dass einige der Täter der letzten Jahre gerne derartige Spiele gespielt haben. Kürzlich ist mir ein Buch mit dem Titel „Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen“ in die Hände gefallen, und ich wollte den Autor Thomas Hartmann kennen lernen. Er ist evangelischer Pfarrer und Interviews zum Thema Killerspiele mit ihm sind derzeit in vielen großen Zeitschriften und Zeitungen zu lesen. Ich begrüße ihn jetzt in unserem Studio in Wiesbaden. Herr Hartmann, den Begriff „Killerspiel“ mögen Sie nicht, warum nicht?

 

Thomas Hartmann:

Weil der sehr schwer abzugrenzen ist. Also, wo beginnt es, dass man sagen kann, das ist ein Killerspiel. Ich finde, wenn man sagt, das sind Ego-Shooter, die gewaltverherrlichend sind oder Gewalt verharmlosen, dann würden die auch unter das Strafgesetzbuch fallen und verboten sein. Aber das sind eben Spiele, die nicht geeignet sind für Jugendliche. Also frühestens ab 18, dann finde ich, hat man mehr davon. Es ist eine klarere Kategorisierung solcher Spiele. Killerspiele ist halt etwas sehr Tendenziöses. Das klingt so, als ob diejenigen, die das spielen würden, zumindest klammheimlich Killer werden oder dazu mutieren könnten.

Michael Stein: Und das ist nicht so?

 

Thomas Hartmann:
Also: Eine Computerspiel-Vergangenheit und auch eine -Gegenwart hat heutzutage fast jeder Jugendliche, auch viele unter den Erwachsenen, auch viele eben, die Spiele ohne Altersfreigabe also ab 18 spielen. Sie haben aber an den Schulen zum Beispiel real einen Rückgang von physischer Gewalt, teilweise auch von verbaler Gewalt. Auch wenn es oft anders behauptet wird, aber die Expertenuntersuchungen, die Statistiken belegen das ganz eindeutig. Also, wenn es so wäre -  seit 1993 gibt es im klassischen Sinn diese Ego-Shooter mit Doom - dann müssten wir eigentlich einen fürchterlichen Zuwachs an Gewalt an Schulen haben und auch an solchen Amokläufen. Das ist ja eben aber nicht der Fall. Dass natürlich umgekehrt eine Korrelation besteht, dass also besonders gewaltbereite Jugendliche, die auch oft tief verzweifelt sind in ihrer Seele, das muss man sich auch mal genauer anschauen, besonders zu violenten Medien neigen, sei es nun Computerspiele, Gewaltvideos, dass sie sich in Waffenvereinen besonders gerne tummeln, um mit echten Waffen in Kontakt zu kommen, dass sie satanistische Literatur lesen, dass sie entsprechende Musik hören und andere Dinge mehr, so herum passt es, aber nicht umgekehrt.

 

Michael Stein:
Sie selber spielen ja auch gerne Computerspiele und dabei auch solche, in denen es Gewalt gibt. Sie sind evangelischer Pfarrer - wie konnte es so weit kommen?

 

Thomas Hartmann:
Da gibt es Unterschiede. Also wenn’s so ein sinnloses Gemetzel ist, dann finde ich das einfach widerlich. Wenn komplexe Aufgaben damit verbunden sind, dann ist das schon interessanter. Ich beschreibe in meinem Buch zum Beispiel „Deus Ex“ von 2000. Das ist eine Art Ballerspiel, wenn man so will. Aber da kommt man auch völlig ohne Ballern im Grunde durch. Also das sind komplexere Möglichkeiten. Faszinierend ist die Grafik. Faszinierend sind die virtuellen Welten, die da erschaffen werden, die ja auch im Grunde auch die ganze Computerindustrie weiter getrieben haben, weil man immer aufwendigere Grafikkarten entwickeln musste dafür. Also, es gehen auch sehr viele mythologische Elemente mit hinein. Es gehen zum Teil biblische Elemente in diese Ballerspiele mit ein. Aber ist auch immer eine Frage, welches Spiel sie betrachten und natürlich ist irgendwann die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Aber wir streiten uns ja nicht über den Geschmack, sondern über die Gefahr, die auf Jugendliche davon ausgehen kann und das ist ein ganz anderer Punkt. Das hat doch nichts damit zu tun, wie ich das persönlich finde. Ich bin doch nun schon erwachsen.

 

Michael Stein:
Wie würden Sie denn den Unterschied zwischen Gewaltdarstellung in einem Buch und in einem Computerspiel beurteilen? Ist man in einem Computerspiel nicht viel unmittelbarer dabei und muss die Phantasie gar nicht mehr bemühen?

 

Thomas Hartmann:
Ich bin mir nicht so sicher. Also, ich glaube, wenn man zum Beispiel früher biblische Geschichten oder solche von Homer irgendwelcher Schlachten von Helden hörte, wie meinetwegen der Stammesälteste am Lagerfeuer erzählte, dann waren das enorm intensive Eindrücke, man identifizierte sich damit und dann kann das durchaus eine Wirkung gehabt haben, die heute vergleichbar ist mit Computerspielen. Heute haben wir uns ja an Bilder, bewegte Bilder, gewöhnt und insofern denke ich, dass Bücher, zumal so viele Jugendliche nicht mehr Bücher lesen, nicht so starke Auswirkungen haben können. Aber auch Computerspiele haben diese extremen Auswirkungen, die auch behauptet werden, eben nicht. Deswegen ist diese Frage auch so ein bisschen verfänglich, weil ich auch nicht sagen würde, dass eben Ballerspiele, Killerspiele Jugendliche zu Gewalttätern oder Amokläufern machen, sofern sie einigermaßen stabil und gesund sind. Wenn sie es nicht sind, dann stecken aber auch ganz andere Faktoren mit drin. Ich wehre mich einfach zu sagen, wir verbieten Killerspiele, weil Verbote keine Erziehung ersetzen und weil sie einfach den Blickwinkel verengen und andere wichtige soziale Faktoren, zum Beispiel auch an den Schulen, ausblenden.

 

Michael Stein:
Thomas Hartmann, Pfarrer und Autor des Buches „Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen“ - vielen Dank für das Gespräch.

Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr



Erziehung in Zeiten des InternetUSK - Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle

Ein Beitrag von Raimund Fichtenberger

Vor der Markteinführung werden alle Computerspiele in Deutschland genau überprüft. Bevor ein Computerspiel in Deutschland frei verkauft werden darf, müssen es die Hersteller von der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" - kurz USK- in Berlin prüfen lassen. Alle Spiele wandern dort über den Tisch von Cheftester Marek Klingenstein und seinem Team. Raimund Fichtenberger hat die Spieleprüfer in Berlin besucht.


Michael Stein:
Kinder und Jugendliche brauchen die Auseinandersetzung mit Gewalt - das sagen Menschen wie Thomas Hartmann - Killerspiele verbieten, das fordern andere wie der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Spätestens seit den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten ist die Diskussion wieder in vollem Gange. Die jugendlichen Täter waren nämlich begeisterte Spieler von brutalen Kampf-Spielen, so genannten Ego-Shootern. Kein Einzelfall. Eine Studie des niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer mit 23.000 Schülern zeigte: jeder zweite 10-jährige Junge hatte Erfahrungen mit Spielen, die erst für 16- oder 18-jährige freigegeben sind. In diesem Zuge kam daher auch das bisherige Verfahren zur Alterseinstufung von Computerspielen in die Kritik. Gewaltverherrlichende Spiele müssen verboten werden - so die Forderung. Aber: Sie sind es bereits, wie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries klarstellt.

Brigitte Zypries:
Wir haben die Killerspiele im Paragraph 131 verboten - und mir hat noch niemand erklärt, was er besser machen will als das, was im Moment im Strafgesetzbuch steht.

Raimund Fichtenberger:
Fakt ist: Computerspiele durchlaufen in Deutschland vor der Markteinführung eine der genauesten Prüfungen weltweit. Trotzdem wurde in der Vergangenheit dieses Verfahren immer wieder in Frage gestellt und steht nun vor einer Neuregelung. Bisher ist es so: Soll ein Computerspiel in Deutschland frei verkauft werden, müssen es die Hersteller von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle - kurz USK- in Berlin prüfen lassen. Alle Spiele wandern dort über den Tisch von Cheftester Marek Klingenstein und seinem Team.


Marek Klingenstein:
Auf einem Datenträger ist dann das Spiel mit dabei, und wir erhalten dazu jede Menge Material, also: Wie sieht die Verpackung aus, wie sieht das Manual aus. Und mit alle diesen Materialien versuchen wir dann zu arbeiten, um den finalen Status, den es dann später im Handel hat, so dicht, wie möglich zu kommen.

Raimund Fichtenberger:
Professionelle Tester spielen jedes Spiel von vorne bis hinten durch. Die Schlüsselszenen jedes Spiels werden danach einer Gutachter-Runde vorgespielt, die dann bestimmt, für welche Altersgruppe ein Spiel zugänglich gemacht werden darf:

 

Klingenstein: (mit Computer-Atmo im Hintergund)
Wichtig ist hierbei, worauf kommt es an: sind Verletzungen zu sehen, kann man Waffen einsetzen. Geht es um einen sportlichen Wettkampf, oder ist es ein Straßen-, ein dreckiger Straßenfight, in dem ich mich auch gegen Zivilisten prügeln muss? So was alles. Wenn es aber eher hier so was Sachliches ist, dann sind wir in diesem Fall schon eher Richtung 16 (Anm.: Freigabe ab 16 Jahren) unterwegs.

 

Raimund Fichtenberger:
Die Beurteilungskriterien sind dabei verbindlich festgelegt. Sobald es kampfartige Szenen gibt, muss der Käufer zum Beispiel mindestens 12 Jahre alt sein. Werden bewaffnete Angriffe gegen menschenähnliche Spielfiguren dargestellt, erteilt die USK eine Freigabe erst ab mindestens 16 Jahren. Und genau wie zum Beispiel bei Erotikfilmen gibt es auch die Möglichkeit, überhaupt keine Jugendfreigabe zu erteilen. Der Leiter der USK, Dr. Klaus Spieler:

 

Klaus Spieler:
Das ist ein Spiel, bei dem Spielzweck nur dadurch zu erreichen wäre, dass die Spielfigur Gewalt ausüben muss. Und das wäre wahrscheinlich auch eine Form von Gewalt, bei der man sagen würde, sie ist besonders brutal und rücksichtslos.

 

Raimund Fichtenberger:
Von der rechtlich verbindlichen Kennzeichnung „Keine Jugendfreigabe“ machen die Gutachter auch Gebrauch - allein im vergangenen Jahr 46 Mal. Dem Expertengremium gehören Pädagogen, Sozialwissenschaftler und Jugendschützer verschiedener Verbände an, federführend sind die Oberlandesbehörden. Mit anderen Worten: Am Ende entscheidet der Staat über die Freigabe von Computerspielen. Und der kann ein Spiel auch durch die so genannte Indizierung komplett verbieten. Zuständig dafür ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn. Kommt ein Spiel auf den Index, darf es in Deutschland weder verkauft noch beworben werden. Zur Zeit trifft das auf knapp 500 Computer- oder Videospiele zu. Diese Arbeitsteilung zwischen USK und Bundesprüfstelle hat nur einen Haken. Der Vorsitzenden der Bundesprüfstelle, Elke Monssen-Engberding, sind in bestimmten Fällen die Hände gebunden:

 

Elke Monssen-Engberding:

Die Bundesprüfstelle darf dann nicht mehr tätig werden, wenn die USK auf die Spiele eine Kennzeichnung gesetzt hat - und zwar inklusive der Kennzeichnung „Keine Jugendfreigabe“. Wird sich die USK nicht einig, kann sie das als so genannten Zweifelsfall bei uns einreichen. Und dann gibt die Bundesprüfstelle ein Gutachten dahin gehend ab, dass das Spiel möglicherweise jugendgefährdend ist, und dann bekommt das Spiel kein Kennzeichen.

 

Raimund Fichtenberger:
Genau diese Grenzfallregelung könnte in Zukunft öfter angewandt werden. Möglicherweise werden staatliche Stellen künftig die Altersfreigaben nicht nur verantworten, sondern auch bei dessen Entstehung direkt beteiligt sein. Ganz genau lassen sich die Verantwortlichen aber nicht in die Karten schauen, denn: die Verhandlungen laufen noch. Auch wann eine Neuregelung in Kraft tritt, ist noch nicht bekannt. Was sicher ist: bei der Neuausrichtung wird es  vor allem darum gehen, das Prüfungsverfahren (für Computer- und Videospiele) transparenter zu gestalten und Verantwortlichkeiten klarer zu regeln. Zum Beispiel empfahl Niedersachsens Innenminister Uwe Schönemann, die Institution der „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ gleich ganz abzuschaffen. USK-Chef Klaus Spieler weist solche Forderungen aber zurück:

 

Klaus Spieler:
Wenn Sie sich mal die Kritik ansehen, die Herr Schönemann oder Herr Beckstein an der USK geübt haben - da stand immer die Idee dahinter, dass hier ein rein privat-rechtlicher Verein eine Geschichte betreibt, wie die Bewertung von Computerspielen.  Und aus dem Grund versuchen wir die USK so aufzustellen, dass dieses Prinzip, die USK unterstützt den Staat - aber der Staat trifft die Entscheidung und verantwortet sie- das das von der Öffentlichkeit klarer erkennbar wird.

 

Raimund Fichtenberger:
Für den Verbraucher wird sich durch die Neuregelung nicht viel ändern. Er wird weiter Altersangaben auf den Computerspiel-Verpackungen finden. Und diese sind nicht nur rechtlich bindend, sondern auch verlässlich- in diesem Punkt sind sich fast alle Jugendschützer einig. Insgesamt gilt der deutsche Jugendschutz bei Computerspielen schon jetzt, als einer der gründlichsten und strengsten weltweit. Was auch eine Umstrukturierung bei der Altersfreigabe für Video- und Computerspiele nicht übernehmen kann: Die Verantwortung jedes Einzelnen. Wenn ein 12-jähriger in seinem Kinderzimmer gewaltverherrlichende Spiele konsumiert, haben nicht zwingend Jugendschutz oder Industrie versagt.

  

Michael Stein:
Ein Bericht von Raimund Fichtenberger war das. Eines darf man außerdem nicht vergessen: Staatliche Verbote und Alterseinstufungen können nur ein erster Schritt, eine Orientierung für die Mediennutzer sein. Denn wenn Kinder und Jugendliche es darauf anlegen, dann können sie sich brutalste Computerspiele und härteste Pornografie jederzeit frei im Internet besorgen. Die besondere Problematik dabei zeigt sich jetzt am Fall der Schmuddelseite „youporn“ - auf der sich jeder, völlig ohne Überprüfung des Alters, pornografische Filme ansehen kann. Ein Gericht entschied: Der Internet-Provider Arcor muss die Seite sperren, weil dort keine ordnungsgemäße Prüfung des Alters stattfindet. Antragsteller ist - man glaubt es kaum - ein Konkurrent aus Deutschland, der argumentierte, ihm entstünden Wettbewerbsnachteile, weil er das Alter seiner Zuschauer schließlich korrekt überprüfe.




 

Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr



Erziehung in Zeiten des InternetDie Gebühren-Falle Handy

Ein Beitrag von Michael Stein

Immer mehr Jugendliche und Kinder besitzen ein Handy und tappen in die Gebühren-Falle. Findige Geschäftemacher haben die junge Zielgruppe schon für sich entdeckt. An Klingeltönen oder Handyspielen verdienen nicht nur zwielichtige Firmen, sondern auch die Mobilfunk-Betreiber.


Michael Stein:
Internet und Computerspiele, das waren bisher die Schwerpunkte in dieser Sendung. Aber es gibt noch eine technische Errungenschaft, die in vielen Familien immer wieder für Gesprächsstoff und nicht selten auch Ärger sorgt: das Handy.

Immer mehr Jugendliche und Kinder besitzen eins und werden in ihrer Peer-Group schief angesehen, wenn sie keins haben. Findige Geschäftemacher haben die junge Zielgruppe schon frühzeitig ins Visier genommen und locken die zwar technisch meistens versierten aber angesichts der Tricks und Hinterhalte noch unerfahrenen jungen Handy-Besitzer in die Gebühren-Falle. Die Rede ist von den Klingelton-Abo-Abzockern. Udo Vetter ist Anwalt in Düsseldorf und Experte für die Methoden dieser dubiosen Firmen, an deren Geschäften die Mobilfunk-Betreiber kräftig mitverdienen.

Udo Vetter:
Die Klingeltonanbieter setzen sehr stark darauf, die Kunden dauerhaft an sich zu binden, d.h. es wird immer ein Hit herausgestellt, den man unbedingt haben muss als Jugendlicher und das führt dann dazu, wenn man dann zum Beispiel die Bestell-SMS abschickt, dass man eben nicht nur diesen Hit bekommt, sondern ein so genanntes Paket. Dieses Paket beinhaltet dann, häufig recht unübersichtlich gestaltet, vier, fünf Hits pro Monat zu einem festen Preis und dann spielt es schon wieder gar keine Rolle mehr für den Anbieter, ob der Jugendliche diese Hits tatsächlich runterlädt oder nicht. Es wird immer brav der Monatsbeitrag vom Prepaid-Konto in der Regel abgebucht, ohne dass überhaupt der Jugendliche möglicherweise das noch richtig mitbekommt, weil er eben vielleicht sogar denkt, ich hab ja nur einen Hit bestellt.

Michael Stein:
Kaum zu glauben, aber da besteht das Geschäftsmodell einer ganzen Branche daraus, jungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem die tatsächlichen Kosten für die zudem noch recht magere Leistung möglichst trickreich versteckt werden.

Udo Vetter:
Man muss den Abo-Fallen-Betreibern schon vorwerfen, dass sie absichtlich versuchen, die Kostenpflicht für ihr Angebot zu verschleiern. Es gab in den Anfangszeiten total versteckte Hinweise darauf, im Kleinst-Kleingedruckten, die praktisch überhaupt nicht zu lesen waren, nachdem einige Gerichte stets und ständig gesagt haben, das geht so nicht, das sind überrauschende Klauseln, deswegen steht euch kein Zahlungsanspruch zu, sind diese Hinweise immer etwas deutlicher geworden. Aber auch heute arbeiten da offensichtlich Heerscharen von Informatikern und Textern daran, diesen Hinweis auf die Kostenpflicht so gut zu verstecken, dass er eben doch nicht gesehen wird.

 

Michael Stein:
Was also kann man als Familie tun, wenn der minderjährige Sohn, die minderjährige Tochter ein Klingelton-Sparabo eingegangen ist? Erster Schritt - meistens der schwierigste: Herausfinden, was da genau bei wem abonniert wurde. Die Rechnung ist da meistens nur wenig aussagekräftig.

 

Udo Vetter:
Die Mobilfunkbetreiber, das muss man ihnen leider vorwerfen, tun auch viel dafür, um diese Abbuchungen zu verschleiern. Da steht in der Regel nicht Klingelton-Abo, sondern da steht Service-GmbH 24 XY. Mit dem Text kann man nichts anfangen. Der erste Schritt, den man wirklich machen muss, ist konsequent beim Anbieter darauf bestehen, dass der einem klipp und klar sagt, wo ist für das Abo abgebucht worden bzw. was steckt hinter den 4,99 €, die da pro Monat abgehen. Zu dieser Information ist der Anbieter auch dann verpflichtet, wenn es sich um ein Prepaid-Konto handelt, d.h. er kann sich nicht darauf berufen, dass er nur abbucht, was als Dienstleistung in Anspruch genommen wird. Auch in diesem Bereich gilt die uneingeschränkte Pflicht zur sogenannten Rechnungslegung, d.h. der Kunde hat immer ein Recht darauf zu erfahren, was hinter einer Abbuchung auf dem Prepaid-Konto steht. Und da muss man hartnäckig nachfragen.

 

Michael Stein:
Wenn feststeht, was da abonniert wurde, dann kann man beim Mobilfunkbetreiber selbst widersprechen. Die Rechtsgrundlage: Verträge, die mit unter 18-Jährigen abgeschlossen wurden, sind so lange schwebend unwirksam, bis die Eltern sie genehmigen. Mit dem Schreiben an den Mobilfunkbetreiber stellt man klar, dass diese Genehmigung nicht erteilt wird. In aller Regel wird der Mobilfunk-Betreiber antworten, dass man sich bitteschön mit dem Anbieter der Klingeltöne selber in Verbindung setzen soll.

 

Udo Vetter:
Das bedeutet dann, man fängt am besten an, indem man eine E-Mail an den Klingeltonanbieter schreibt, möglicherweise am besten lässt man das die Eltern machen oder im Namen der Eltern, indem man Folgendes sagt: mein Sohn hat ein Prepaid-Handy. Dieses Handy hat er zum Telefonieren und nicht zum Abschluss von Abos. Dieses Abo ist unwirksam, weil wir es nicht genehmigen und es auch nicht unter den Taschengeldparagraphen fällt und deswegen fordern wir das Geld zurück.

 

Michael Stein:
Mit dem Taschengeldparagraph ist § 110 des Bürgerlichen Gesetzbuches gemeint: Allein die Tatsache, dass die Eltern feststellen, dass sie nicht einverstanden sind, dass der Jugendliche die Klingeltöne von seinem Taschengeld bezahlt, reicht aus, den Vertrag unwirksam zu machen. Denn: Es kommt nicht auf die Höhe des Taschengeldes an, sondern darauf, zu welchem Zweck die Eltern ihren Kindern das Taschengeld überlassen haben. Rechtsanwalt Udo Vetter:

 

Udo Vetter:
Sehr häufig ist es dann leider so, dass die Abo-Anbieter gar nicht reagieren bzw. mit Standard-Texten antworten, in denen dann ungefähr steht: Tut uns leid, sie haben ja auch’n Klingelton dafür bekommen. Da muss man wissen: das spielt überhaupt keine Rolle. Im Zweifel hat der Anbieter zwar das Recht, den Klingelton zurückzuverlangen. Aber da sollte man sich dann auch nicht zu schwer damit tun, dem vielleicht dann per E-Mail den Klingelton als Datei zurückzuschicken, da freut der sich dann. Und wenn alles nichts hilft, dann bleibt ihm häufig vielleicht nur der Gang zum Rechtsanwalt.

 

Michael Stein:
Den aber sollte man sich denn doch genau überlegen. Denn ein Rechtsanwalt kostet Geld und sein Honorar dürfte den Streitwert in den meisten Fällen vermutlich übersteigen. Aber: Es stellt sich die Frage, ob man sich das Treiben von Mobilfunk-Anbietern und Klingelton-Abzockern gefallen lassen will. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Udo Vetter:

 

Udo Vetter:
Faktisch ist es so, wer sich energisch wehrt, wird da auch Erfolg haben. Den Klingeltonbetreibern geht es nach unserer Erfahrung immer nur darum, in der Masse darauf zu hoffen, dass viele das Angebot annehmen und eben keinen Streit anfangen. Die paar, die sich streiten, denen wird eigentlich dann immer, wenn sie hartnäckig bleiben, mit relativ großer Kulanz begegnet, d.h. da gibt man lieber nach, schon aus der Furcht, möglicherweise mal ein Präzedenzurteil zu kassieren, das dann durch die Presse geistert, in dem steht: Klingelton-Abos müssen nicht bezahlt werden.

Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr



Letzte Änderung am: 19.09.2007, 15.48 Uhr