Wie ein geschützter Vogel ausgerottet wird und die Politik mitmacht
Sendung vom Montag, 7.2.2005 | 8.30 Uhr | SWR2
Ein Feature von Markus Frenzel
Ortolane (dt. Fettammern) gelten als das Delikateste, was französische Küchenchefs auftischen. Akut vom Aussterben bedroht, dürfen die kleinen Zugvögel allerdings seit 1979 in ganz Europa nicht mehr gefangen werden. Den Wilderern drohen hohe Geldstrafen bis hin zu Gefängnis. Theoretisch!
Die Realität sieht jedoch anders aus. Noch immer gibt es etwa 2000 Ortolan-Jäger in Frankreich, die jährlich mehrere Tausend Vögel ungestraft fangen und verspeisen. Auf dem Schwarzmarkt werden die Tiere für 100 bis 150 Euro pro Exemplar gehandelt.
Selbst die größten Restaurants sind an dem illegalen Ortolan-Handel beteiligt. Ohne Folgen. Der Grund: Ortolane sind das Lieblingsgericht der Politikerkaste in Frankreich. Mächtigster Fan der Vögel war Ex-Präsident François Mitterrand. Er garantierte die Straffreiheit der Jäger. Aber auch nachfolgende Politiker schirmen die Wilderer vor dem europäischen Verbot ab. Wer in Frankreich heute Ortolane jagt, braucht nichts zu fürchten. In der Region Landes - im äußersten Südwesten des Landes - gibt es einen Geheimpakt aller Beteiligten.
Politiker, Polizei, Jagdverbände und sogar Vogelschützer haben sich darauf verständigt, die kriminellen Ortolan-Jäger gewähren zu lassen. Das Umweltministerium in Paris weiß davon. Sieht jedoch keinen Handlungsbedarf. Unter Duldung des französischen Staates entstand so ein rechtsfreier Raum mitten in Europa.
Letzte Änderung am: 26.10.2006, 21.33 Uhr