SENDETERMIN Di, 18.6.2013 | 19.20 Uhr

SENDETERMIN Di, 18.6.2013 | 19.20 Uhr

SWR2 Tandem | Klappstuhllesung

Joseph und ich

Von Francis Nenik

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Joseph und ich

SWR2 Klappstuhllesung mit einer Geschichte von Francis Nenik

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Eine Lesung im Schwetzinger Schlosspark: Sonne. Pfau. Zuhörerinnen.

Eine Lesung im Schwetzinger Schlosspark: Sonne. Pfau. Zuhörerinnen.

Schloss Schwetzingen. Hier findet die mittlerweile 11. Klappstuhllesung statt - unter der Regie von Uli Lampen, mit dem Schauspielstudenten Julius Forster. Gelesen wird eine Erzählung von Francis Nenik, in der es vordergründig um ein Unternehmen geht, das historische Ereignisse nachspielt.

Joseph und ich leben in einem historischen Reservat. Joseph sagt, wir sind lebende Palimpseste, die nur aus Uniformen und Haut bestehen.

Unsere Aufgabe im historischen Reservat besteht darin, den Leuten, die zu uns kommen, zu zeigen, wie es früher mal war. Oder hätte sein können – wenn die Leute wollen, dass es so ist.

Also zahlen die Leute, und wir liefern. Scharmützel, Massaker, Schlachten, Schusswechsel, komplette Feldzüge mit Anlass und anschließender Landnahme … Wir machen alles bis zum Ersten Weltkrieg.

Es war der 29. November 1864. Ich stand auf dem von Rat Frost Forecasting gestifteten Feldherrenhügel und schaute runter ins Tal, derweil sich hinter mir ein Priester mit einem Gewehr den Hang hinaufschleppte, sich neben mich stellte und lud.
(Im Schlossgarten Schwetzingen speien falsche Vögel Wasser, kurz vorm so genannten "Ende der Welt".)

Als ich Joseph das erste Mal sah, lag er mit dem Gesicht nach unten im Schlamm und bekam von einem pummeligen Indianerjungen den Skalp abgeschnitten.

Er schrie ganz fürchterlich, aber viel davon hören konnte man nicht. Bulldozer fuhren durch die vom Regen aufgeweichte Prärie ...

Ich fragte Joseph, ob er laufen könne, und er bejahte es und stand auf. Dann legte er mir den Arm um die Schultern und warf mich zu Boden.

Aber da rutschte ihm der Bauch auch schon aus der Hose.

Oh, sagte ich. Da lag er nun, der Bauch, ein Stück Schaumstoff im Schlamm, ein Pflaster auf dem Schlachtfeld der Geschichte.

Aber es war mein erster Tag, und ich nahm es als Teil jener Geschichte, die nachzuschreiben ich gekommen war.

Im vergangenen Jahr hatte zum Beispiel eine Gruppe Japaner ein Stück vom Russisch-Japanischen Krieg gebucht (die Belagerung von Port Arthur) ...

Das Stück Krieg, das die Japaner auf Anraten unseres Geschichts-Managers gebucht hatten, dauerte gerade mal anderthalb Stunden (mit Teepause) und fand drüben im großen Steinbruch statt, wo wir normalerweise Indianer erschießen.

Geschichtsfälschungen, sagt Joseph, sind Teil der Geschichte, genau wie wir einer sind.
(oder auch: Das "Ende der Welt" im Schwetzinger Schlosspark.)

Er bringt das Evangelium mit Schrot unter die Leute, dachte ich mir und wollte schon intervenieren, doch da fiel mir ein, wo ich war – und so überließ ich dem Priester das Wort.

Niemals!, kam es da aus Chucks Mund wie aus des Priesters Flinte geschossen. Dann stand er auf, richtete seine Kleidung und strich sich provokatorisch durchs Haar.

Das mit den 78% hat der Geschichts-Manager nach einer Testschlacht errechnet, zu der er die Philosophen von nebenan eingeladen hatte, da sie seiner Ansicht nach besonders aufmerksame Zuschauer sind.

Aber der Trojanische Krieg war zu diesem Zeitpunkt wegen des Zuschauereinsatzes ohnehin schon vorbei.

Also frage ich Joseph, ob er wisse, dass die Buchungen für das Allerlei-Antike-Schlachten-Paket trotz der Sache mit Troja im letzten Monat um 37% zugelegt haben.

Vor ein paar Wochen haben sich zwei von ihnen ein Duell geliefert (Trojanischer Krieg, Hektor gegen Achill) und sich drei Stunden lang altgriechische Verse um die Ohren gehauen.
(Die Redakteurin, der Regisseur, der Schauspieler. Vor der 2. Leserunde.)

Er sagt, denen reicht es, wenn wir in großen Gruppen durchs Gelände rennen und uns gegenseitig gut sichtbar abschlachten.

Wir haben viele Schauspieler in unserem Reservat. Ehemalige Schauspieler, kommende Schauspieler, Gewiss-bald-wieder-in-einer-Hauptrolle-zu-sehende Schauspieler usw.

Joseph meint, das sei gestelztes Geschwätz, und wenn ich wolle, könne ich ja rüber ins Philosophen-Camp gehen, wo sie den ganzen Tag auf Baumstümpfen hocken und sich die Fäuste gegens Kinn stemmen ...

Wollen wir morgen nach dem Hereromassaker zusammen Fußball spielen?

Die Klassiker-Freunde haben sich nämlich ganz unklassisch erschrocken, als ich angefangen habe, im Gebüsch rumzuzucken. Als ich dann tot war, haben sie sich wieder beruhigt, aber nicht lange, weil Joseph ihnen ins Epigramm geröchelt hat.

Wenn der Krieg vorbei ist, könnten wir uns ein paar Speere in die Bäuche rammen, uns damit aufs Feld legen, in die Sonne blinzeln und uns gegenseitig Geschichten vom Draußen erzählen.
(Sonnenuntergang mit Techniker und Onlineredakteurin)

Unser Klappstuhl steht dieses Mal vor dem Schloss im Schwetzinger Schlosspark. Francis Nenik hat eine Geschichte geschrieben, die perfekt in das Ambiente passt: Seine Protagonisten leben in einem historischen Reservat und stellen auf Bestellung historische Schlachten nach: Indianerkriege, Seeschlachten, Krimkrieg. "Unsere Aufgabe besteht darin, den Leuten zu zeigen, wie es früher mal war. Oder hätte sein können – wenn die Leute wollen, dass es so ist. Geschichtsfälschungen, sagt Joseph, sind Teil der Geschichte." Geschichte bedeutet Kriege, immer wieder aufs Neue, und Kriege, auch wenn sie nur nachgespielt werden, bringen gutes Geld ein.

"Joseph und ich" ist im Frühling in der Literaturzeitschrift edit 61 erschienen.

Stand: 12.05.2013, 03.07 Uhr