Ein Kommentar von Gábor Paál
Am 27.11. beginnt bei der UN-Klimakonferenz im südafrikanischen Durban der Kampf um CO2-Emission und Ausgleichszahlungen zwischen armen und reichen Ländern. Die Prognosen sind düster – mit großen Durchbrüchen rechnet niemand. Überhaupt ist durch die Finanz- und Schuldenkrise das Thema anscheinend völlig ins Abseits geraten. Nach Meinung von Gábor Paál liegt das auch daran, dass Klimaschutz noch immer für ein "Umwelt"-problem gehalten wird.

Die Nachrichtenlage ist eindeutig: Täglich hören wir: Die neuesten Arbeitslosenzahlen, die Steuerschätzung, die Wachstumsprognosen, den ifo-Geschäftsklimaindex – doch eine für die Menschheit mindestens ebenso wichtige Zahl ging kürzlich im allgemeinen Schuldenkrisen-Alarm völlig unter: Die Entwicklung der Treibhausgasemissionen.
Das US-Energieministerium gab vor zwei Wochen die neuesten Zahlen bekannt: Nicht nur stößt die Welt mehr Treibhausgase aus als je zuvor, die Emissionen nehmen auch schneller zu als erwartet.
Nur wenige Medien haben darüber berichtet, und wenn, dann nur in ihren Wissenschafts- und Umweltsparten. Warum nicht in den politischen Hauptnachrichten?
Ich fürchte, weil die meisten von uns den Klimawandel noch immer als Umweltproblem betrachten. Ein Missverständnis. Der Klimawandel ist kein Umweltproblem. Er ist ein Zukunftsproblem der Menschheit. Das ist mehr als Wortklauberei. Zum Vergleich: Wenn wir vor das Wort Bürger eine Vorsilbe setzen und vom ausländischen Mitbürger sprechen, drückt sich darin aus, dass es eben doch nicht so’n richtiger Bürger ist.
Genauso klingt Umwelt nach etwas irgendwo da draußen, nach etwas, was jenseits der unmittelbaren menschlichen Sphäre angesiedelt ist, was die eigentliche Welt nur um-gibt. Doch Klimapolitik ist so wenig ein Umweltproblem, wie Kriege, Hunger und Finanzkrisen. Klimaschutz ist ein Welt-Problem, genauso wie Wassermangel, die Zerstörung von Böden und Wäldern oder die Anreicherung von Giften in der Nahrungskette.
Das Grundgesetz ist da schon weiter, es schützt nicht die Umwelt, sondern in Artikel 20a: die natürlichen Lebensgrundlagen. Das trifft es schon besser. Denn wie unsere Vorfahren wirtschaften wir noch immer mit Naturalien. Ohne Boden, Wasser, Luft und Wälder würde die Wirtschaft zusammenbrechen.
Warum also reden wir noch von Umwelt? Das Wort ist so verführerisch kurz, es hat nur zwei Silben und ist scheinbar so anschaulich. Und im ursprünglichen Zusammenhang hat der Begriff ja auch gepasst. "Umwelt und Innenwelt der Tiere" hieß das Buch, mit dem im Jahr 1909 Jakob Johann von Uexküll das Wort populär machte. Es hatte Power.
Die Umweltbewegung ist entstanden aus dem Protest gegen die Vergiftung und Verschmutzung der - äußeren - Natur. In dieser Zeit war der Umweltbegriff extrem wichtig, um die Öffentlichkeit für den Schutz der Natur zu sensibilisieren. Das ist gelungen. Wir haben heute Umweltminister, Umweltdezernenten, Umweltphilosophen und Umweltjournalisten, und es ist ja verständlich, dass all diese Umweltverständigen auch die ersten waren, die kapiert haben, worum es beim Klimawandel oder bei der Überfischung der Meere wirklich geht. Seitdem sind all diese Probleme in den Umweltressorts angesiedelt.
Heute ist das ein Problem, schon allein deshalb, weil die relativ wenig zu sagen haben. Die Umweltminister dieser Welt können beschließen, was sie wollen, die Weichen für das Weltklima stellen die Wirtschaft und die internationale Wirtschafts- und Handelspolitik, und so lange die Leute dort andere Dinge spannender finden, tut sich gar nichts. Als ob Klimawandel und Ressourcenverschwendung keine Wirtschaftsthemen wären – immerhin geht es um künftige Wohlstandseinbußen.
Der ungebremste Ausstoß an Treibhausgasen ist nichts als eine permanent wachsende ökologische Neuverschuldung. Mit dem Unterschied, dass die Gläubiger in diesem Fall entweder kleine Kinder oder arme Schlucker sind, auf jeden Fall schwache Verhandlungspartner, die keine Bedingungen stellen können und nie die Chance haben werden, all die Naturalien zurück zu fordern, die wir uns von ihnen genommen und aufgezehrt haben. Darum geht es in erster Linie.
Vergessen wir also die Umwelt. So wichtig der Begriff einst war, heute richtet er mehr Schaden an als er weiterhilft.
Quelle: SWR2
Letzte Änderung am: 23.11.2011, 16.02 Uhr
Werner Eckert wird aus Durban berichten
Am 28. November beginnt in Durban in Südafrika die 17. UN-Klimakonferenz. Werner Eckert, Leiter der Redaktion Umwelt und Ernährung im SWR, beschreibt, wie die Berichterstattung organisiert wird, was von der Konferenz zu erwarten ist und worin er seine Aufgaben als Journalist sieht.

Eine Klimakonferenz belastet das Klima. Tausende fliegen jetzt nach Durban in Südafrika, hin und zurück – und ich bin einer von denen. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Denn es gibt so viele ähnliche große Konferenzen auf dieser Welt, die gar nichts bewegen können und über die sich niemand aufregt. Beim Klimaschutz besteht zumindest die Möglichkeit, dass dabei eine international verbindliche Regelung entsteht. Der mögliche Nutzen ist deutlich höher als der unmittelbare Schaden.
Die ARD-Chefredakteure stellen schon monatelang vorher einen »Pool« zusammen. Der Korrespondent vor Ort ist meistens dabei und manchmal einer aus einem wichtigen Teilnehmerland, beispielsweise aus den USA. Und dann eben solche Fachkorrespondenten – etwa aus den Umweltredaktionen. Der Pool stellt sicher, dass mit einem relativ kleinen Aufwand alle ARD-Anstalten und Sender verlässlich mit Informationen und Beiträgen bedient werden.
Sobald die Besetzung steht, organisiert der Pool-Chef, in der Regel der Korrespondent vor Ort, also jetzt Claus Stäcker in Johannesburg, Unterkünfte. Die Flüge buchen die Kollegen selbst. Eine wichtige Frage ist: Welche technischen Voraussetzungen gibt es am Tagungsort? Welche Übertragungsmöglichkeiten in welcher Qualität stehen zur Verfügung? Wie steht es mit dem Internet und was kostet das alles? Unsere moderne Technik macht vieles möglich, man muss nur wissen, worauf man sich einlässt.
Bei der Klimakonferenz im vergangenen Jahr etwa gab es in Mexiko keine ISDN-Leitungen, wie wir sie in Deutschland kennen. Heute können wir auch über normale Telefonverbindungen Sprache in einer Qualität fast wie im Studio übertragen, aber dazu braucht man andere Geräte. Und die brauchen alle Stationen in Deutschland, sonst funktioniert die Übertragung nachher nicht.
Jahrelang war es üblich, Journalisten alleine zu solchen Ereignissen zu schicken. Jetzt gibt es eine Rückbesinnung: Es ist wieder ein Techniker mit im Team, der dafür sorgt, dass alles klappt und wir uns auf die Inhalte konzentrieren können. Und das wird spannend genug.
Der internationale Klimaschutz steckt nämlich seit dem Gipfel von Kopenhagen 2009 ziemlich in der Krise. Dort ist es nicht gelungen, ein Nachfolgeabkommen für das sogenannte Kyoto-Protokoll zu verabschieden. Und jetzt sieht es so aus, als werde es ein solches umfassendes Abkommen vielleicht nicht mehr wieder geben. Die Lage ist unübersichtlicher geworden. Und das ist viel schwieriger zu vermitteln. Die klassische Mediensituation ähnelt ja dem Showdown im Western: Der Gute mit dem weißen Hut und der Böse mit dem schwarzen stehen einander gegenüber und am Ende hat einer gesiegt. Abkommen oder kein Abkommen? Sind die USA dabei oder nicht? Das waren überschaubare Gefechtslagen, die auch vermittelbar waren. Jetzt geht es um komplizierte und fragile Einzelthemen und Versuche, kleine Fortschritte in der Sache zu machen. Das Interesse an den Klimaverhandlungen hat denn auch – nach Kopenhagen – deutlich abgenommen.
Die Maxime heißt nun auch für Durban: Den Faden nicht abreißen lassen! Die politische Grundlage ist stark genug, um darauf mehr internationalen Klimaschutz aufzubauen. Eines Tages…
Werner Eckert
Letzte Änderung am: 23.11.2011, 16.02 Uhr