Bitte warten...

SWR2 Meinung "Lasst uns weiter einkaufen gehen!"

Die Verbraucher ignorieren die düsteren Wirtschaftsprognosen des ZEW. Hans Gerzlich kommentiert. SWR2 am Morgen, 16.11.2011

Zahlen, Zahlen, Zahlen. Gucken Sie auch manchmal "Günther Jauch" oder "Maybritt Illner"? Das sitzt Politiker A und untermauert seine gerade gedroschenen Phrasen mit absolut überzeugenden Statistiken, Zahlen und Indizes. Dem antwortet dann Politiker B. Der ist allerdings der Meinung, dass A völligen Quatsch redet. Und dann kommt der Clou: B kann genauso überzeugende Statistiken, Zahlen und Indizes aufzählen, die das genaue Gegenteil belegen.

Es kommt, wie es kommen muss: A behauptet, B habe keine Ahnung, B behauptet A habe keine Ahnung - und beide haben Recht! Günther Jauch bedankt sich fürs Zusehen, weist noch auf die anschließenden Tagesthemen hin, wo Tom Buhrow auch noch die eine oder andere Statistik des IFO-Institutes in München oder des ZEW in Mannheim bei der Hand hat... und der Zuschauer ist durch MEHR Information wieder ein kleines bisschen dümmer geworden.

Wenn Sie gestern Abend die Tagesthemen eingeschaltet haben, dann haben Sie Herrn Buhrow und den brandheißen Konjunkturindex des ZEW gesehen, des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Ein gaaanz, gaaanz wichtiger Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland und Europa - behauptet das ZEW.

Das befragt nämlich monatlich 300 Finanzexperten - Unternehmer, Analysten, Wissenschaftler - "Na, was glauben Sie, wie wird sich die deutsche Wirtschaft entwickeln? Besser? Oder schlechter?" Und je nachdem, welche Laune der Befragte gerade hat, fällt das Urteil aus. Mitentscheidend dafür ist, ob der VfB letzten Samstag das wichtige Heimspiel verloren hat

und/oder das neue Auto morgens nicht angesprungen ist. Fällt die persönliche Bilanz schlecht aus, fällt auch die Prognose für Deutschland schlecht aus, und wir steuern so gut wie sicher in die nächste Rezession - sagt das ZEW.

Jetzt gucken aber nicht nur Sie und ich die Tagesthemen, sondern auch die Bundeskanzlerin.

Und die hat gestern Abend auch gehört, dass das ZEW vermeldet, dass sich die Konjunkturaussichten "stärker als erwartet eingetrübt" haben und dass dieser Abwärtstrend schon seit neun Monaten anhält. Und das ist schlecht fürs Geschäft. Also vor allem für ihres, denn in Bälde werden ja schon wieder von infratest dimap die neuesten Zahlen für die Sonntagsfrage veröffentlicht. Also muss sie was tun - nämlich vor die Kameras eilen und verkünden: "Die Talsohle ist durchschritten. Das Licht am Ende des Tunnels ist bereits sichtbar.". Darauf antwortet die Opposition wie aus einem Munde: "Aber das ist doch nur eine Leuchttafel, auf der steht: KEIN AUSGANG!" - und kann das auch noch mit absolut überzeugenden Statistiken, Zahlen und Indizes belegen...

Und wer behält in all dem Zahlengewusel kühlen Kopf? Wir, die Bürger.

Sollen die sich in Berlin doch um Konjunkturaussichten oder die siebte Nachkommastelle beim Bruttoinlandsprodukt streiten, wir gehen einkaufen! Wir haben nämlich auch im 3. Quartal 2011 gekauft, geshoppt, investiert und konsumiert, als wenn es Geld dafür gäbe - aller Schwarzmalerei zum Trotz. Sagt das Statistische Bundesamt - und die haben ja schließlich auch ihre Zahlen...

SWR2 am Morgen

Montags bis freitags, 6.00 bis 8.00 Uhr

6.00: Aktuell
6.20: Hintergrund Politik
6.30: Kurznachrichten
6.32 Pressestimmen
6.37: Zeitwort
6.45: Globales Tagebuch
6.53: Politische Presseschau
7.00: Aktuell
7.07: Tagesgespräch
7.20: Meinung
7.29: Programmtipps
7.30: Kurznachrichten
7.32: In den Feuilletons
7.45: Kulturgespräch
7.57: Wort zum Tag