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SWR2 am Morgen | Sommerreihe SWR2 Strandbuch

Kurzgeschichten für den Urlaub zum Hören und Lesen

Eine Frau liegt auf einem Steg am See und liest in einem Buch

Immer pünktlich zur Urlaubszeit liegen in den heiligen Hallen der Bücherläden Kurzgeschichten für die Urlaubsreisenden bereit. Diesen Service wollen wir unseren Hörern ebenfalls bieten, aber so wie sich das für das Radio gehört, in einer hörbaren Version von den Autoren selbst vorgelesen.

Ab dem 19.7. wird in SWR2 am Morgen in loser Folge das SWR2 Strandbuch Folge um Folge, Kurzgeschichte um Kurzgeschichte anwachsen, bis dann am Ende 14 Kurzgeschichten zusammengekommen sind. Jan Weiler wird Ihnen von seinen persönlichen Sommereindrücken schreiben, Thomas Klupp blickt auf den Strandurlaub aus der Sicht eines kleinen Kindes oder Wirtschaftskabarettist Hans Gerzlich rechnet aus, wie hoch der volkswirtschaftliche Verlust ausfällt durch den alljährlichen Urlaubsstau. Dafür schildert Jörg Schieke die Liebesgeschichte zweier Teenager anhand der Tatsache, dass Quallen zu 99 Prozent aus Wasser bestehen.

Alle SWR2 Strandbuch-Geschichten

Die Auflösung dieser Zusammenhänge und alle weiteren Geschichten gibt es dann in SWR2 am Morgen und hier im Internet in hörbarer und lesbarer Version zum Download. Im SWR2 Strandbuch betrachten wir den Sommer gemeinsam mit 14 verschiedenen Autoren durchaus liebevoll, aber eben auch mit kleinen Seitenhieben auf Sonnenstrahlen, Hitzestau und andere Themen, die im Sommer bewegen.

Die Strandbuch-Autoren:

Annette Pehnt, Thomas Gsella, Alfred Marquart, John von Düffel, Kai Karsten, Jan Weiler, Jörg Schieke, Guy Helminger, Björn Kern, Pierre M. Krause, Hans Gerzlich, Thomas Klupp, Rayk Wieland, Alexander Wasner

(Änderungen vorbehalten)

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchBitte zurückbleiben!

Von Rayk Wieland

Strandleben

Am Strand liegen, ich weiß, es könnte so schön sein. Wenn nur die andern nicht wären, die anderen Urlauber, eine Handtuchbreite entfernt vom eigenen Handtuch. Und wenn es nicht so elend heiß wäre. Und wenn das Meer nicht so lustlos, so monoton, so träge ans Ufer schwappte. Und wenn die Möwen ein paar andere Melodien in petto hätten als ihr ewiges Hiihäää, Hiihäää. Und wenn diese Durchsagen nicht wären, die Durchsagen der Rettungswacht, die alle halbe Stunde Lufttemperatur und Wassertemperatur bekanntgeben, Guten Tag und Auf Wiedersehen sagen, einen ausufernden Dank an die ehrenamtlichen Helfer ausrufen und immer wieder langatmige Erläuterungen abgeben zur Sturmwarnungssymbolik des schlaffen roten Ballons am Rettungsturm und was weiß ich noch alles.

Der Strand am Seebad Heringsdorf, auf der reizenden Insel Usedom gelegen, zu den sogenannten Kaiserbädern zählend, ist Bahnhof und Zug in einem. Quäkende Lautsprecher. Mitteilungsbedürftige Rettungsschwimmer. Beschallte Badezone. So viele Durchsagen, so wenig zu melden. Ein Glück, dass sie nicht auf englisch wiederholt werden. Oder auf sächsisch.

Es passiert nicht viel, denn es ist entweder zu heiß oder zu kalt. Am Strand ist nie das richtige Wetter. Eine drückende Aura der Sinnlosigkeit, der von außen nach innen diffundierenden Öde, eine Bereitschaft zur Urlaubs-Depression macht sich breit. Die Zeit vergeht nicht. Um überhaupt irgend etwas zu tun, geht man ins Wasser. Wenig später verlässt man das Wasser wieder, weil es auch keine Lösung ist. Bleibt dämmern, dösen, Durchsagen hören.

Da kommt wieder eine. Werte Badegäste, Achtung, Sie alle mögen bitte sofort das Wasser verlassen. Alle Badegäste. Da kein Wind geht, kann es wohl keine Sturmwarnung sein. Haialarm vielleicht? Hai-Übungsalarm? Am Ostseestrand? Oder die Ölpest aus dem Golf von Mexiko, ist sie schon da?

Schallend und scheppernd die Erklärung aus dem Lautsprecher: Zu viele Leute seien im Moment vermisst, als vermisst gemeldet. Aha. Deshalb sollten jetzt alle bitte mal das Wasser verlassen. Sehr seltsam. Werte Badegäste, verlassen sie das Wasser!, wiederholt der Lautsprecher.

Muss man im Wasser sein, um vermisst zu werden? Oder gilt man in dem Moment, in dem man ins Wasser geht, als vermisst? Und warum folgen jetzt alle Leute der Durchsage und kommen wirklich raus? Sind sie die Vermissten? Würden sie gern ein wenig vermisst sein? Das sind so Fragen. Langsam stehe ich auf und gehe los. Das Meer liegt jetzt beeindruckend leer, klar und still vor mir. Es ist perfekt. Kein Mensch nirgends. Das Meer gehört mir und hinter mir sehe ich den Strand, ein Gewimmel, so viele Vermisste, die vermisst werden von anderen Vermissten, die ihrerseits vermisst sind.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchQuallenplage

Von Jan Weiler

Quallen in der Ostsee

Italien. Vor diesem Urlaub war ich lange nicht mehr am Strand, denn irgendwie nervt Strand ja auch ganz gewaltig. Überall klebt Sand, man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen, muss kilometerweit laufen, das Wasser ist zu kalt und es schwimmt Abfall drin. Immer ist es zu windig für Federball und die Preise für Eis an der Strandbude erweisen sich als verbrecherisch. Und dann, wie gesagt, dauernd dieser doofe Sand. In den Ohren, im Essen, in der Badehose. Trotzdem wollte Sarah unbedingt an den Strand. Den Sand dort fände sie gerade gut und ich könne ja auf dem Parkplatz warten, der sei asphaltiert und keinerlei Gefahr für meine Ohren, mein Essen und meine Badehose.

Wir fuhren also vom diesjährigen Ferienhaus knapp 80 Kilometer weit nach Westen, um zwischen Italienern und Italienern in Ausbildung einen Strandtag zu absolvieren. Unser Sohn unterhielt uns mit der ausführlichen Interpretation seines neuen Lieblingsliedes „Finger im Po, Mexiko“. Ein Land, das solche Schlager hat, braucht keine Atomwaffen. Während Nick sang, Carla sich darüber beschwerte und Sarah mit ihrem Vater telefonierte, erinnerte ich mich an meine Kindheit: Wir fuhren vor über 30 Jahren gerne nach Sylt, mieteten dort ein Haus mit Reetdach und pilgerten jeden Tag über endlose und ölig riechende Holzwege, über die Düne an den breiten Strand, aus dem bunte Körbe wie Pilze zu wachsen schienen. Wenn wir einen gekapert hatten, bauten wir sofort einen antiimperialistischen Schutzwall drum herum und verzierten diesen mit Muscheln. Tja, was man halt als deutsches Kind so macht am Strand. Als dann eine Quallenplage aufkam, veranstalteten wir mit anderen Kindern eine Quallenschlacht und bewarfen uns gegenseitig mit den Handteller großen Dingern. Das war toll. Die Warnung vor Feuerquallen nahmen wir nicht ernst. Wir hielten die Feuerqualle als solche für eine Ausgeburt unernster Erwachsenenpädagogik, vergleichbar mit Knecht Ruprecht oder dem Schneider mit der langen Schere. Ha! Einfach lächerlich. Jedenfalls fuhren wir einmal ins Krankenhaus wegen der Feuerqualle, die mein Bruder besser nicht angefasst hätte.

An italienischen Stränden sollte es in diesem Jahr haufenweise Quallen der unangenehmen Sorte geben. Dies hatte ich vormittags im Internet recherchiert. Aber es half mir nicht, denn Sarah fand, dass man dann eben nicht ins Meer könne und dafür mehr vom Sand habe. Carla erklärte, dass sie eine Quallenplage ihrem kleinen Bruder vorzöge und dieser rief, dass er Quallen geil fände. Aber seine Meinung zählt nicht. Er findet auch „Finger im Po, Mexiko“ geil.

Am Strand angekommen, schärften wir den Kindern ein, unter überhaupt keinen Umständen ins Wasser zu gehen und suchten uns ein einigermaßen sauberes Fleckchen, welches nur einen halben Kilometer von der hochfrequentierten Strandbude entfernt lag. Dort verbrachte ich nun einen wunderbaren Strandtag, genau genommen war es aber nur eine wunderbare Strandstunde. Ich holte nämlich den Kindern ein Eis an jener weit entfernten Strandbude, und auf dem Rückweg war der Sand so irre heiß, die Fußsohlen schmerzten so. Also ging ich durch das knöcheltiefe und angenehm kühle Wasser.

Wenn Sie Bekanntschaft mit einer Qualle gemacht haben, müssen Sie die Stellen mit Salzwasser abwaschen, auf keinen Fall mit Süßwasser, denn dabei platzen die auf der Haut verbliebenen Nesseln, und alles wird nur noch viel schlimmer. Das können Sie mir glauben.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchSandburgen aus Sicht eines Vierjährigen

Von Thomas Klupp

Eimer und Schaufel

Als ich klein war, hat Mama sich oft um mich ängstigen müssen, besonders im Urlaub hat sie sich ängstigen müssen, da sind wir ans Meer gefahren, haben uns an den Strand gelegt, und ich war unglücklich. So unglücklich war ich, dass ich es selbst kaum gemerkt habe, vor allem beim Sandburgenbauen habe ich es nicht gemerkt, störrischer weise habe ich mir dabei sogar eingebildet, glücklich zu sein. Kaum waren wir am Strand, habe ich Eimer und Schaufel genommen und zu buddeln begonnen, stundenlang habe ich buddeln können, klopfen und bauen, und Mama hat den Kopf geschüttelt und gesagt: Was du nur daran findest. So eine unkindliche Art aber auch, hat sie gerufen, und auf die anderen Kinder am Strand gezeigt, die nur manchmal Burgen gebaut haben, viel mickrigere und hässlichere Burgen als ich, aber das hat sie nicht so sehr interessiert. Ihr ging es mehr darum, dass die anderen Kinder am Strand zusammen gespielt haben, dauernd hat man von irgendwoher lachende und kreischende Kinderstimmen gehört, einen ganzen Chor davon. Das tut mir in den Ohren weh, hat Mama gesagt, und vor lauter Schmerzen und Sorge ist sie wütend geworden, zuerst auf mich, und dann auf meinen Vater. Das Kind vereinsamt, hat sie zu ihm gesagt, das Kind wird asozial, und du schaust zu.

Manchmal hat er sich sogar zu mir gesetzt und mir beim Vereinsamen geholfen, dabei sind die schönsten Burgen entstanden, was wahrscheinlich damit zu tun, dass mein Vater Architekt ist. Immer hat er sich für Burgen und Schlösser und sonstige Bauten interessiert, nicht so sehr aus kulturellen als vielmehr aus statischen Überlegungen heraus, die Mama gar nicht teilen konnte. Grundsätzlich war sie mehr für Kultur und Ambiente und Geselligkeit, weswegen sie mich irgendwann an der Hand genommen und zu den anderen Kindern geführt hat, zu den echten Kindern, wie sie sie nannte. So, hat Mama gesagt, als wir bei den echten Kindern waren, jetzt spiel und sei fröhlich, sonst setzt es was.

Ich habe mir auch ehrlich Mühe gegeben mit dem Spielen und dem Fröhlichsein, nur wollte es nicht recht funktionieren. Wir waren in Italien oder Frankreich, und Mama ist auch immer an Strände gefahren, wo lauter Italiener und Franzosen waren, die Hotelstrände mit den vielen Deutschen hat sie nie leiden mögen, da ist ihr das Ambiente abhanden gekommen. Bei mir dagegen kam es gar nicht erst auf, weil die echten Kinder und ich uns nicht verstanden haben. Zwar hat Mama gemeint, dass alle Kinder dieselbe Sprache sprechen, aber darauf habe ich mich nicht einlassen wollen. Ich bin sehr häufig getaucht worden in dieser Sprache und den Ball durfte ich auch nie fangen, da habe ich doch wieder zu buddeln begonnen.

Ich habe jetzt heimlich gebuddelt, ganz am Ende des Strands, aber wegen ihrer großen Sorge um mich hat Mama es trotzdem gemerkt. Das ist doch nicht dein Ernst, hat sie gerufen und mir Schaufel und Eimer weggenommen, woraufhin ich mit den Händen weiter gemacht habe, und ich bin auch nicht mehr so tief gekommen, nur vom Prinzip her war es dasselbe. Ich habe mich ungünstig entwickelt und es nicht bemerkt, und Mama, die es bemerkt hat, hat es nicht zulassen wollen, und da hat sie ihre Füße benutzt. Sehr groß ist sie über mir gestanden und hat die Mulden zugescharrt, und wenn ich einmal einen Vorsprung hatte, weil sie schwimmen war, bin ich doch bloß bis zur ersten Burgmauer gekommen, spätestens dann waren ihre Füße wieder da.

Ich habe zu plärren angefangen, auch wegen der kaputten Burgen, vor allem aber weil Mama wie wild in den Sand getreten hat, die Körner haben nur so gespritzt und mir in den Augen gebrannt, aber davon hat sie sich nicht irritieren lassen. Zu meinem großen Glück hat sie weiter gemacht, bis ich schließlich begriffen habe, dass das Sandburgen bauen mir und im Besonderen meiner Entwicklung schadet, und ich es endlich habe bleiben lassen.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchDer letzte Tag schön am Meer

Von Pierre M. Krause

Costa del Sol

„Signor? Have you got… ähm… of se Chicken? Yesterday here was Chicken…”. Sabine deutet auf die Stelle am Selbstbedienungsbuffet, wo gestern noch das Curry-Hühnchen in zweckgebundener Chromform für hungrige Hotelgäste dargeboten wurde. „Or is sere no chicken today?“ Sabine ist sich sicher, dass der kellnerhaft gekleidete Spanier Englisch versteht. Tut er nicht. Aber „Chicken“ versteht er. „Pork“, „Fish“, „Coffee“, „Roomnumber please“ und „Bier“ in drei Sprachen gehören ebenso zu den inflationär gebrauchten Vokabeln hier. „No chicken today. Tomorrow chicken.“ lächelt er Sabine professionell zu, während er eine Badewanne Paella abschüttet. “Good. Sänk ju.” „Hühnchen kannste zuhause essen. Wir sind hier am Meer, da muss man Fisch essen“, weiß Tobias, Sabines Freund. „Also ich nehm jetzt mal von dem Fisch da. Sieht doch lecker aus. Hoffentlich sind da keine Kiemen drin.“ „Gräten“ korrigiert Sabine, eine Artischocke auf den Teller ladend.

Sabine und Tobias machen Pauschalurlaub in Spanien. Die genaue geographische Urlaubs-Ortsangabe lautet nach Sabine: „Costa del Sol. Schön am Meer.“

Etymologisch ist „pauschal“ eine Ableitung von „Bausch“, was „Dickes Stück“ bedeutet. Und „Urlaub“ ist von „erlauben“ abgeleitet. Das erklärt sich von selbst, wenn man den Blick durch das Restaurant schweifen lässt. Eine Herde „dicker Stücke“ „erlaubt“ es sich einmal im Jahr, in kurzen Turnhosen und besockten Trekkingsandalen zu speisen und den wortgegebenen Sinn des „Muscle-Shirt“ ad absurdum zu führen. In einem hippen Berliner Underground-Club, wo die Mode und überhaupt alles ironisch ist (auch die Ironie selbst), wäre das hier eine Bad-Taste-Party vom feinsten.

Tobias hat Spaghetti Bolognese als Beilage zum Fisch gewählt. Dazu Pommes, eine Ofenkartoffel, frittiertes Gemüse und ein kleines Schnitzel mit brauner Soße. Das Fassungsvermögen eines standardgroßen Tellers beeindruckt hier enorm. Beim Kellner bestellt er souverän „Cerveza!“, obwohl hier jeder Mitarbeiter das Wort „Bier“ kennt. Und das natürlich „Por Favor“ – man ist ja souveräner Weltenbummler. Sabine probiert heute mal Paella, so richtig typisch Spanisch eben. Und dazu eine Weißweinschorle. Was das auf Spanisch heißt, weiß Tobias gerade nicht. Beim Verzehr – oder man sollte sagen – bei der Lebensmittel-Massenvernichtung kleckert er sich Spaghetti-Sauce auf das Ed-Hardy-Shirt. Die Sauce passt gut ins Muster und es fällt niemandem auf.

Nach 14 Tagen „Erholung pur“ ist es heute der letzte Urlaubstag. „Ach schade, schon wieder vorbei“, so klingt Sabine, wenn sie melancholisch wird. „Mhm“, so klingt Tobias, wenn er Schnitzel kaut und Sabine melancholisch wird. „Aber schön war’s“, resümiert Sabine und nimmt die Weißweinschorle vom Kellner entgegen. „Gratsias! Ach, die sind alle so nett hier!“. „Mhm“. „Und wir haben uns kaum gestritten“ freut sich Sabine rückwirkend. „Bis auf da, wo du den Mietwagen geschrottet hast“ erinnert Tobias. „Ich hab den nicht geschrottet! Was kann ich denn dafür, dass dieser Pfosten da so niedrig war?“. „Frauen und Autofahren halt“, Tobias sucht den bestätigenden Blickkontakt zu anderen männlichen Touristen. Sabine ist brüskiert: „Sag mal! Das ist jetzt ja total machomäßig!“. „Du immer mit deinem „machomäßig“, typisch Frau!“. „Und du immer mit deinem typisch-Frau-Gedöns!“. „Und du immer mit deinem Du-Immer!“.

„Would you like another beer?“ fragt der freundliche Kellner. „Oui… Yes äh Si… ach scheißegal: Cerveza!“ blafft Tobias mürrisch. „Da kann doch jetzt der Kellner nichts für.“ Tobias verteidigt sich: „Ich hab für das alles hier bezahlt, da muss ich nicht jeden Tag den Gute-Laune-Tanzbär machen!“. Dann schweigen beide eine Weile. Sabine sortiert die Muscheln aus der Paella, die mag sie nicht. Tobias lässt einen Großteil der Pommes sowie die Ofenkartoffel unangerührt und widmet sich dem überdimensionierten Nachtischteller.

Er beobachtet das gleichaltrige Pärchen am Tisch gegenüber, dem Sabine den Rücken zugewandt hat. Tobias holt zum Themenwechsel aus, denn er weiß: Die beste Methode zur Ablenkung vom eigenen Disput ist immer noch Lästern. Mit Blick zu dem jungen Paar am Nachbartisch sagt er: „Die größten Idioten haben die hübschesten Frauen.“ Sabine lächelt besänftigt. „Danke, Schatz.“.

Nächstes Jahr fliegen die beiden vielleicht nach Portugal. Da gibt es auch Hotels. Schön am Meer.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchDie Bucht

Von Guy Helminger

Paar auf Felsen

Nur durch Zufall entdeckten sie die Bucht. Sie spazierten an den Klippen entlang, blickten hinunter ins Meer, und Kathrin sagte: „Ist das hoch.“ Am Himmel verlief ein blaues Farbengemisch, wechselte von ultramarin über wasserschillernd zu pfauenblau. Dazwischen waren weiße, fast durchsichtige Schlieren zu Vogelkonturen geronnen. Alex legte sich flach auf den Bauch, robbte einige Zentimeter zum Abgrund hin und dann sah er, dass links von ihm der Fels wie eine Treppe gehauen war.

„Es ist zu hoch“, sagte Kathrin, aber Alex hatte bereits mit dem Abstieg begonnen, rief: „Komm schon!“

Die Stufen lagen im Schatten. Ein kühler Wind schien sich zwischen den Wänden im Kreis zu drehen. Sie gingen langsam, Alex drehte sich immer wieder um, lachte. Die letzten zwei Meter drückte er sich vom Gestein ab, sprang hinunter, lief um die Ecke. Kathrin beeilte sich, ihm zu folgen. Als sie aus dem Schatten trat, sah sie Alex, wie er die Hände in die Hüften stemmte und auf die gleißenden Wellen blickte. Hinter ihm lag ein gut fünfzehn Meter langer Strand, der breit am Meer begann und sich dann zungenähnlich in die Klippen hinein schob.

„Wow“, sagte Alex, als Kathrin sich neben ihn stellte. „Wir sind allein auf der Welt.“ Das Meer gurgelte. Dann merkten sie, dass es kein Sand war, auf dem sie standen, sondern unzählige, winzige Korallen, die gelb, orange und ockerfarben schimmerten. Kathrin ließ sie durch ihre Hand gleiten. Sie sahen wie Spielzeugknochen aus. „Besser als Sand, der klebt immer so am Hintern“, sagte Kathrin. Alex sah sich um. Nicht mal ein Segelboot trieb draußen auf den Wellen. Wenn sie sich am überstehenden Felsen hinlegen würden, könnte sie auch niemand von oben sehen, falls jemand vorbei käme. Sie umarmten sich. Die Sonne trieb Wasser aus ihrer Haut. Kathrin spürte die Korallen im Rücken. Ein leises Rauschen trieb über sie hinweg.

Danach schlief Alex ein. Kathrin hockte sich neben ihn, hatte das Gefühl im Kino zu sitzen und einen Film zu sehen. Als die Sonne tiefer stand und ein kühler Schatten sich um die Korallen wickelte, sagte Kathrin laut: „Lass uns gehen.“ Sie schüttelten ihre Klamotten, zogen sie an. Wir waren gar nicht schwimmen, dachte Alex. Er trug seine Schuhe in der Hand, ging um die Ecke, schaute nach oben. Der Fels wirkte seltsam glatt. „Wo ist die Treppe?“ fragte Kathrin. Alex tastete das Gestein ab, obwohl er deutlich sehen konnte, dass dort keine Stufen waren. Dann trat er einige Meter zurück. Es war die Stelle, an der sie abgestiegen waren. „Alex, wo ist die Treppe?“ wiederholte Kathrin ihre Frage. „Hier“, antwortete ihr Freund, „hier irgendwo.“ Er begann erneut die Wand abzutasten, ehe er hinzufügte: „Jemand muss sie weggenommen haben.“ „Aus dem Felsen?“ sagte Kathrin ungläubig. Hinter ihnen begann das Meer zu gurgeln, leckte über die Korallen.

„Hilfe!“ schrie Kathrin plötzlich nach oben. Alex zuckte zusammen, sagte verärgert: „Was soll das!“ Dann schwiegen beide. Über den Himmel zog jemand langsam die Nacht wie eine schwarze Jalousie.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchDie Unsichtbare

Von Björn Kern

"Die Unsichtbare"

Hier unten seh ich den Sommer nicht, im Keller unter der Tankstelle, zwischen Toilettenschüsseln und Handwaschbecken, im Neonlicht. Herren 50 Cent, Damen 50 Cent, Urinoirs 30 Cent. Vielen Dank! Die Preise stehen auf einem Pappschild, den Dank sage ich selbst, sobald ein oder zwei Münzen klirrend auf den kleinen Teller vor mir gefallen sind. Hier unten seh ich den Sommer nicht, aber meine Kunden erzählen mir von ihm, ohne jemals mit mir zu sprechen.

Die Biker bringen das Benzin von der Autobahn mit sich, in ihren Haarmähnen, in ihrer Lederkluft. Und manchmal, wenn sie von Süden kommen, riechen sie nach Sand und Harz aus den brandgefährdeten Wäldern. Sie zwinkern mir zu, wobei sie ihre Sonnenbrillen leicht nach unten nehmen, und legen einen Euro auf den Teller. Immer zahlen sie zu viel, und wenn ich rausgeben will, tätscheln sie meine Hände: Muttchen, lass stecken!

Familienväter in offenen Hemden legen ihr Geld nicht, sie schmeißen es. Was immer sie tun, tun sie im Vorbeigehen, niemals sehen sie mich an. So rutschen ihre Münzen vom Zahlteller herunter und landen in meinem Schoß. Bald kommen die mageren, jungen Mütter nach, mit dem immer gleichen Geruch nach Babypuder und Duftbaum. Dann seh ich die Urlaubsaufkleber vor mir, auf ihren Volvokombis mit Surfbrett auf dem Dach. Die Mütter fragen: Mein Mann, hat der nicht für uns beide? Ich winke sie durch, auch wenn ihre Männer selten mehr als zwanzig, dreißig Cent gezahlt haben. Ich bettle hier nicht! Rausgehen ohne zu zahlen, das geht leicht im Sommer, im Strom der Kommenden, Gehenden, Schwitzenden. Im Sommer gibt’s niemals Pausen, ich komm kaum hinterher, die Frisuren und Shorts und die knappen Kleider einzustudieren.

Es stimmt nicht, dass ältere Menschen weniger schwitzen. Auch Frauen in meinem Alter zupfen noch viel zu viele Papiertaschentücher aus dem Spender, um sich über die Stirnen zu wischen. Und wenn sie glauben, dass ich nicht hinseh, trocknen sie sich hastig die Ausschnitte und dann ihre Achseln. Je älter die Damen, desto unberechenbarer sind sie. Mal drücken sie mir einen Euro in die Hand und bedanken sich leise, und mal tun sie, als hätten sie mich gar nicht gesehen. Die mich nicht sehen wollen, gehen mit strammen Waden zurück zu Teer und Geschwindigkeit. Dann bin ich froh, dass ich nicht mitfahren muss, in ihren langen schweigsamen Leben.

Außer den Bikern sehen mir nur Kinder in die Augen. Sie verdrehen ihre Köpfe, während ihre Geschwister sie bereits weiter zerren. Ab dem Alter von zwölf oder dreizehn Jahren meidet man meinen Blick. Erst Greise sehen wieder her. Spät am Abend wische ich ein letztes Mal Spiegel und Urinoirs und trockne die Pfützen darunter. Ich wickle die Papierrollen auf, die unter den Türschlitzen hindurch quer über die Kacheln gerollt sind. Dann übergeb ich die Schlüssel dem viel zu jungen Ding von der Nachtschicht. Und wenn ich endlich die steilen Stufen zur Tankstelle emporgeklettert bin, ans Tageslicht, ist dort tatsächlich Sommer.

Draußen fahren die Familienväter noch hastiger an, als sie drinnen gepinkelt haben. Sie greifen nach ihren Frauen und schlagen nach ihren Kindern, verschwinden schnell auf der Autobahn. Der Trampelpfad, der mich ins Dorf zurück führt, beginnt hinter dem Parkplatz. Ich gehe hinüber, an den Zapfsäulen vorbei und an der Waschstation. Wundere mich nicht, dass mich im Strom der Kommenden, Gehenden, Schwitzenden außer den Bikern, die lässig herüberwinken, wieder niemand erkennt.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchNeunundneunzig Prozent

Von Jörg Schieke

Paar im Wasser

Es ist eine alte Geschichte, beinahe ein Klassiker, und sie handelt von jungen Leuten mit generationstypischen Vornamen, die sich nach ein paar Sekunden Bedenkzeit ineinander verlieben. Sie haben sich auf dem Zeltplatz kennengelernt und sie flüstern einer die Augenfarbe des andern. Blaue Augen schauen in braune – und staunen. Rebecca mag diesen Daniel, der dort zuhause ist, wo sie im Sommer mit ihrer Clique Camping macht. Ein Nordlicht, das sie erst in ein Gespräch und später in einen Kuss verwickelt. Am vierten Abend laufen sie Hand in Hand durch die Dünen, und dauernd kommen ihnen Kinder mit Eimern entgegen, laufen vom Dorf runter zum Bodden und wieder ins Dorf zurück.

Daniel erklärt, dass diese Kinder im flachen Wasser Quallen einsammeln und zwar so behutsam wie möglich, denn diese Tiere bestehen ja zu neunundneunzig Prozent aus Wasser. Der Rest aber, das eine Prozent, das sei das Herz und das Hirn und die pure Verletzlichkeit.

Voll eklig sind diese Dinger, sagt Rebecca, wozu braucht ihr denn dieses Glibberzeug, diese Quallen?

Daniel, als Einheimischer, weiß bestens Bescheid. Naturdünger, sagt er, denn Quallen sind das gesündeste, was einem Erdbeerbeet oder einem Stück Wiese passieren kann. Und was gut ist für die Erde, ist auch gut für die Touris; zum Beispiel den Sonnenbrand heile nichts besser als eine sanft auf der Haut zerschmelzende Qualle.

Rebecca ist ein bisschen erschrocken, und am nächsten Tag will sie nicht mehr mit Daniel baden gehen. Stattdessen fahren die beiden im Linienbus über die Dörfer, von Drigge nach Garz und weiter bis Gustow. Immer die Boddenstraße entlang, immer schläfrig und schwitzend. Die Endstation wird wohl da sein, wo der Bus wendet, da müssen sie aussteigen.

Sie sehen einen Kahn in den Brennnesseln, einen leuchtenden Käfer im Getreide, eine Möwe mit einem Angelhaken im Schlund. Es ist der heißeste Sommer seit Jahren, und die alten Leute in diesen Dörfern sprechen vom Herzinfarkt wie von einer ansteckenden Krankheit.

Die amtliche Uhr auf dem Dorfplatz geht falsch, und die Uhr an Daniels Handgelenk richtet sich nach der auf dem Dorfplatz. Daniel hat in solchen Dörfern schon Uhren gesehen, die hat man gar nicht mehr repariert, sondern mit rotem Klebeband einfach nur durchgestrichen. Zuerst werden die Uhren für ungültig erklärt, erklärt Daniel, dann die paar Straßennamen, dann die Namen auf den Klingelschildern der Häuser. Die Leute hier leben fast nur vom Vermieten, und wenn sie zwischen April und September nicht siebzig Prozent Auslastung haben, reicht es nicht für den Winter. Mit der Fischerei wird's immer schwieriger, Flunder und Aal wandern ab, und auch der Hering ist kaum noch zu finden. Stell dir mal vor, sagt Daniel, unsere Fischer suchen mit Peilgeräten, aber dann verfängt sich der Ultraschall in einem Teppich aus Quallen und sie finden den Heringsschwarm nicht.

Schönen Dank auch, sagt Rebecca, ich stelle mir gar nichts vor. Keinen Hering und auch sonst keinen Fischkopp, nicht siebzig Prozent und nicht neunundneunzig. Holt euch doch paar Prozent von den Quallen, dann schafft ihr's bestimmt über den Winter.

Schließlich, die Ferien gehen zu Ende, fährt Rebecca in den Süden zurück. Im Januar wird Daniel Rebecca besuchen.

Aber vorher ist erstmal Herbst; und der Herbst bringt Daniel zwei Vieren in Mathematik, einen Nagel im Fahrradreifen, eine Prügelei auf dem Schulhof. Manchmal telefoniert er mit Rebecca, und eines Abends kündigt sie ihm einen längeren Brief an. Daniel ist, was die Liebe betrifft, noch ziemlich am Anfang, aber soviel weiß er dann doch: Ein Brief, der per Telefon extra angekündigt wird und außerdem ziemlich lang sein soll – so ein Brief bedeutet nichts Gutes.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchDer Mann im Korb

Von John von Düffel

Strandkörbe

Und insofern sei er gottfroh, dass es jemanden gebe, der ihm den Rücken eincreme, beugte er sich, Ellbogen auf die Knie gestützt, vor aus seinem Strandkorb, es werde ja, erklärte er weiter, mit zunehmendem Alter immer schwieriger, jemanden zu finden, der einem den Rücken eincreme, liebevoll und nicht als Dienstleistung, Dienstleistungen gebe es überall zu kaufen, aber da bekomme man den Ekel und die heimliche Verachtung gleich mit, während ein Rücken-Eincremen, das von Herzen kommt, mit Geld nicht aufzuwiegen sei, insbesondere bei seinem Rücken, auf dem sich – dem Vernehmen nach – die unglaublichsten Dinge abspielten, womit er nicht nur die flächendeckende Verbreitung von schamähnlichem Kraushaar meine, sondern auch die schier unerschöpfliche Vielfalt von Pickeln, Malen und Grützbeuteln, von denen er nur mittelbar Kenntnis habe anhand der teils festen, teils flüssigen Überreste, die seine Frau ihm nach zuweilen halbstündigen Operationen auf ihren Fingerspitzen präsentiere. Ja, auf seinem Rücken herrsche das Gesetz des Dschungels, weshalb er froh und dankbar sei, sein Leben mit jemanden und insbesondere mit ihr zu teilen, oder anders gesagt, sagte er, wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch allein sei, dann hätte er ihm keine Rückseite gemacht.

Womit er nicht gesagt haben wolle, dass sich die Reize seiner Frau für ihn in ihrer Nützlichkeit erschöpften, sagte er, während sein Blick zwei Bikini-Schönheiten folgte, die aufreizend lässig den Strand entlang latschten, vielmehr ersetze sie ihm gleichermaßen die Geliebte, denn unterm Strich hätten sich all diese wechselnden und wechselhaften Nebenfrauen als überaus kostspielige Extrawürste entpuppt. Sie hingegen sei ihm nach all den Jahren – nicht trotz, sondern gerade wegen der langen, gemeinsam verlebten Zeit – auch im fleischlichen Sinne ans Herz gewachsen. Ja, es sei keineswegs nur Sparsamkeit, die aus ihm spreche, wenn er sage, dass er dem Reiz des Neuen, dem heutzutage allenthalben nachgejagt werde, eigentlich noch nie etwas abgewinnen konnte. Er habe für sich mehr und mehr den Reiz des Vertrauten entdeckt.

Und damit meine er mitnichten die ausgesprochen schönen Tage und nostalgischen Momente, mit denen jedes Pärchen das Fotoalbum seiner Vorgeschichte schmücke, sondern ihre bloße Dauer. Alles andere sei austauschbar: der Schnappschuss auf der Rialto-Brücke, der Überraschungscocktail in der Karibik, der Mondscheinspaziergang am Strand von – war es nun Acapulco, die Copa Cabana oder Spiekeroog? Wirklich unauslöschlich seien hingegen die vielen vergessenen Zwischenzeiten, all jene Nächte, in denen sie beide wie bewusstlos nebeneinander gelegen hätten, jeder in seinem eigenen Traum und nur durch die Kriechströme der Körperwärme miteinander verbunden.

Er habe von dem Reiz des Vertrauten gesprochen, wanderte sein Blick weiter aufs Wasser, und das sage er mit besonderer Betonung auf „Vertrauten“ und auf „Reiz“, auch wenn es sich dabei nicht um das übliche Prickeln, Kribbeln oder anderweitige Durchblutungsstörungen handle, von denen sich frisch Verliebte so bereitwillig überwältigen ließen. Als größtes Glück betrachte er vielmehr allmähliche Gesetztheit seiner Leidenschaft. In dieser Hinsicht wolle er sein Seelenleben ausnahmsweise mit dem Meer vergleichen. An der Oberfläche schwappe das Wasser stürmisch hin und her, türme sich zu immer neuen Wellen auf, breche und stürze über sich selbst, während es in der Tiefe nahezu ruhig und unbewegt daliege bis auf das kaum hörbare Klickern der Kiesel am Meeresgrund. Genauso sei es. Seine Gefühle für sie, mehr wolle er gar nicht sagen, hätten mit den Jahren nichts von ihrer Urgewalt eingebüßt, sie seien nur ganz langsam auf den Grund gesunken. Und so sei es ihm nach all den Jahren vergönnt, sie zu lieben, ohne seinen Strandkorb zu verlassen.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchDie große weite Welt

Von Alexander Wasner

In Neuseeland ist alles anders und trotzdem so ähnlich wie in Deutschland. Es gibt Butterblumen, Gänseblümchen, Tannen- und Nebelwälder, Wattenmeer und daneben Zitronenhaine, direkt dahinter Gletscher und Weinberge neben Kiwiplantagen. Neuseeland ist die dünnbesiedelte Möglichkeitsform Europas. Es ist Dezember, es gibt reife Kirschen und ich bin da. Wo ist die große weite Welt eigentlich jetzt hin, wo ich angekommen bin? Wahrscheinlich existiert sie nur auf dem Globus oder sie ist mal kurz für kleine Welten …

Es ist sechs Uhr am Nikolausmorgen, und es ist hell und warm. Ich schleiche mich aus meinem Appartement im Souterrain eines kleinen Häuschens und gehe runter zum Pazifik, der Ozean und ich sind Freunde geworden. Die Ebbe hat einen kilometerbreiten Streifen Wattenmeer zurückgelassen. Miesmuscheln dösen in der Morgensonne und werfen Schlagschatten. Treibgut bleicht langsam aus, eine Möwe flaniert zwischen den Prielen und guckt mich an, als formuliere sie in Gedanken eine Anzeige wegen Landfriedensbruchs. Ein Fels am Rand ist zum Torbogen durchbrochen, dahinter lädt der Durchblick zur Robinsonade ein. Die Siedlung hinter mir vergesse ich, die vor mir liegende Hälfte der Welt wirkt, als hätte sie noch nie etwas mit Menschen zu tun gehabt. Ich als erster und einziger Bewohner der Erde pflücke Zitronen und sammele Muschelbruchstücke, groß wie Handteller, Tang, stabil wie Leder, ausgebleichte Knochen von Tieren, die sehr groß gewesen sein müssen. Dann setze ich mich auf einen riesigen Findling, pflücke eine Miesmuschel, zerschlage sie, quetsche eine Zitrone darüber aus auf und esse sie roh. Ich fühle mich wie an der Nordsee, nur mit Zitrone.

Zwei Tage später, Südinsel, Nordküste, will ich Fisch kaufen in den Marlborough Sounds, die als fischreich gelten. Ich will ihn auch selbst zubereiten, das schmierige Motel, in dem meine Frau und ich wohnen, hat eine ebenso schmierige Küche mit Prilblumen auf marmorierten Kacheln und verbogenen Gabeln und stumpfen Messern im mit Geschenkpapier ausgelegten Besteckkasten. Es gibt auch Salz. Butter habe ich gekauft und ein paar Kartoffeln. Und frische Apfelsinen und fleckige Tomaten.

Eine Garage wird mir als einziger Ort genannt, wo man frischen Fisch kaufen kann. Zwei entsetzlich dicke Verkäuferinnen in fleckigen Kittelschürzen stehen in der Garage hinter einer wackligen Sperrholztheke unter einer summenden Neonröhre. Als Zugabe flappt ein Deckenventilator und eine Fliegenfalle leuchtet gelangweilt blau. Auf der Theke verkratzte Plastikbonbonnieren mit Kaugummis und Abziehbildern. Hinter der Theke ein Behälter mit Backfischteig, der an der Plastikwand herunterläuft und Nasen zieht. Ein zahnloser Alter bramarbasiert vom Thunfisch, den jetzt die Taiwanesen illegal vor der Küste abgreifen, obwohl die Tiere noch so klein sind. An der Wand hängt eine fettverspritzte Weltkarte und daneben ein öliges Plakat mit den Fischarten vor der neuseeländischen Küste.

Man kann hier nur Backfisch kaufen, erklärt mir eine Kittelschürzenträgerin und ich ahne wieder, was das ausgestorbene Wort vulgär einmal bezeichnete. Ich verlange frischen Fisch, man verkauft mir die Backfischvorstufe – Filets von etwas namens Blue Cod, also Blaubarsch und man zeigt ihn mir rechts unten auf der Fischarten-Karte, auf der sich von Delphin über Barrakuda, Hai, Lachs und Rochen bis Thunfisch alles findet. Ich sehe die Karte erstmal als exotisches Sammelstück, bis mir schlagartig klar wird: Irgendwo muss es all diese Fische ja wirklich geben. Am speckigsten und entlegensten Ort der Welt spüre ich mit einem Mal Pathos. Die Zubereitung des Blaubarschs ist dann einfach: Fisch in heiße salzige Butter legen und warten. Wahrscheinlich habe ich von der verkratzten Teflonpfanne Krebs bekommen.


Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchSommer 2010 in HD

Von Kai Karsten

Cassandra im Urlaub

Verwackelt! Das Meer vor der Hawaii Insel Ohau, hochauflösend aufgenommen, trotzdem verwackelt! Enttäuscht blickte Cassandra Bell auf ihr neues Telefon, mit dem sie eigentlich noch ganz viele Urlaubsvideos drehen wollte. Vielleicht sollten selbst Frauen, diese multitaskingfähige Wesen, mit einem Telefon einfach nur telefonieren? Nein! Im Sommer 2010 ist das nicht mehr zeitgemäß und außerdem hat Cassandra doch selbst diese tolle Videofunktion fürs Telefon programmiert. Da hatte sie allerdings noch an normale Urlauber gedacht und nicht an sich selbst – eine hochqualifizierte völlig überarbeitete Produktdesignerin, die zum ersten mal seit zwei Jahren Urlaub macht. Beim Anblick des echten Ozeans hatte sie schlicht erstmal einen Systemabsturz.

Aber kaum, dass sie sich davon erholt hatte, war der Urlaub ohnehin schon wieder vorbei. Urlaubskasse geplündert? Hatte ein Engländer sein Handtuch auf ihren Liegestuhl geschmissen? Schlimmer. Sie musste zurück – ohne sie lief es in der Firma nicht. Es gab Probleme...

Die Firma – bekannt für einen Apfel als Firmenlogo – verkauft gerade zum vermutlich ersten Mal in der Firmengeschichte keinen perfekten runden Apfel, sondern: eine Zitrone. Ja, eine saure runzelige Zitrone! Mit der es zwar unter anderem möglich ist ein Video zu drehen, Kalender zu verwalten, Patiencen zu legen und vielleicht sogar einen Apfelkuchen zu backen! Das mit der Zitrone ist selbstverständlich nur ein Bild. Beim Produkt handelt es sich um ein von der Weltpresse höchstumjubeltes so genanntes Smart-Phone – das mit dem kleinen „i“.

„Mit dem neuen Telefon ist alles möglich!“, hieß es vor Cassandras Urlaub, jetzt hockt sie im Büro, hat sich traurig die nicht benutzte Taucherbrille aufgesetzt und liest dutzende Artikel. Alle mit der gleichen Schlagzeile – erweitert um zwei verhängnisvolle Worte: „Mit dem neuen Telefon ist alles möglich – außer telefonieren!“ Schlechter Empfang, aber nur dann, wenn es so gehalten wird, dass man mit dem Handballen die linke Ecke berührt. Aber wer macht das schon? Z.B. kreative Linkshänder die zu den größten Fans des Herstellers gehören – bislang. Cassandra hatte übrigens schon früher auf den Fehler hingewiesen, aber in der Firma meinten damals alle nur sie soll mal nicht auf unheilherbeirufende griechische Gottheit machen.

Ihr Telefon klingelt. Durch die Taucherbrille über Cassandras Nase klingt es etwas undeutlich als sie meint: „Hallo, hier spricht Cassandra Bell.“ Steve ist am Apparat. Der Steve! Ihr weltberühmter Chef . Steve bittet sie den Finger von der linken unteren Ecke des Telefons zu nehmen. „ Verschlechtert den Empfang!“ brüllte er laut und klar in Cassandras Ohr. Hastig schiebt sie ihre Taucherbrille nach oben und fragt: „Besser ?“ . „Einwandfrei!“ ruft Steve erstaunt und möchte wissen, wie Cassandra das Telefon dazu bringen könnte, dass es immer einwandfrei telefoniert.

Cassandra kann gut unter Druck arbeiten. Und der Druck, den sie jetzt verspürt ist noch weit grösser als der Druck des Gummizuges der Taucherbrille, die genau zwischen Telefon und ihrem Ohr liegt. Der Empfang ist erstaunlich klar, als Steve – ganz im Stile eines großen Unternehmers – versucht die Lage besonnen zu analysieren: „ Wir sind am Arsch und zwar Big time.“ Cassandra ignoriert die überdeutliche Wortwahl und denkt weiter nach, warum es jetzt nicht, wie gewohnt, Empfangsstörungen gibt.

Steve predigt was von seinen Kunden, oder wie er sie nennt geliebte User. Das seine geliebten User ihre Liebe bald wegwerfen wie einen blind gewordenen Augapfel, wenn das so weiter geht. Da ruft Cassandra plötzlich: “ Steve, das Telefon braucht eine Gummihülle, dann sind die Störungen weg!“

Kurz drauf wird tonnenweise Gummi bei einem Taucherbrillenhersteller geordert und der stolze Steve präsentiert auf einer Pressekonferenz die Hülle für das Telefon, das jetzt außer filmen und Atome spalten, auch tatsächlich telefonieren kann. Cassandra ist nicht dabei. Steve meint, es komme bei ihr irgendwie nicht so gut rüber, wenn sie positive Nachrichten verkaufe. Cassandra Bell sieht sich die Pressekonferenz auf ihrem Telefon an. Steve beantwortet gerade die ersten Fragen der Journalisten. Statt über Technik zu sprechen, interessiert die Reporter nur. „Steve wie geht´s gesundheitlich?“ Der hagere Mann in Jeans und schwarzem Rollkragenpullover antwortet. „Danke ich bin gesund wäre jetzt aber lieber auf Hawaii.“

Cassandra Bell schaut sich müde in ihrem Büro um, schaltet das Handy aus, setzt ihr Taucherbrille auf – und träumt von ihrem nächsten Sommerurlaub, vielleicht schon in zwei Jahren.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchVolkswirtschaftlicher Verlust durch Urlaubsstau

Von Hans Gerzlich

Autobahnbaustelle

Man merkt es an den verwaisten Schulhöfen, an ollen Kamellen im Fernsehen und den exorbitanten Spritpreisen: Die Ferien haben begonnen. Urlaub, die schönste Zeit des Jahres! Endlich mal dem Stress im Büro, in der Fabrik oder in der Schlange vorm Arbeitsamt entfliehen. Einfach mal raus… Sommer, Meer, Strand… Kultur erleben… Kirchen angucken – zumindest von außen, wenn die einen in Badelatschen und Fußballtrikot da nicht reinlassen. Als deutscher Tourist im Ausland steht man ständig vor der Frage: Muss ich mich anständig benehmen… oder waren schon Deutsche da?Also: Koffer gepackt, Schnittkes geschmiert, Kinder auf den Rücksitz und ab… in… den… Stau.

Es ist so sicher wie das Amen in der Küche: Alljährlich zum Ferienanfang die gleiche Prozession auf Deutschlands Autobahnen: Stur in den Stau. Und pünktlich zum Ferienbeginn erwacht auch der Straßenbauarbeiter aus seinem schlechtwettergeldfinanzierten Winterschlaf und kündigt mit einem Spalier aus schwarz-weiß-roten Warntafeln die bevorstehenden Grausamkeiten schon hämisch an: Baustelle, verengte Fahrbahn, Überholverbot. Nichts geht mehr.

Der ADAC schätzt, dass Jahr für Jahr durch die entgangene Wertschöpfung der zur Untätigkeit verdammten Stausteher, den Mehrverbrauch von Kraftstoffen, die höhere Umweltbelastung und Folgekrankheiten durch Stress, wenn der Stau auf der A8 zwischen München und Salzburg sich im nachhinein als ein Mosaiksteinchen auf dem Weg zum nächsten Nervenzusammenbruch erwiesen hat… dass durch Staus Summa summarum ein volkswirtschaftlicher Schaden entsteht in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. 100 Milliarden Euro. Das entspricht knapp einem Drittel des gesamten Bundeshaushaltes. Oder, für Nostalgiker, die wie ich auch immer noch umrechnen: Knapp 200 Milliarden D-Mark.

Was könnte man nicht alles Produktives leisten in der verlorenen Zeit? Klingeltöne runterladen. "Barbara Salesch" gucken. Oder alles, was man sich sowieso seit Jahrzehnten schon immer mal vorgenommen hatte; wie Keller aufräumen, Küchenschränke auswaschen oder seine Ehe retten.

Aber: Wir stehen nicht im Stau – wir sind der Stau! Warum machen wir nicht gleich einen Event daraus? Oder auf Deutsch gesagt: Ein Happening - die Glotzer auf den Autobahnbrücken machen es doch schon lange vor. Die haben Spaß! Also: Bier- und Würstchenbuden entlang der A1, Kettenkarussells, Wellnessfarmen – für jeden etwas. Und dann heißt es zwei Wochen später im Büro: "Und wie war der Urlaub?" Super! "Und wo ward ihr?" Am Kamener Kreuz!

Einen Trost gibt es jedoch: Die Deutschen sterben aus – völlig ok, wenn es als erstes die Verkehrsplaner trifft, die immer zu Ferienbeginn die Baustellen anberaumen! Durch den demographischen Wandel werden im Jahre 2050 nur noch 60 Millionen Deutschland bevölkern. Endlich freie Fahrt in den Urlaub!

Bis dahin sehen wir aber wahrscheinlich auf dem Weg in den Urlaub weiterhin eine Autobahnbaustelle nach der nächsten – aber ohne Bauarbeiter. Wo sind die? Wahrscheinlich im Urlaub. Ich vermute, per Flugzeug. Die wissen ja Bescheid!

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchMonsieur Partout und das leere Paris

Von Alfred Marquart

Abkühlung im Brunnen vor dem Eiffelturm

Nein, Paris ist auch im Hochsommer nicht leer. Es gibt nur kaum Pariser dort! Im Juli und im August leeren sich die französischen Städte, man eilt durch kilometerlange Staus ans Meer. Zurück bleiben die Touristen, leicht als solche erkennbar, vor allem die deutschen, die mehr oder minder fluchend durch die schwül-heiße Stadt stolpern und schimpfen, dass wenn schon nicht alles, aber doch vieles geschlossen ist.

Da habe ich Monsieur Partout kennen gelernt. Ein älterer Herr, der sich aufrecht hielt wie alle ehemaligen Militärs, sofort als Franzose erkennbar - jawohl, das geht, auch wenn sie keinen Schnurbart haben, keine Baskenmütze auf dem Kopf und keine Baguette unter dem Arm tragen. Und jeden Morgen saß er im Jardin des Tuilleries und las seine Zeitung. So kamen wir ins Gespräch, einfach, weil wir uns vom Sehen kannten.

Er wohne in der Rue du Mont-Tabor, ein paar Schritte von hier, erzählte er mir, fragte mich aus, was ich hier mache, und fand mich vertrauenswürdig, weil ich kein Tourist war. Weshalb er die Stadt nicht verlasse, bei der Schwüle, den vielen Fremden jetzt, wie es seine Landsleute haufenweise täten? Nach dem Krieg sei er noch nie von hier weg gewesen. Und hier, das hieß nicht Paris, sondern sein Quartier. Vincennes oder auch die Butte Montmartre, Montparnasse, ja schon die Seine-Insel mit Notre-Dame, das sei für ihn genauso weit weg wie die Picardie im Norden oder die Dordogne im Süden. Vom Ausland ganz zu schweigen. Dass ich die, geschätzten, zweieinhalb Kilometer von der Île-Saint-Louis fast jeden Tag hierher käme, sei ihm ein Rätsel. So weit ...

Monsieur Partout war nicht faul, im Gegenteil. Obwohl um einiges älter als ich, war er wesentlich besser zu Fuß. Anderswo zu sein, nein, das brauche er nicht. Er wies auf den Springbrunnen und den kleinen Teich, auf die Bäume, auf den Arc-de-Triomphe, der ziemlich weit weg ist, auf den Arche de la Defense, der aus dem Dunst zu sehen war. Auf die Rue de Rivoli – das reiche ihm, sei ihm Stadt und Heimat genug.

Nun ist das Quartier, das Viertel, für Pariser viel wichtiger, als man denkt. Sie empfinden sich, vor allem die älteren, eigentlich nicht als Bewohner der großen Stadt, sondern als solche ihres engeren Umkreises. Schließlich, meinte er, egal wo er sei, er selbst sei ja immer dabei – will sagen: Seine Sorgen, seine Probleme, seine Launen, all das trage er mit sich. Deshalb müsse er nicht ans Mittelmeer oder in die Bretagne. Und das hier – große weltumspannende Geste mit beiden Armen wie seinerzeit General de Gaulle rundum – sei das nicht ausreichend? Der schönste Park in der schönsten Stadt der Welt? Stundenlang könne er hier sitzen, lesen, in die Sonne schauen, Kinder betrachten, wie sie ihre Schiffchen im Brunnen schwimmen lassen, Paare beim Streiten oder Küssen beobachten – dann ginge er in ein kleines bürgerliches Restaurant mit einer Küche aus dem Limousin (da stammte seine Familie her) um die Ecke bei seiner Wohnung – das seien seine Ferien. Die Frau sei bei ihrer Schwester in Arcachon, das sei Urlaub genug. Nach ihrer Rückkehr seien auch seine Ferien vorbei, und dann ginge in seinem Rentnerdasein alles seinen gewohnten Gang.

Möglicherweise verbrachte Monsieur Partout so wunderbare Ferien. Auch wenn er die Picardie nie kennen gelernt hat.

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchSommerwiese

Von Thomas Gsella

Insekt: Anopheles Mücke

Wenn ihn Tiere tätlich beißen,
soll der Mensch sich wortreich rächen –

wenn auf lieblich wüstenheißen
grillgeschmückten Außenflächen
Schnaken, Zecken, Wespen, Mücken
zwicken, zwacken, saugen, summen,
Zähne fletschen, Säbel zücken
und die pflaumendicken dummen
Hummeln brummeln, Spinnen rennen,
Kneifer krabbeln, Läuse pissen,
spucken, reizen, ätzen, brennen,
und dann kommen die Hornissen,
weil sie uns im feuchten Glanze
unsres Schweißes gern besuchen,
sie versenken ihre Lanze,
aber niemand hört uns fluchen,
denn von oben dröhnt das Fiepsen
all der Meisen, Amseln, Spatzen,
all dies gottverdammte Piepsen
über sonnverbrannten Glatzen –

soll der Mensch zwar regredieren,
aber groß sei seine Wut:
"Hitze Mist! Haut ab, ihr Tieren!
Sommer kacke! Winter gut!"

Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr



SWR2 StrandbuchVerschärfte Maßnahmen

Von Annette Pehnt

Sonnenbrille mit Sonnenschirmen

Sommer passiert einfach. Ich versuche es zu verhindern, jedes Jahr aufs Neue. Ich verliere schon im Februar meine Sonnenbrille. Im März dann, wenn die Sonne sich frühlingshaft erwärmt, beginne ich mit der Verdunklung der Wohn- und Schlafräume. Nach Ostern wird der Angriff massiv.

Sprösslinge schieben sich aufreizend aus der Erde und werden von aller Welt mit Freudenschreien begrüßt. Unter knappen Röcken blitzen frischrasierte Beine, weiß wie junger Mozzarella. Babies werden schubweise geboren und von ihren versonnen lächelnden Müttern brüllend durch die laue Luft geschoben. Überhaupt liegt ein unglaublicher Lärm über der Stadt, Insekten vibrieren, schmatzende Küsse der frisch Verliebten. Ich weiß schon, warum ich in meiner Wohnung alle Öffnungen verschließe. Bis etwa Mitte Juni halte ich dem Angriff stand. Aber wenn die Temperaturen überkochen und die Sonnenschirme wie gigantisches Unkraut aus den Gärten ragen, strecke ich die Waffen.

Ich ziehe mich auf das Sofa zurück, dessen Kunststoffbezug in meine Oberschenkel hineinschmilzt, und wische mir den Schweißfilm vom Gesicht. In früheren Jahren habe ich mit Adventsschmuck und Gewürztee versucht, ein Gegenprogramm zu organisieren, stieß aber auf wenig Gegenliebe.

Melissa, die ich eingeladen hatte, um ihr Butterplätzchen und meine Lieblings-DVD, eine Aufzeichnung der letzten Winterolympiade, zu kredenzen, blieb schon in der Tür stehen und blinzelte verdutzt.

Warum ist es denn hier stockdunkel?

Ich habe dir doch gesagt, dass ich gegen den Strom schwimme, sagte ich.

Wieso schwimmen, sagte Melissa, schwimmen kannst du im Baggersee, komm, hol deine Badesachen.

Du verstehst nicht, sagte ich, Baggerseen, ekelhaft, was sich da so tut, alles nackt, alles feucht, Menschen paddeln durch Schlingpflanzen und liegen im Kies übereinander, das ist Sommer, verstehst du, das bekämpfe ich.

Melissa schaute mich fassungslos an, als hätte ich etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Ich trat zur Seite, wedelte einladend mit den Armen. Ich weiß, dass meine Wohnung kühl ist und dass es einladend duftet, nicht diese überkandidelten Sommerdüfte, sondern ein behaglicher Geruch nach Kindheit und Frieden, der die Menschen näher zusammenrücken lässt. Und genau das hatte ich mir auch mit Melissa vorgestellt, die mit ihren Sommersprossen und ihren Löckchen im Nacken auf bezaubernde Weise verwirrt aussah.

Komm, bei mir kannst du dich aufwärmen, murmelte ich und fasste sie an der Schulter. Sie zuckte zurück und schob sich die Sonnenbrille vor die Augen. Weil es im Flur sehr dämmrig ist, musste ich vermuten, dass sie nun kaum noch etwas sah. Und wirklich streckte sie tastend den Arm nach vorne: Mensch, mach doch mal Licht hier, mach mal die Fenster auf, lass den Sommer rein, du lebst ja wie ein Maulwurf. Ich nickte nicht ohne Stolz, schob mich einen Schritt näher an Melissa heran und roch ihren Duft, der, um ehrlich zu sein, vermutlich ‚Sommerzauber‘ hieß oder ‚Blütenpracht‘, ein süßlicher Geruch jedenfalls, vermischt mit einer scharfen Schweißnote.

Im Winter kannst du Pullover tragen, da riecht man nichts, sagte ich, und weil ich so nahe bei ihr stand, musste es ihr so vorkommen, als raunte ich ihr ins Ohr, und mit einem kleinen spitzen Aufschrei sprang sie zur Seite und vermutlich für die Dauer des Sommers auf und davon.


Letzte Änderung am: 16.07.2010, 16.34 Uhr