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Von Jörg Schieke

Es ist eine alte Geschichte, beinahe ein Klassiker, und sie handelt von jungen Leuten mit generationstypischen Vornamen, die sich nach ein paar Sekunden Bedenkzeit ineinander verlieben. Sie haben sich auf dem Zeltplatz kennengelernt und sie flüstern einer die Augenfarbe des andern. Blaue Augen schauen in braune – und staunen. Rebecca mag diesen Daniel, der dort zuhause ist, wo sie im Sommer mit ihrer Clique Camping macht. Ein Nordlicht, das sie erst in ein Gespräch und später in einen Kuss verwickelt. Am vierten Abend laufen sie Hand in Hand durch die Dünen, und dauernd kommen ihnen Kinder mit Eimern entgegen, laufen vom Dorf runter zum Bodden und wieder ins Dorf zurück.
Daniel erklärt, dass diese Kinder im flachen Wasser Quallen einsammeln und zwar so behutsam wie möglich, denn diese Tiere bestehen ja zu neunundneunzig Prozent aus Wasser. Der Rest aber, das eine Prozent, das sei das Herz und das Hirn und die pure Verletzlichkeit.
Voll eklig sind diese Dinger, sagt Rebecca, wozu braucht ihr denn dieses Glibberzeug, diese Quallen?
Daniel, als Einheimischer, weiß bestens Bescheid. Naturdünger, sagt er, denn Quallen sind das gesündeste, was einem Erdbeerbeet oder einem Stück Wiese passieren kann. Und was gut ist für die Erde, ist auch gut für die Touris; zum Beispiel den Sonnenbrand heile nichts besser als eine sanft auf der Haut zerschmelzende Qualle.
Rebecca ist ein bisschen erschrocken, und am nächsten Tag will sie nicht mehr mit Daniel baden gehen. Stattdessen fahren die beiden im Linienbus über die Dörfer, von Drigge nach Garz und weiter bis Gustow. Immer die Boddenstraße entlang, immer schläfrig und schwitzend. Die Endstation wird wohl da sein, wo der Bus wendet, da müssen sie aussteigen.
Sie sehen einen Kahn in den Brennnesseln, einen leuchtenden Käfer im Getreide, eine Möwe mit einem Angelhaken im Schlund. Es ist der heißeste Sommer seit Jahren, und die alten Leute in diesen Dörfern sprechen vom Herzinfarkt wie von einer ansteckenden Krankheit.
Die amtliche Uhr auf dem Dorfplatz geht falsch, und die Uhr an Daniels Handgelenk richtet sich nach der auf dem Dorfplatz. Daniel hat in solchen Dörfern schon Uhren gesehen, die hat man gar nicht mehr repariert, sondern mit rotem Klebeband einfach nur durchgestrichen. Zuerst werden die Uhren für ungültig erklärt, erklärt Daniel, dann die paar Straßennamen, dann die Namen auf den Klingelschildern der Häuser. Die Leute hier leben fast nur vom Vermieten, und wenn sie zwischen April und September nicht siebzig Prozent Auslastung haben, reicht es nicht für den Winter. Mit der Fischerei wird's immer schwieriger, Flunder und Aal wandern ab, und auch der Hering ist kaum noch zu finden. Stell dir mal vor, sagt Daniel, unsere Fischer suchen mit Peilgeräten, aber dann verfängt sich der Ultraschall in einem Teppich aus Quallen und sie finden den Heringsschwarm nicht.
Schönen Dank auch, sagt Rebecca, ich stelle mir gar nichts vor. Keinen Hering und auch sonst keinen Fischkopp, nicht siebzig Prozent und nicht neunundneunzig. Holt euch doch paar Prozent von den Quallen, dann schafft ihr's bestimmt über den Winter.
Schließlich, die Ferien gehen zu Ende, fährt Rebecca in den Süden zurück. Im Januar wird Daniel Rebecca besuchen.
Aber vorher ist erstmal Herbst; und der Herbst bringt Daniel zwei Vieren in Mathematik, einen Nagel im Fahrradreifen, eine Prügelei auf dem Schulhof. Manchmal telefoniert er mit Rebecca, und eines Abends kündigt sie ihm einen längeren Brief an. Daniel ist, was die Liebe betrifft, noch ziemlich am Anfang, aber soviel weiß er dann doch: Ein Brief, der per Telefon extra angekündigt wird und außerdem ziemlich lang sein soll – so ein Brief bedeutet nichts Gutes.