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SWR2 StrandbuchDer Mann im Korb

Von John von Düffel

Strandkörbe

Und insofern sei er gottfroh, dass es jemanden gebe, der ihm den Rücken eincreme, beugte er sich, Ellbogen auf die Knie gestützt, vor aus seinem Strandkorb, es werde ja, erklärte er weiter, mit zunehmendem Alter immer schwieriger, jemanden zu finden, der einem den Rücken eincreme, liebevoll und nicht als Dienstleistung, Dienstleistungen gebe es überall zu kaufen, aber da bekomme man den Ekel und die heimliche Verachtung gleich mit, während ein Rücken-Eincremen, das von Herzen kommt, mit Geld nicht aufzuwiegen sei, insbesondere bei seinem Rücken, auf dem sich – dem Vernehmen nach – die unglaublichsten Dinge abspielten, womit er nicht nur die flächendeckende Verbreitung von schamähnlichem Kraushaar meine, sondern auch die schier unerschöpfliche Vielfalt von Pickeln, Malen und Grützbeuteln, von denen er nur mittelbar Kenntnis habe anhand der teils festen, teils flüssigen Überreste, die seine Frau ihm nach zuweilen halbstündigen Operationen auf ihren Fingerspitzen präsentiere. Ja, auf seinem Rücken herrsche das Gesetz des Dschungels, weshalb er froh und dankbar sei, sein Leben mit jemanden und insbesondere mit ihr zu teilen, oder anders gesagt, sagte er, wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch allein sei, dann hätte er ihm keine Rückseite gemacht.

Womit er nicht gesagt haben wolle, dass sich die Reize seiner Frau für ihn in ihrer Nützlichkeit erschöpften, sagte er, während sein Blick zwei Bikini-Schönheiten folgte, die aufreizend lässig den Strand entlang latschten, vielmehr ersetze sie ihm gleichermaßen die Geliebte, denn unterm Strich hätten sich all diese wechselnden und wechselhaften Nebenfrauen als überaus kostspielige Extrawürste entpuppt. Sie hingegen sei ihm nach all den Jahren – nicht trotz, sondern gerade wegen der langen, gemeinsam verlebten Zeit – auch im fleischlichen Sinne ans Herz gewachsen. Ja, es sei keineswegs nur Sparsamkeit, die aus ihm spreche, wenn er sage, dass er dem Reiz des Neuen, dem heutzutage allenthalben nachgejagt werde, eigentlich noch nie etwas abgewinnen konnte. Er habe für sich mehr und mehr den Reiz des Vertrauten entdeckt.

Und damit meine er mitnichten die ausgesprochen schönen Tage und nostalgischen Momente, mit denen jedes Pärchen das Fotoalbum seiner Vorgeschichte schmücke, sondern ihre bloße Dauer. Alles andere sei austauschbar: der Schnappschuss auf der Rialto-Brücke, der Überraschungscocktail in der Karibik, der Mondscheinspaziergang am Strand von – war es nun Acapulco, die Copa Cabana oder Spiekeroog? Wirklich unauslöschlich seien hingegen die vielen vergessenen Zwischenzeiten, all jene Nächte, in denen sie beide wie bewusstlos nebeneinander gelegen hätten, jeder in seinem eigenen Traum und nur durch die Kriechströme der Körperwärme miteinander verbunden.

Er habe von dem Reiz des Vertrauten gesprochen, wanderte sein Blick weiter aufs Wasser, und das sage er mit besonderer Betonung auf „Vertrauten“ und auf „Reiz“, auch wenn es sich dabei nicht um das übliche Prickeln, Kribbeln oder anderweitige Durchblutungsstörungen handle, von denen sich frisch Verliebte so bereitwillig überwältigen ließen. Als größtes Glück betrachte er vielmehr allmähliche Gesetztheit seiner Leidenschaft. In dieser Hinsicht wolle er sein Seelenleben ausnahmsweise mit dem Meer vergleichen. An der Oberfläche schwappe das Wasser stürmisch hin und her, türme sich zu immer neuen Wellen auf, breche und stürze über sich selbst, während es in der Tiefe nahezu ruhig und unbewegt daliege bis auf das kaum hörbare Klickern der Kiesel am Meeresgrund. Genauso sei es. Seine Gefühle für sie, mehr wolle er gar nicht sagen, hätten mit den Jahren nichts von ihrer Urgewalt eingebüßt, sie seien nur ganz langsam auf den Grund gesunken. Und so sei es ihm nach all den Jahren vergönnt, sie zu lieben, ohne seinen Strandkorb zu verlassen.

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