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Von Kai Karsten

Verwackelt! Das Meer vor der Hawaii Insel Ohau, hochauflösend aufgenommen, trotzdem verwackelt! Enttäuscht blickte Cassandra Bell auf ihr neues Telefon, mit dem sie eigentlich noch ganz viele Urlaubsvideos drehen wollte. Vielleicht sollten selbst Frauen, diese multitaskingfähige Wesen, mit einem Telefon einfach nur telefonieren? Nein! Im Sommer 2010 ist das nicht mehr zeitgemäß und außerdem hat Cassandra doch selbst diese tolle Videofunktion fürs Telefon programmiert. Da hatte sie allerdings noch an normale Urlauber gedacht und nicht an sich selbst – eine hochqualifizierte völlig überarbeitete Produktdesignerin, die zum ersten mal seit zwei Jahren Urlaub macht. Beim Anblick des echten Ozeans hatte sie schlicht erstmal einen Systemabsturz.
Aber kaum, dass sie sich davon erholt hatte, war der Urlaub ohnehin schon wieder vorbei. Urlaubskasse geplündert? Hatte ein Engländer sein Handtuch auf ihren Liegestuhl geschmissen? Schlimmer. Sie musste zurück – ohne sie lief es in der Firma nicht. Es gab Probleme...
Die Firma – bekannt für einen Apfel als Firmenlogo – verkauft gerade zum vermutlich ersten Mal in der Firmengeschichte keinen perfekten runden Apfel, sondern: eine Zitrone. Ja, eine saure runzelige Zitrone! Mit der es zwar unter anderem möglich ist ein Video zu drehen, Kalender zu verwalten, Patiencen zu legen und vielleicht sogar einen Apfelkuchen zu backen! Das mit der Zitrone ist selbstverständlich nur ein Bild. Beim Produkt handelt es sich um ein von der Weltpresse höchstumjubeltes so genanntes Smart-Phone – das mit dem kleinen „i“.
„Mit dem neuen Telefon ist alles möglich!“, hieß es vor Cassandras Urlaub, jetzt hockt sie im Büro, hat sich traurig die nicht benutzte Taucherbrille aufgesetzt und liest dutzende Artikel. Alle mit der gleichen Schlagzeile – erweitert um zwei verhängnisvolle Worte: „Mit dem neuen Telefon ist alles möglich – außer telefonieren!“ Schlechter Empfang, aber nur dann, wenn es so gehalten wird, dass man mit dem Handballen die linke Ecke berührt. Aber wer macht das schon? Z.B. kreative Linkshänder die zu den größten Fans des Herstellers gehören – bislang. Cassandra hatte übrigens schon früher auf den Fehler hingewiesen, aber in der Firma meinten damals alle nur sie soll mal nicht auf unheilherbeirufende griechische Gottheit machen.
Ihr Telefon klingelt. Durch die Taucherbrille über Cassandras Nase klingt es etwas undeutlich als sie meint: „Hallo, hier spricht Cassandra Bell.“ Steve ist am Apparat. Der Steve! Ihr weltberühmter Chef . Steve bittet sie den Finger von der linken unteren Ecke des Telefons zu nehmen. „ Verschlechtert den Empfang!“ brüllte er laut und klar in Cassandras Ohr. Hastig schiebt sie ihre Taucherbrille nach oben und fragt: „Besser ?“ . „Einwandfrei!“ ruft Steve erstaunt und möchte wissen, wie Cassandra das Telefon dazu bringen könnte, dass es immer einwandfrei telefoniert.
Cassandra kann gut unter Druck arbeiten. Und der Druck, den sie jetzt verspürt ist noch weit grösser als der Druck des Gummizuges der Taucherbrille, die genau zwischen Telefon und ihrem Ohr liegt. Der Empfang ist erstaunlich klar, als Steve – ganz im Stile eines großen Unternehmers – versucht die Lage besonnen zu analysieren: „ Wir sind am Arsch und zwar Big time.“ Cassandra ignoriert die überdeutliche Wortwahl und denkt weiter nach, warum es jetzt nicht, wie gewohnt, Empfangsstörungen gibt.
Steve predigt was von seinen Kunden, oder wie er sie nennt geliebte User. Das seine geliebten User ihre Liebe bald wegwerfen wie einen blind gewordenen Augapfel, wenn das so weiter geht. Da ruft Cassandra plötzlich: “ Steve, das Telefon braucht eine Gummihülle, dann sind die Störungen weg!“
Kurz drauf wird tonnenweise Gummi bei einem Taucherbrillenhersteller geordert und der stolze Steve präsentiert auf einer Pressekonferenz die Hülle für das Telefon, das jetzt außer filmen und Atome spalten, auch tatsächlich telefonieren kann. Cassandra ist nicht dabei. Steve meint, es komme bei ihr irgendwie nicht so gut rüber, wenn sie positive Nachrichten verkaufe. Cassandra Bell sieht sich die Pressekonferenz auf ihrem Telefon an. Steve beantwortet gerade die ersten Fragen der Journalisten. Statt über Technik zu sprechen, interessiert die Reporter nur. „Steve wie geht´s gesundheitlich?“ Der hagere Mann in Jeans und schwarzem Rollkragenpullover antwortet. „Danke ich bin gesund wäre jetzt aber lieber auf Hawaii.“
Cassandra Bell schaut sich müde in ihrem Büro um, schaltet das Handy aus, setzt ihr Taucherbrille auf – und träumt von ihrem nächsten Sommerurlaub, vielleicht schon in zwei Jahren.
Letzte Änderung am: 22.07.2010, 13.10 Uhr