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SWR2 StrandbuchMonsieur Partout und das leere Paris

Von Alfred Marquart

Abkühlung im Brunnen vor dem Eiffelturm

Nein, Paris ist auch im Hochsommer nicht leer. Es gibt nur kaum Pariser dort! Im Juli und im August leeren sich die französischen Städte, man eilt durch kilometerlange Staus ans Meer. Zurück bleiben die Touristen, leicht als solche erkennbar, vor allem die deutschen, die mehr oder minder fluchend durch die schwül-heiße Stadt stolpern und schimpfen, dass wenn schon nicht alles, aber doch vieles geschlossen ist.

Da habe ich Monsieur Partout kennen gelernt. Ein älterer Herr, der sich aufrecht hielt wie alle ehemaligen Militärs, sofort als Franzose erkennbar - jawohl, das geht, auch wenn sie keinen Schnurbart haben, keine Baskenmütze auf dem Kopf und keine Baguette unter dem Arm tragen. Und jeden Morgen saß er im Jardin des Tuilleries und las seine Zeitung. So kamen wir ins Gespräch, einfach, weil wir uns vom Sehen kannten.

Er wohne in der Rue du Mont-Tabor, ein paar Schritte von hier, erzählte er mir, fragte mich aus, was ich hier mache, und fand mich vertrauenswürdig, weil ich kein Tourist war. Weshalb er die Stadt nicht verlasse, bei der Schwüle, den vielen Fremden jetzt, wie es seine Landsleute haufenweise täten? Nach dem Krieg sei er noch nie von hier weg gewesen. Und hier, das hieß nicht Paris, sondern sein Quartier. Vincennes oder auch die Butte Montmartre, Montparnasse, ja schon die Seine-Insel mit Notre-Dame, das sei für ihn genauso weit weg wie die Picardie im Norden oder die Dordogne im Süden. Vom Ausland ganz zu schweigen. Dass ich die, geschätzten, zweieinhalb Kilometer von der Île-Saint-Louis fast jeden Tag hierher käme, sei ihm ein Rätsel. So weit ...

Monsieur Partout war nicht faul, im Gegenteil. Obwohl um einiges älter als ich, war er wesentlich besser zu Fuß. Anderswo zu sein, nein, das brauche er nicht. Er wies auf den Springbrunnen und den kleinen Teich, auf die Bäume, auf den Arc-de-Triomphe, der ziemlich weit weg ist, auf den Arche de la Defense, der aus dem Dunst zu sehen war. Auf die Rue de Rivoli – das reiche ihm, sei ihm Stadt und Heimat genug.

Nun ist das Quartier, das Viertel, für Pariser viel wichtiger, als man denkt. Sie empfinden sich, vor allem die älteren, eigentlich nicht als Bewohner der großen Stadt, sondern als solche ihres engeren Umkreises. Schließlich, meinte er, egal wo er sei, er selbst sei ja immer dabei – will sagen: Seine Sorgen, seine Probleme, seine Launen, all das trage er mit sich. Deshalb müsse er nicht ans Mittelmeer oder in die Bretagne. Und das hier – große weltumspannende Geste mit beiden Armen wie seinerzeit General de Gaulle rundum – sei das nicht ausreichend? Der schönste Park in der schönsten Stadt der Welt? Stundenlang könne er hier sitzen, lesen, in die Sonne schauen, Kinder betrachten, wie sie ihre Schiffchen im Brunnen schwimmen lassen, Paare beim Streiten oder Küssen beobachten – dann ginge er in ein kleines bürgerliches Restaurant mit einer Küche aus dem Limousin (da stammte seine Familie her) um die Ecke bei seiner Wohnung – das seien seine Ferien. Die Frau sei bei ihrer Schwester in Arcachon, das sei Urlaub genug. Nach ihrer Rückkehr seien auch seine Ferien vorbei, und dann ginge in seinem Rentnerdasein alles seinen gewohnten Gang.

Möglicherweise verbrachte Monsieur Partout so wunderbare Ferien. Auch wenn er die Picardie nie kennen gelernt hat.

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