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Von Annette Pehnt

Sommer passiert einfach. Ich versuche es zu verhindern, jedes Jahr aufs Neue. Ich verliere schon im Februar meine Sonnenbrille. Im März dann, wenn die Sonne sich frühlingshaft erwärmt, beginne ich mit der Verdunklung der Wohn- und Schlafräume. Nach Ostern wird der Angriff massiv.
Sprösslinge schieben sich aufreizend aus der Erde und werden von aller Welt mit Freudenschreien begrüßt. Unter knappen Röcken blitzen frischrasierte Beine, weiß wie junger Mozzarella. Babies werden schubweise geboren und von ihren versonnen lächelnden Müttern brüllend durch die laue Luft geschoben. Überhaupt liegt ein unglaublicher Lärm über der Stadt, Insekten vibrieren, schmatzende Küsse der frisch Verliebten. Ich weiß schon, warum ich in meiner Wohnung alle Öffnungen verschließe. Bis etwa Mitte Juni halte ich dem Angriff stand. Aber wenn die Temperaturen überkochen und die Sonnenschirme wie gigantisches Unkraut aus den Gärten ragen, strecke ich die Waffen.
Ich ziehe mich auf das Sofa zurück, dessen Kunststoffbezug in meine Oberschenkel hineinschmilzt, und wische mir den Schweißfilm vom Gesicht. In früheren Jahren habe ich mit Adventsschmuck und Gewürztee versucht, ein Gegenprogramm zu organisieren, stieß aber auf wenig Gegenliebe.
Melissa, die ich eingeladen hatte, um ihr Butterplätzchen und meine Lieblings-DVD, eine Aufzeichnung der letzten Winterolympiade, zu kredenzen, blieb schon in der Tür stehen und blinzelte verdutzt.
Warum ist es denn hier stockdunkel?
Ich habe dir doch gesagt, dass ich gegen den Strom schwimme, sagte ich.
Wieso schwimmen, sagte Melissa, schwimmen kannst du im Baggersee, komm, hol deine Badesachen.
Du verstehst nicht, sagte ich, Baggerseen, ekelhaft, was sich da so tut, alles nackt, alles feucht, Menschen paddeln durch Schlingpflanzen und liegen im Kies übereinander, das ist Sommer, verstehst du, das bekämpfe ich.
Melissa schaute mich fassungslos an, als hätte ich etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Ich trat zur Seite, wedelte einladend mit den Armen. Ich weiß, dass meine Wohnung kühl ist und dass es einladend duftet, nicht diese überkandidelten Sommerdüfte, sondern ein behaglicher Geruch nach Kindheit und Frieden, der die Menschen näher zusammenrücken lässt. Und genau das hatte ich mir auch mit Melissa vorgestellt, die mit ihren Sommersprossen und ihren Löckchen im Nacken auf bezaubernde Weise verwirrt aussah.
Komm, bei mir kannst du dich aufwärmen, murmelte ich und fasste sie an der Schulter. Sie zuckte zurück und schob sich die Sonnenbrille vor die Augen. Weil es im Flur sehr dämmrig ist, musste ich vermuten, dass sie nun kaum noch etwas sah. Und wirklich streckte sie tastend den Arm nach vorne: Mensch, mach doch mal Licht hier, mach mal die Fenster auf, lass den Sommer rein, du lebst ja wie ein Maulwurf. Ich nickte nicht ohne Stolz, schob mich einen Schritt näher an Melissa heran und roch ihren Duft, der, um ehrlich zu sein, vermutlich ‚Sommerzauber‘ hieß oder ‚Blütenpracht‘, ein süßlicher Geruch jedenfalls, vermischt mit einer scharfen Schweißnote.
Im Winter kannst du Pullover tragen, da riecht man nichts, sagte ich, und weil ich so nahe bei ihr stand, musste es ihr so vorkommen, als raunte ich ihr ins Ohr, und mit einem kleinen spitzen Aufschrei sprang sie zur Seite und vermutlich für die Dauer des Sommers auf und davon.
Letzte Änderung am: 22.07.2010, 13.10 Uhr