SWR2 Schillerbeschallung brachte Schiller auf die Straße

2.248 Schillerstraßen gibt es in Deutschland. Wie kommt es zu dieser Beliebtheit? Und was bewirkt sie? Machen sich Schillerstraßen-Bewohner hin und wieder Gedanken über den Dichter? Weht Schillerstraßen-Besucher bisweilen ein Hauch von literarischer Klassik an? Oder bleibt im Sturm und Drang alltäglichen Durchgangsverkehrs der Name unbeachtet?
SWR2 sorgte auf sieben Schillerstraßen in Baden-Württemberg an sieben Tagen für Beachtung - durch intensive Schillerbeschallung. In einem speziell ausgerüsteten Schillermobil chauffierte SWR2 jeden Tag einen Schauspieler durch eine andere Schillerstraße, wo er lautstark rezitierte. Zum Mitlesen erhielten Anwohner und Passanten vorher literarische Wurfzettel. Zur Nachbereitung wurden sie anschließend von Reportern befragt. So entdecken sie und die SWR2-Hörer, wie viel von Schillers Ideen (und Idealismus) heute noch buchstäblich auf der Straße liegt.
SWR2 Literaturredakteur Walter Filz und andere begleiteten die Aktion im Weblog. Das Ergebnis der Aktion gibt es am 10. November in SWR2 Literatur zu hören. Bis dahin sind die Hörer und Internetnutzer weiterhin aufgerufen, selbst Fotos aus Schillerstraßen ihrer Nähe zu schicken!
Letzte Änderung am: 17.09.2009, 15.19 Uhr
Mehr zum Projekt Schillerstraßenbeschallung

Neugierig auf die Schillerstraßenbeschallung?
Keinem Schriftsteller, keinem Klassiker, keiner Person sind so viele Straßen gewidmet wie Friedrich Schiller. 2.248 Schillerstraßen gibt es in Deutschland. Selbst Goethe bringt es nur auf 2.172. Wie kommt es zu dieser Beliebtheit? Und was bewirkt sie? Machen sich Schillerstraßen-Bewohner hin und wieder Gedanken über den Dichter? Weht Schillerstraßen-Besucher bisweilen ein Hauch von literarischer Klassik an? Oder bleibt im Sturm und Drang alltäglichen Durchgangsverkehrs der Name unbeachtet?
SWR2 sorgt auf sieben Schillerstraßen in Baden-Württemberg an sieben Tagen für Beachtung sorgen. Durch intensive Schillerbeschallung. In einem speziell ausgerüsteten Schillermobil chauffiert SWR2 eine Woche jeden Tag einen Schauspieler durch eine andere Schillerstraße, wo er lautstark rezitiert. Zum Mitlesen erhalten Anwohner und Passanten vorher literarische Wurfzettel. Zur Nachbereitung werden sie anschließend von Reportern befragt. So entdecken sie und die SWR2-Hörer, wie viel von Schillers Ideen (und Idealismus) heute noch buchstäblich auf der Straße liegt.

Andreas Kebelmann
Realisiert wird das Projekt von Andreas Kebelmann, Theatermacher und Regisseur mit Engagements unter anderem in Berlin, Hamburg, Glasgow und Stuttgart. Er ist Spezialist für theatralische Projekte, die Bühnenraum und Theaterbau überschreiten und wortwörtlich auf die Straße gehen. Für und mit SWR2 wird er die Schillerstraße zu einem Ort des Dichtens und (Mit)Denkens machen.
Umgekehrt finden Denken und Dichten ihren je konkret passenden Ort. Denn bei der Schillerbeschallung werden nicht irgendwelche Texte in den umbauten Raum deklamiert, sondern solche, die in der Umbauung Widerhall finden – und offene Ohren bei denen, die dort wohnen oder vorbeigehen, fast so, als wären sie eigens für sie geschrieben.
Die vorgetragenen Texte beziehen sich auf Lage und Charakter der jeweiligen Straße, städtebaulich und sozial. "Politische und bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig das heiligste aller Güter", wird auf einer Schnellverkehrsstraße verkündet. Auf repräsentativem Boulevard tönt es: "Man wird diesen herrlichen Bau nur auf dem festen Grund eines veredelten Charakters aufführen."
Liegt die Schillerstraße an einer Schule, ist Schillers Bildungsbegriff das Thema und seine Vorstellung von Elite: "Ich bin doch eigentlich nicht für das Volk gemacht. Wie ich mit meinen Herren Collegen, den Profeßoren zurecht komme ist eine andre Frage." In gediegener Villen-Vorstadt werden Gedanken zu Frauen, Freundschaft und Musik vorgetragen, denn eine Mozart- oder Haydnstraße ist da oft nicht weit. In tristen Reihenhaussiedlungen stellt sich die Frage nach Schillers ästhetischen Begriffen. Und an lauschigem Waldrand geht es um letzte Fragen: Einsamkeit, Ruhe, Tod.
Wo genau die beschallten Straßen liegen? Das wird erst kurzfristig verraten, in der Regel einen Tag vorher im Programm von SWR2 und hier im Internet. Die Schillerbeschallung ist eine Überraschungsaktion. Vorbildung ist ebenso wenig erforderlich wie Vorbereitung. SWR2 holt den Klassiker spontan auf die Straßen – auf sieben Straßen in sieben Orten Baden-Württembergs, von der Großstadt bis zum Dorfflecken. Nur der Zeitraum steht schon fest: Sonntag, 4. Oktober bis Samstag 10.Oktober. Die aktuellen Programme von SWR2 sind dabei und berichten täglich. Und SWR2 Literaturredakteur Walter Filz berichtet im SWR2-Blog über seine Erlebnisse vor Ort.
Letzte Änderung am: 17.09.2009, 15.19 Uhr
Schillerstraßen – wie der Dichter ein Asphaltliterat wurde

Schon zu Lebzeiten war Schiller das, was man heute "Kult-Autor" nennen würde. So wie sich nach dem Bestseller "Die Leiden des jungen Werthers" des 25jährigen Goethe begeisterte Leser wie Werther kleideten (blauer Frack, gelbe Hose) und sich nicht wenige nach Werther-Art umbrachten, so bildeten nach dem Stück "Die Räuber" des 22jährigen Friedrich Schiller viele idealistische Studenten Straßenbanden. Doch während Goethe mit 27 bereits staatstragender Minister in Weimar wurde, blieb Schillers Image das eines Stürmers und Drängers: hitzköpfig und draufgängerisch – in der Literatur ebenso wie im Leben und nicht zuletzt in der Liebe. Als er 45jährig starb (im selben Alter wie knapp 200 Jahre später die "schillernde" Pop-Legende Freddy Mercury), wurde er rasch zum Mythos.
Nicht anders als bei toten Pop-Stars heutzutage wurde die trauernde Fan-Gemeinde mit "Best-of-Compilations" versorgt. Sammlungen mit den populärsten Schiller-Zitaten gehörten zu den Bestsellern des frühen 19. Jahrhunderts. "Schillers Kraftsprüche für Deutsche auf die jetzigen Zeitumstände passend" von 1814 hieß eines dieser Zitat-Hit-Alben.
So wurde das Werk des Dichters auf markige Merksätze reduziert. Und so reduziert wurde der Dichter zur Leitfigur eines selbstbewussten Bürgertums, das sich gegen kleinfürstliche Willkür für einen deutschen Nationalstaat engagierte. "Arbeit ist des Bürgers Zierde" und andere Sinnigkeiten aus der "Glocke" wurden zu Leitsprüchen bürgerlicher Moral. Die Forderung des Marquis Posa im Don Karlos - "Geben Sie Gedankenfreiheit" - wurde zum Kampfruf gegen staatliche Zensur. Und der Schwur aus "Wilhelm Tell" – "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern" – wurde Parole nationaler Einheits-Bestrebungen. So lieferte Schiller posthum die Slogans für die Revolution von 1848: Slogans für den Protest auf der Straße.
Die Revolution scheiterte, die Slogans blieben. Und sie blieben – buchstäblich – auf der Straße. Zum 100.Geburtstag Schillers 1859 wurden in hunderten deutschen Städten Festumzüge organisiert, die verkappte Demonstrationen waren: für einen freien deutschen Nationalstaat. Die Fürsten blieben stur.
Doch noch während sie ihr Fürstendasein und ihre Fürstentümer hartnäckig verteidigten, wurden sie von einer technischen Entwicklung überrollt, die Staatsgrenzen und Standesgrenzen überwand: die Eisenbahn. Sie verband die deutschen Lande noch bevor es Deutschland gab. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden hunderte Städte, Orte und Gemeinden ans Netz angeschlossen. Die Bahnhöfe baute man auf freiem Gelände in Innenstadtnähe und erschloss sie durch neue Straßen. Die mussten einen Namen haben. Die direkte Zufahrt hieß natürlich Bahnhofstraße. Doch schon die nächste größere Straße, die zum Zug der neuen Zeit führte, wurde nach dem benannt, den man für den geistigen Weichensteller der freien nationalen Zukunft hielt: Friedrich Schiller. Spätestens nach der Reichsgründung 1871 war der Dichter Pate der politisch-ideellen Leitschiene. Deshalb liegen viele Schillerstraßen in Bahnhofsnähe - damit allerdings heutzutage nicht immer in allerbester Lage.
Aus der Frühzeit der Eisenbahn stammt auch der zahlenmäßige Vorsprung der Schillerstraßen gegenüber den Goethestraßen. Als mit der Industrialisierung Städte und Bevölkerung wachsen, werden in Neubaugebieten Goethe und Schiller meist gleich mit Straßen bedacht. Oft müssen sie sich dabei das Viertel mit anderen Klassikern teilen. In Baden-Württemberg ist es der Tübinger Spätromantiker Ludwig Uhland, dessen volkstümliche und mitunter tümelnde Gemütsgedichte Ende des 19.Jahrhunderts so beliebt sind, das man sie gleich neben das Werk Schillers stellt und Uhland oft die nächste Parallelstraße zur Schillerstraße widmet. So entstehen mit unterschiedlicher regionaler Gewichtung überall literarische "Kanon-Siedlungen", deren Straßennamen ziemlich genau darüber Auskuft geben, welcher Dichter zu welcher Zeit geschätzt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind neue Schillerstraßen selten. Zwar wird wieder viel und neu gebaut, doch der optimistische Blick in eine moderne, technisierte Zukunft verbietet offenbar den Rückblick auf Klassiker, die zunehmend als angestaubt gelten. Stattdessen werden nun Ingenieure und Wissenschaftler mit Straßennamen bedacht: Diesel- und Zeppelin-, Robert-Koch- und Röntgenstraßen führen durch neue Trabantensiedlungen und neue Gewerbegebiete. Der einfachste Grund jedoch, warum es kaum mehr neue Schillerstraßen gibt, ist natürlich, dass beinahe jeder Ort schon eine hat.
Die häufigsten Straßennamen in Deutschland sind Hauptstraße, Bahnhofstraße, Dorfstraße, Schulstraße, Gartenstraße, Bergstraße. All diese Namen weisen darauf, wo die Straße verläuft. Die Schillerstraße dagegen ist die zweithäufigste Straße, deren Namen nicht verrät, wo sie liegt. Sie kann überall sein. Und jeder könnte in ihr wohnen. Darum heißt die SAT1-Comedy-Serie "Schillerstraße". Und warum haben die Produzenten ihre Serie nicht nach der häufigsten Straße benannt, die überall sein kann? Weil dieser Straßenname schon für eine ARD-Serie vergeben ist: es ist die Lindenstraße.
Walter Filz
Letzte Änderung am: 17.09.2009, 15.19 Uhr