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Schillerstraßen – wie der Dichter ein Asphaltliterat wurde

Schon zu Lebzeiten war Schiller das, was man heute "Kult-Autor" nennen würde. So wie sich nach dem Bestseller "Die Leiden des jungen Werthers" des 25jährigen Goethe begeisterte Leser wie Werther kleideten (blauer Frack, gelbe Hose) und sich nicht wenige nach Werther-Art umbrachten, so bildeten nach dem Stück "Die Räuber" des 22jährigen Friedrich Schiller viele idealistische Studenten Straßenbanden. Doch während Goethe mit 27 bereits staatstragender Minister in Weimar wurde, blieb Schillers Image das eines Stürmers und Drängers: hitzköpfig und draufgängerisch – in der Literatur ebenso wie im Leben und nicht zuletzt in der Liebe. Als er 45jährig starb (im selben Alter wie knapp 200 Jahre später die "schillernde" Pop-Legende Freddy Mercury), wurde er rasch zum Mythos.
Nicht anders als bei toten Pop-Stars heutzutage wurde die trauernde Fan-Gemeinde mit "Best-of-Compilations" versorgt. Sammlungen mit den populärsten Schiller-Zitaten gehörten zu den Bestsellern des frühen 19. Jahrhunderts. "Schillers Kraftsprüche für Deutsche auf die jetzigen Zeitumstände passend" von 1814 hieß eines dieser Zitat-Hit-Alben.
So wurde das Werk des Dichters auf markige Merksätze reduziert. Und so reduziert wurde der Dichter zur Leitfigur eines selbstbewussten Bürgertums, das sich gegen kleinfürstliche Willkür für einen deutschen Nationalstaat engagierte. "Arbeit ist des Bürgers Zierde" und andere Sinnigkeiten aus der "Glocke" wurden zu Leitsprüchen bürgerlicher Moral. Die Forderung des Marquis Posa im Don Karlos - "Geben Sie Gedankenfreiheit" - wurde zum Kampfruf gegen staatliche Zensur. Und der Schwur aus "Wilhelm Tell" – "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern" – wurde Parole nationaler Einheits-Bestrebungen. So lieferte Schiller posthum die Slogans für die Revolution von 1848: Slogans für den Protest auf der Straße.
Die Revolution scheiterte, die Slogans blieben. Und sie blieben – buchstäblich – auf der Straße. Zum 100.Geburtstag Schillers 1859 wurden in hunderten deutschen Städten Festumzüge organisiert, die verkappte Demonstrationen waren: für einen freien deutschen Nationalstaat. Die Fürsten blieben stur.
Doch noch während sie ihr Fürstendasein und ihre Fürstentümer hartnäckig verteidigten, wurden sie von einer technischen Entwicklung überrollt, die Staatsgrenzen und Standesgrenzen überwand: die Eisenbahn. Sie verband die deutschen Lande noch bevor es Deutschland gab. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden hunderte Städte, Orte und Gemeinden ans Netz angeschlossen. Die Bahnhöfe baute man auf freiem Gelände in Innenstadtnähe und erschloss sie durch neue Straßen. Die mussten einen Namen haben. Die direkte Zufahrt hieß natürlich Bahnhofstraße. Doch schon die nächste größere Straße, die zum Zug der neuen Zeit führte, wurde nach dem benannt, den man für den geistigen Weichensteller der freien nationalen Zukunft hielt: Friedrich Schiller. Spätestens nach der Reichsgründung 1871 war der Dichter Pate der politisch-ideellen Leitschiene. Deshalb liegen viele Schillerstraßen in Bahnhofsnähe - damit allerdings heutzutage nicht immer in allerbester Lage.
Aus der Frühzeit der Eisenbahn stammt auch der zahlenmäßige Vorsprung der Schillerstraßen gegenüber den Goethestraßen. Als mit der Industrialisierung Städte und Bevölkerung wachsen, werden in Neubaugebieten Goethe und Schiller meist gleich mit Straßen bedacht. Oft müssen sie sich dabei das Viertel mit anderen Klassikern teilen. In Baden-Württemberg ist es der Tübinger Spätromantiker Ludwig Uhland, dessen volkstümliche und mitunter tümelnde Gemütsgedichte Ende des 19.Jahrhunderts so beliebt sind, das man sie gleich neben das Werk Schillers stellt und Uhland oft die nächste Parallelstraße zur Schillerstraße widmet. So entstehen mit unterschiedlicher regionaler Gewichtung überall literarische "Kanon-Siedlungen", deren Straßennamen ziemlich genau darüber Auskuft geben, welcher Dichter zu welcher Zeit geschätzt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sind neue Schillerstraßen selten. Zwar wird wieder viel und neu gebaut, doch der optimistische Blick in eine moderne, technisierte Zukunft verbietet offenbar den Rückblick auf Klassiker, die zunehmend als angestaubt gelten. Stattdessen werden nun Ingenieure und Wissenschaftler mit Straßennamen bedacht: Diesel- und Zeppelin-, Robert-Koch- und Röntgenstraßen führen durch neue Trabantensiedlungen und neue Gewerbegebiete. Der einfachste Grund jedoch, warum es kaum mehr neue Schillerstraßen gibt, ist natürlich, dass beinahe jeder Ort schon eine hat.
Die häufigsten Straßennamen in Deutschland sind Hauptstraße, Bahnhofstraße, Dorfstraße, Schulstraße, Gartenstraße, Bergstraße. All diese Namen weisen darauf, wo die Straße verläuft. Die Schillerstraße dagegen ist die zweithäufigste Straße, deren Namen nicht verrät, wo sie liegt. Sie kann überall sein. Und jeder könnte in ihr wohnen. Darum heißt die SAT1-Comedy-Serie "Schillerstraße". Und warum haben die Produzenten ihre Serie nicht nach der häufigsten Straße benannt, die überall sein kann? Weil dieser Straßenname schon für eine ARD-Serie vergeben ist: es ist die Lindenstraße.
Walter Filz
Letzte Änderung am: 25.09.2009, 19.13 Uhr