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SWR2 LiteraturEN

Sendung vom Dienstag, 29.9.2009 | 22.05 Uhr | SWR2

Das Literaturmagazin mit Berichten, Reportagen, Porträts, Features, Gesprächen und vielem mehr

Literatur – Literaturen. Die Mehrzahl ist Programm. Das Programm heißt Vielfalt. Jeden letzten Dienstag im Monat bietet das neue SWR2-Magazin "LiteraturEN" mit Berichten und Reportagen, Porträts und Features, Gesprächen, Interviews und Kommentaren Einblicke in den laufenden Literaturbetrieb - Seitenblicke, Sonderansichten und Schrägperspektiven eingeschlossen. SWR2 LiteraturEN geht mit Schriftstellern auf Reisen, erkundet literarische Subkulturen, guckt auf Literaturverfilmungen. Wo schreibt wer was? Wer liest was warum? Welche Trends prägen den aktuellen Buchmarkt? Und wo werden sie von wem unterlaufen? Ergänzt durch Glossen, Kolumnen und Originalbeiträge von Schriftstellern bietet SWR2 LiteraturEN spannenden Journalismus mit Esprit und Leidenschaft. Fürs Lesen. - SWR2 LiteraturEN entsteht in Partnerschaft mit der Zeitschrift "Literaturen", der bedeutendsten überregionalen Literaturzeitschrift in Deutschland.

Letzte Änderung am: 13.09.2009, 02.52 Uhr



Kuckarts Kolumnewww.polizeipoeten.de

Die Schriftstellerin Judith Kuckart schreibt regelmäßig eine Kolumne für SWR2 LiteraturEN. In der ersten Folge berichtet sie von ihrer Begegnung mit den "Polizeipoeten".

Die Schriftstellerin Judith Kuckart

Judith Kuckart

Ich glaube, es ist leichter, eine Frau ins Bett zu bekommen als einen Satz hin zu schreiben, der stimmt. So sagte er.
Er war groß, vielleicht Mitte Dreißig und sah aus wie Henry Maske in einem zu kleinen Anzug. Zwischen uns stand ein runder Stehtisch des Frankfurter Hofs – in Frankfurt natürlich. Es war der letzte Tag der Buchmesse. Er aß ein Canapé mit Lachs, ich ein weiches Törtchen mit irgendwas drauf, beides war vom Piper Verlag bezahlt.
Schreiben Sie auch?
Ich nickte.
Sie sehen aber gar nicht so aus.
Sie auch nicht, sagte ich.


Da zieht er ein Zeitungsfoto aus der Brieftasche. "Polizeipoet Jens Hartmann im Kreis seiner Kollegen vom KK 11 Hagen/Ost." Ich lese die Bildunterschrift und nehme das Foto in die Hand. Dieser kräftige Mann mir gegenüber am Stehtisch, der jetzt vergeblich eine Serviette sucht, sieht auf jenem Foto etwas gequetscht und schutzbedürftig aus, vielleicht weil seine fünf Kollegen ihn so breitbeinig umstellen. So, als sei er eine exotische Pflanze, ein Rekonvaleszent am ersten Tag daheim oder einer, der am Schreibtisch schlechte Träume hat, sobald man ihn allein lässt.
www.polizeipoeten.de, sagt Jens Hartmann. Schon mal gehört? Wir haben einen Band mit Erzählungen heraus gebracht: "Die erste Leiche vergisst man nie."Nein, nie gehört, sage ich. Ich habe mich an seinen Anzug gewöhnt und schaue ihn genauer an.

Was lesen Sie denn so, fragt er.
Sie schreibt, sagt da eine sehr gepflegte Frau, und stellt sich an unsern Tisch und greift nach dem Unterarm des Polizeipoeten. Wie schön, dass Sie sich kennen lernen, sagt sie.
Sie ist Lektorin beim Piper Verlag und hat "Die erste Leiche vergisst man nie" betreut. Drei Minuten später hat sie mich und den Hauptkommissar Jens Hartmann verkuppelt. Wir vereinbaren einen Naturalientausch. Ich gebe umsonst ein Wochenendseminar in der Polizeiakademie Wertheim, in einer ehemaligen US Kaserne irgendwo in Süddeutschland. Im Gegenzug werden Hauptkommissar Jens Hartmann und seine Kollegen in Zukunft mir behilflich sein bei den laienhaften Fragen einer Autorin (ich), die eine Idee für einen Krimi, aber bisher nur bei Chandler und im Tatort, recherchiert hat.

An einem Freitag im Spätherbst fahre ich nach Wertheim, und als ich am Montag wieder fort fahre, habe ich eine Menge gelernt. Nicht nur, dass es eine Abwehr meiner Dutzend Polizisten, Schreibschüler, gegen hässliche Wörter wie Harndrang, Schreibwarengeschäft, Kindsmaterial, Rastplatz, Einäscherung und Knetmasse gibt, die ich im Lauf einer ersten Schreibübung in den Raum stelle. Ich lerne auch, dass die Damen und Herren, egal ob Streife oder Kommissariat oder SEK, ein großes Problem haben, erlebtes Material (um das sie fast jeder Schriftsteller beneiden würde) szenische aufzulösen und in Fiktion zu überführen. Erfinden ist nicht Lügen, sage ich, und die Tischrunde schaut mich erstaunt an. Jemand sagt: Aber die Wahrheit, es muss doch die Wahrheit sein, die man aufschreibt. Und dann stockt er.
Ja.

Über Familie ist am meisten geredet worden, manchmal auch über die Boxernase hier, oder die abgebrochene Karriere als Schlagzeuger dort, oder die Angst, eines Tages auf der Position nicht mehr gebraucht zu werden, weil es ab vierzig nicht so einfach ist, mit entsicherter Waffe auf Befehl ins Dunkle zu springen. Nach dem Abendbrot gibt es in der Polizeiakademie Wertheim Lesungen aus bereits vorhandenen Texten. Wie die alten Pferde, die im Stehen schlafen, hören die Polizeipoeten einander bis weit nach Mitternacht zu. Egal, ob es der Anfang eines Krimis mit dem Titel "Bullenhitze" oder ein Gedicht vom Pflaumenbäumchen ist.

Die Wahrheit, mit der ich für mich nach Hause fahre, ist: Dass man im Job des Polisten als Mensch eines Tages für andere Menschen irgendwann schwer nachvollziehbar wird. Da hängt ein Familienvater von der Kellerdecke, im Hintergrund hört man die Stimme der Tochter, die immer wieder fragt: "Er lebt doch noch, der lebt doch??", und man weiß bereits in dem Moment, dass einem dies nicht aus dem Kopf gehen wird, während gleichzeitig an diesem Morgen, 5.30 Uhr, der Würgereiz einen anfällt und gleichzeitig der Magen knurrt, weil trotz des frischen Toten in Reichweite ein frisches Frühstücksrötchen lockt. Die Wahrheit ist, dass man so – vielleicht – den e i n e n Satz findet, der stimmt. Ach Scheiße, Scheiße der Tod. Und weil so ein Satz ohne Verb keine Haltung hat, fängt man an, nach dem Verb zu suchen. So fängt es an, mit dem Schreiben. Bei den Polizisten. Bei den Poeten.

Judith Kuckart

Letzte Änderung am: 13.09.2009, 02.52 Uhr