Sendung vom Donnerstag, 9.2. | 19.05 Uhr | SWR2
In einigen afrikanischen Ländern wie Ägypten oder Nigeria ist genitale Verstümmelung explizit verboten. In Deutschland ist es "nur" Körperverletzung und kein eigener Straftatbestand. Alle Gesetzentwürfe, das zu ändern, sind bisher gescheitert. In SWR2 Kontext erzählt Fadumo Korn, warum Frauen in Deutschland besser geschützt werden müssen.

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Viele Eltern verreisen nach Frankreich, England, Ägypten oder Kenia. Die reisen einfach aus, machen Ferien und kommen nach sechs Wochen zurück. Da haben wir keine Kontrolle darüber, was mit den Kindern passiert. Wir können nur die Signale empfangen, ob das Kind sich verändert hat. Ich kann das lesen, weil ich weiß, wie der Schmerz war und ich kann das Leid der Kinder in ihren Augen erkennen. Und dann stehen wir immer an der Schwelle: Soll das Kind von einem Arzt untersucht werden oder nicht? Da brauchen wir einen begründeten Verdacht. Wenn der sich erhärtet, dann sind wir verpflichtet zu handeln.
Das können wir nicht beweisen, aber ich gehe davon aus. Seit ich denken kann, hat man mir gesagt: Du bist schmutzig, dich muss man beschneiden, damit Du rein wirst. Das bekommt man als Kind von Anfang an mit und gibt es dann an seine Kinder weiter. Und wenn sich viele Menschen zusammentun und beschließen, ihre Kinder hier zu verstümmeln, dann ist es durchaus möglich, dass jemand eingeflogen wird. Deswegen ist es wichtig, dass wir die Signale erkennen, bevor die Tat geschieht. Denn der Schaden, der dem Kind zugefügt wird, das ist später unser Schaden, denn das Kind wächst in unserer Gesellschaft auf.
Ich spüre das täglich. Durch die Beschneidung habe ich ganz schwere Behinderungen an Händen und Füßen erlitten und bin zu 50% körperlich behindert. Seelisch würde ich sagen, habe ich es aber geschafft, meinen Körper zu mögen. Ein anderes Beispiel:

Aktionsplakat von Terre des Femmes
Ich war mit einer 17jährigen Somalierin bei einer Gynäkologin. Die Ärztin versuchte, mit einem Wattestäbchen einen Abstrich zu machen und sie kam nicht rein. Durch dieses Loch muss Urin durch, die Regelblutung muss da durch und dort geschieht natürlich auch der Geschlechtsverkehr. Und später muss durch diese Loch auch ein Kind kommen.
Aufschneiden, Geschlechtsverkehr haben, wieder zunähen. Kind austragen, Kind kommt, wieder zunähen. Das ist ein Kreislauf, den man sich nicht vorstellen kann. Und der passiert jeden Tag. Millionenfach. Und nach vielen Geburten sind die Genitalien so zerrupft und zerfranst, dass die Ärzte einen richtigen chirurgischen Eingriff unternehmen müssen.
Ich bin da ziemlich rigoros. Ich bin sofort in den Familien. Und dann ist das Jugendamt immer mit dabei, wo eine Kindesgefährdung bestehen könnte. Und wir beraten. Wir klären die Eltern auf, über die rechtlichen Konsequenzen für sich selbst und die gesundheitlichen Folgen für das Kind. Ich drohe mit Kindesentzug, mit Gefängnis oder Ausweisung. Das ist die Option, die die Eltern haben. In den letzten sechs bis sieben Jahren bin ich zu Fällen gerufen worden, bei denen wir uns sicher waren: Wenn wir nicht eingegriffen hätten, wäre das Kind beschnitten worden.
Natürlich! Uns sind jetzt die Hände gebunden. Hätten wir ein Gesetz, dann könnten wir endlich politisch aktiv werden. Die Politiker weigern sich, weil wir dann das Recht auf Beratung haben und Mittel beantragen können. Wenn man jemand wirklich verurteilen muss, dann bringt es weniger, viele Gesetze zusammenzuschmeißen wie zum Beispiel: Schwere Körperverletzung, Planung oder Durchführung einer Tat, Verschweigen oder Mitwirkung einer Tat. Es bewirkt mehr, wenn wir sagen können: Wir haben einen Artikel und der sagt: So, Schluss jetzt!
Eine Sendung von Laura Koppenhöfer | Internet: Miriam Mörtl
Letzte Änderung am: 09.02.2012, 12.41 Uhr