Occupy Wallstreet in Deutschland
Sendung vom Mittwoch, 7.12.2011 | 19.05 Uhr | SWR2
Diese Bewegung hat keine Führung und kein Ziel. Ausgehend von den Demonstrationen in der arabischen Welt hat sich eine globale Protestbewegung formiert, die von den Metropolen der westlichen Welt bis nach China reicht. Im Gespräch mit Thomas Ihm fordert der Protestforscher Wolfgang Kraushaar die Bewegung auf, Gesicht zu zeigen.

Ob 2011 wirklich eine historische Zäsur ist, das lässt sich noch nicht ganz beantworten. Aber ich tendiere dazu, dass es auch heute schon eine Zäsur ist. Zumindest in den arabischen Staaten.
Man muss berücksichtigen, dass die Demonstranten auf der Straße und die Platzbesetzer es tatsächlich so gesehen haben. Sie haben sich als Teil einer weltweiten gemeinsamen Bewegung betrachtet, obwohl die kulturellen, sprachlichen und religiösen Unterschiede so sehr auf der Hand zu liegen scheinen.
Die Trägergruppen sind in der Regel junge, gut ausgebildete Erwachsene, die keinen Job haben und keine Perspektive gewinnen können. Dafür gibt es in Frankreich den Begriff des diplomé chômeur, des diplomierten Arbeitslosen. Das ist eine Figur, die sozusagen, hinter dem steckt, was diese Leute antreibt.
Das Erschrecken darüber, dass man in der Mitte seines Lebens steht und gesellschaftlich offenbar keine Aussicht darauf hat, sich eine Zukunft zu bauen, eine Familie zu gründen, eine Perspektive zu gewinnen, das ist das große Unbehagen, das dort gemeinsam aufbricht. Das Gefühl, im Grunde genommen Opfer des gleichen Systems, einer ungerechten Verteilung von arm und reich zu sein.
Ich glaube, dass es keinen gemeinsamen Nenner gibt, um die Occupy-Bewegungen der einzelnen Länder wirklich abstrakt vereinheitlichen zu können. Ich glaube, dass das nicht möglich ist. Was mir am deutschen Beispiel – Occupy in Frankfurt, Berlin oder Hamburg – auffällt: Da habe ich den Eindruck, dass es sich um eine Gruppe von Protestierenden handelt, die vor allen Dingen als erstes ihre eigenen Erfahrungen machen will. Und gleichzeitig ist damit verknüpft: Keine Aussicht auf eine politische Lösung dieser Probleme.
Zunächst finde ich es sehr bedenklich, dass sich eine solche Bewegung häufig weigert, wirklich Gesicht zu zeigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Bewegung, die so wenig bereit ist, auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen zu wollen, auch nur den Ansatz eines Erfolges in Aussicht hat. Ich glaube, dass sich diese Bewegung ein Stück weit selber im Weg steht.
Ich sehe ein großes, objektiv definierbares Potential in dieser Bewegung. Wir haben Zustimmungsraten von über 80 Prozent, das hat es nie zuvor in einer Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland gegeben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass die Occupy-Bewegung durch die Impulse, die sie gesetzt hat, auch politische Anstöße gibt. Die müssen dann aber auch entsprechend angenommen und umgesetzt werden. Es wird letztendlich davon abhängen, ob die Politik in der Lage sein wird, solche Impulse aufzunehmen.

Das Interview führte Thomas Ihm | Webfassung: Miriam Mörtl
Letzte Änderung am: 07.12.2011, 07.09 Uhr