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Netznotizen "Quantified-Self" - das total vermessene Ich

Das total vermessene Ich

Wer im Internet surft hinterlässt - ob er will oder nicht - jede Menge Spuren. Jedes "Googeln", jeder "Facebook-Like-Button"-Click wird registriert und ausgewertet. Täglich, stündlich - immer. Datenschützern ist das ein Graus. Es gibt aber auch Menschen, die das digitale Datensammeln für sehr nützlich halten: Die Anhänger der "Quantified-Self"-Bewegung sammeln wie besessen Daten über sich selbst. Ob Blutdruck, Schlafgewohheiten, Gewicht, Alkoholkonsum oder Sozialkontakte: Alles wird mit Computern und Smartphones gemessen, protokolliert und ins Internet übermittelt mit dem Ziel, sich und den eigenen Körper besser kennen zu lernen und "besser" zu machen.

Bryan Bishop protokolliert seit dem Jahr 2005 alle seine Kontakte zu anderen Leuten. Alle Telefongespräche, Online-Kontakte und auch die leibhaftigen Begegnungen. So hat er heraus gefunden, dass er 60 Prozent seiner Zeit mit Reden verbringt und dass er die meisten Kontakte im Internet pflegt. Damit Bryan Bishop in Zukunft effizienter kommuniziert, hat er eine Computeranwendung entwickelt, die für seine vielen unterschiedlichen Freunde automatisch E-Mails erstellt.

Bryan Bishop berichtet von seinen Erfahrungen in einem Video auf der Website quantifiedself.com. "Selbsterkenntnis durch Zahlen" heißt das Motto dort. Denn - so das Credo der Gründer des Internetportals - es sei nur richtig und gerecht, wenn man selbst auch so viel über sich weiß wie Google oder Facebook. Und wie der Sozialkontakt-Datensammler Bryan Bishop tauschen sich auf der quantifiedself-Seite eine ganze Reihe von Aktivisten aus - über die Ziffern, Zahlen und Bytes, die ihr Leben bestimmen. Und: die Computerprogramme und Smartphone-Apps, die ihnen beim Daten sammeln und analysieren helfen.

Ein niederländischer Nerd hat zum Beispiel eine I-Phone-App entwickelt, die er als automatisiertes Tagebuch bezeichnet: Die App zeichnet mittels GPS-Technik alle Orte auf, an denen der Mensch war, außerdem den Verlauf aller seiner Aktivitäten im Internet. Aus den Daten wird dann jeden Tag ein autobiographischer Film generiert – "Replay myself" nennt sich das. Andere "Quantified Self"-Aktivisten observieren ihre Leistungen beim Sport oder im Bett; Kalorienverbrauch, Schlafgewohnheiten, Alkoholkonsum, Blutdruck – alles wird gemessen und ausgewertet mit dem einen großen Ziel: besser leben – schlanker, schlauer, sportlicher werden. Sogar Liebesglück ist ein Lebensziel, das die Selbstoptimierer mittels Datenerfassung zu erreichen hoffen. Der Amerikaner Gary Krane hat „Couple Space“ entwickelt – eine Art Paartherapie-App im Internet.

Liebe nach Zahlen. Spätestens hier wird sich jedem auch nur ein bisschen romantisch veranlagten Menschen der Magen umdrehen. Und im Grab umdrehen würde sich wohl ein Romantiker wie der Dichter Novalis. In seinem Romanfragment
Heinrich von Ofterdingen hatte er um das Jahr 1800 herum der Technikgläubigkeit seiner Zeit eine poetische Absage erteilt:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in's freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Ob Novalis’ Worte nicht doch beglückender sind als die Methoden der digitalen Selbstoptimierer wäre zu überprüfen!

Kathrin Hondl

Letzte Änderung am: 03.09.2011, 15.58 Uhr

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Netznotizen: Quantified Self

Das total vermessene Ich. Ein Beitrag von Kathrin Hondl. SWR2 Journal am 3.9.2011

3:13 min

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