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Offener Brief des Theologen Eugen Drewermann an Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI anlässlich seines Besuchs in Freiburg. SWR2 Journal am Morgen vom 19.9.2011
Sehr geehrter Herr Ratzinger,

Eugen Drewermann
anders mag und vermag ich Sie nicht anzureden. Ja, ich darf es auch in dieser fiktiven Grußadresse in einer Radiosendung nicht. Sagt auch Jesus selbst zu seinen Jüngern: "Lasst ihr euch nicht Vater nennen. Ein einziger sei euer Vater, der im Himmel ist." Wie also kann es christlich einen "Pater Patrum", einen Vater aller Väter, einen Papst geben, der sich vermisst, von Amts wegen Gott selbst auf Erden zu vertreten?
Gott bedarf keiner Vertreter. Eben deshalb aber ist christlich ein Hauptfehler des römischen Katholizismus, dass er Gott bindet an ein paternales Amt mit Anspruch auf Gottähnlichkeit und ausgestattet mit Unfehlbarkeit in allen Fragen, die menschlich relevant sind.
Dieses, Ihr Amt, Herr Ratzinger, schiebt sich dem Mond gleich vor die Sonne und verdunkelt mit seinem Schatten die gesamte Erde. Ein Petrusamt? Mitnichten. Als Jesus im Gestade des Sees von Genezareth laut Legende das Wunder des reichen Fischfangs bewirkt, fällt Petrus auf die Knie und bittet Jesus darum fortzugehen, da er doch nur ein sündiger Mensch sei. Gerade diese Einsicht in die eigene Fehlbarkeit befähigt ihn in Jesu Augen, die entscheidende Erfahrung mit Gott weiterzugeben, dass er uns nah ist auch in unserer Schuld. Bedingungslos und ohne priesterliche Opfervorleistung. Kein Amt kann davon dispensieren, kein Amt dazu verhelfen. "Gott ist Person und lässt sich nicht den Mund mit amtlichen Musterblättern wischen", schrieb Sören Kierkegaard.
Was Gott sehen möchte, ist, dass und wie wir als Person leben. Alles Beamtete in Sachen Religion ist für ihn nichts als Anmaßung, Verfälschung, Maskerade. Ein Papstamt ist die maximale Persiflage auf den Propheten, auf dieses ganz und gar Persönliche der Existenz. Doch eben die Fragen des Lebens an die Unpersönlichkeit der klerikalen Ämterhierarchie gebunden zu haben, macht aus der Sache Jesu eine Art archaischer Magie zum Zwecke bloßer Machtausdehnung. Es verfälscht die Freiheit des Vertrauens zu einem Akt von Außenlenkung und Gehorsam. Es wirkt nicht heilend, es zerstört durch die Entfremdung der Person in den verfassten Gruppenzwängen eines hohlen Kirchenkollektivs. Lässt sich die Deformation des Christlichen noch steigern?

Allerdings. Die Kirche Roms, welcher Sie vorstehen, Herr Ratzinger, umkleidet ihr hohes Priesteramt mit Vorstellungen aus dem persisch-römischen Herrscher- und Kaiserkult und sucht buchstäblich mit der Sache Jesu Staat zu machen. Der absolutistische Monarch des Kirchenstaates Roms, ein Nachfolger der Cäsaren, nicht ein Nachfolger Petri oder Jesu ist es, als welcher Sie im September 2011 das demokratisch gewählte Parlament der BRD besuchen wollen.
Es ist mein Wunsch - nein, es ist Jesu Forderung an Sie: Befreien Sie sich selbst von der notorischen, neurotischen Verfälschung des Lebens durch ein Lehren in doktrinären Dogmen. Folgen Sie in Wahrheit Petrus, der dem hohen Priester seiner Tage offen sagte: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen."
All die Oberflächenprobleme Ihrer Kirche, die verquere Sexualethik, der Zwangszölibat, die Zweitrangigkeit der Rolle der Frau, die Ausgrenzung der Protestanten, der fehlende interreligiöse Dialog - sie alle ließen sich nach und nach lösen, und endlich könnten Sie sich den Fragen zuwenden, die doch auch Ihnen auf den Nägeln brennen: Der dritten Welt, der wachsenden Militarisierung der Außenpolitik, begleitet übrigens von Ihren eigenen Militärbischöfen, der Bevölkerungsexplosion mit den bedrückenden Folgen für Pflanzen und Tiere auf dieser Erde, den Asylsuchenden, den Praktiken von Todesstrafe und Folter. Wie anders könnten Sie zu derlei Fragen sprechen, wären Sie frei, nicht länger mehr ein Theokrat der Kirche Roms, sondern ganz einfach ein glaubwürdiger Christ als Sprachrohr vieler Gläubiger! Der Redefreimut Jesu, er wäre dringend nötig im deutschen Bundestag zu Berlin.
Eugen Drewermann
Eugen Drewermann, Jahrgang 1940, zählt zu den bekanntesten Theologen der Gegenwart. Bis zum Entzug der Lehrerlaubnis 1991 war er Privatdozent für systematische Theologe in Paderborn. Vor 6 Jahren trat er aus der katholischen Kirche aus. Drewermann ist heute als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und Seelsorger sowie als Lehrbeauftragter tätig. Er versucht die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie und Psychotherapie in Seelsorge und Therapie einzubeziehen.
Quelle: SWR2
Letzte Änderung am: 16.09.2011, 15.58 Uhr