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Kommentar von Esther Saoub im SWR2 Journal am Abend vom 28.10.2011
Jeder hat so ein Wort, das er häufiger benutzt, als andere: bei Vorgesetzten sind das Euphemismen wie „optimieren“, „verschlanken“, „Flexibilität“ oder „Transparenz“, Mütter sagen ständig „schnell“, oder, verharmlost: „mal eben“. Wenn meine Töchter Nähen wollen, Wasserfarben malen oder Pfannkuchen backen, hören sie von mir die immer gleiche Antwort: ich hänge nur noch eben die Wäsche auf, muss noch mal schnell telefonieren, schreib hier noch eben was fertig….Zum Backen kommen wir selten. Umgekehrt beginnen meine Sätze an sie meist mit: kannst du bitte mal eben – Zähneputzen, Schuhe anziehen, Hausaufgaben machen, aufessen… Wir arbeitenden Mütter sehen unsere Kinder nämlich gewöhnlich nur in den Stunden, in denen alles schnell gehen muss: Morgens, wenn wir aus dem Haus wollen – (ausstehen, aufessen, Zähneputzen, Schuhe anziehen – und wehe, wir haben nicht am Abend vorher die Sportsachen bereitgelegt). Und abends: (Hausaufgaben machen, Geige üben, wieder aufessen, wieder Zähneputzen, Schlafanzug anziehen). Wenn wir alles rechtzeitig schaffen – ich also oft genug „schnell“ gesagt habe, können wir wenigstens noch in Ruhe vorlesen. Falls ich nicht mitten im Satz einschlafe.
Als ich neulich wieder mit dem Fahrrad den Berg rauffuhr, schnell natürlich, damit ich nicht schon wieder zu spät am Hort stehe, kam mir die erlösende Idee: eine Mütteruhr. Sie hat jede Stunde fünf Minuten mehr als andere Uhren. Genau die fünf Minuten, die uns morgens immer fehlen. Und pro Tag eine Stunde mehr, damit zwischen Abholen und Abendessen auch noch Spielen passt und nicht nur Hausaufgaben. Nachts hat sie zwei Stunden mehr, mindestens. Zwischen Samstag (einkaufen, putzen, Wäschewaschen) und Sonntag hat sie einen Tag extra, damit wir Mütter uns nicht immer zwischen Ausschlafen und Ausflug entscheiden müssen. Das Mütterjahr hat noch einen Monat zusätzlich: zwei Wochen vor Weihnachten, warum muss ich nicht erklären, und zwei Wochen am Ende der Sommerferien. Damit das Wäschewaschen nach dem Urlaub nicht auf das letzte Wochenende vor Arbeitsbeginn fällt. Und dann bekommt jede Mutter noch eine Stoppuhr, mit der sie die Zeit anhalten kann – einen Moment nur: wenn die schrägen Abendsonnenstrahlen durch einen Baum scheinen, und goldene Lichterflecken eine Gruppe von Kinder werfen, die völlig vertieft ein Landschaft aus Sand bauen. In kleinen Rindenhäuschen wohnen Menschen aus Stöckchen, Vater Mutter Kind, essen, schlafen, arbeiten – und das alles weder optimiert noch schnell.
Letzte Änderung am: 31.10.2011, 12.54 Uhr