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Kommentar von Walter Filz im SWR2 am Morgen vom 07.10.2011

Walter Filz
Sie haben es schon wieder getan. Wieder ein Europäer, wieder einer, der mit den Problemen der Gegenwart soviel zu schaffen hat wie ein Tiefseefisch mit einem Autobahnstau. Wieder wurden alle Rufe nach Zeitgenossenschaft ignoriert. Wieder ist es trotz "arabischer Frühlingsgefühle" kein Denkerdichter von dort. Wieder ist es niemand aus Afrika oder Asien. Wieder ist es niemand aus den USA. Und schon gar keiner, der die Literatur aus der Folk-Bewegung und der Popmusik heraus neu erfunden hat. Und doch ist es wieder kein Preisträger gegen den sich etwas sagen ließe.
Gar nichts gegen Tomas Tranströmer. Aber gegen die Entscheidungsfindungen der Akademie in Stockholm. Nämlich, dass sich langsam der Eindruck verdichtet: sie tun es extra. Extra und nur. Extra, um die literarische Weltöffentlichkeit zu verstören. Nur, um sie in Gewissenskonflikte zu stürzen. Ja, der bepreiste Dichter ist selbstverständlich ein großer, aber - hm, nein - hätte es nicht vielleicht doch wer anders sein können und sollen. Steht die Preisvergabe als das einzige literarische Ereignis, das auch eine nicht-lesende Öffentlichkeit erreicht, nicht in der Verantwortung, ein entsprechend öffentlich wirksames Zeichen zu setzen?
Hätte man das jetzt sagen dürfen? Wahrscheinlich nicht, denn jede Forderung an die Preisvergeber scheint nur dazu zu führen, dass sie sich noch trotziger in ihr Elfenbeinschneckenhaus verkriechen, aus dem sie einmal im Jahr rausgucken, um keck zu verkünden: "Ätschi, es ist nicht der, von dem ihr glaubt, er sei es."
Das ist natürlich ein sehr neckisches Spiel. Und wir - die neugierige Öffentlichkeit - spielen es auch jedes mal gern mit und rufen, "huch der, das hätten wir ja nie gedacht". Aber mit den Jahren haben wir doch den Eindruck, dass es genauso ist, wie wenn Opa zum x-ten mal seinen Lieblingswitz erzählt - und die ganze Familie treuherzig erklärt: "Nein, den kennen wir noch nicht."
Tatsächlich, liebe Großeltern vom Nobelpreiskomitee, hier sei es mal gesagt: Wir kennen den Witz sehr wohl. Wir haben ihn kapiert und jetzt sei bitte Schluss mit lustig.
Walter Filz
Letzte Änderung am: 07.10.2011, 13.27 Uhr