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Kommentar von Michael Köhler im SWR2 Journal am Morgen vom 04.10.2011
Auch der argwöhnischste Kritiker musste einräumen, was für ein gelungenes Fest unter freiem Himmel. Den normalen Besucher interessierte weder Festansprachen im Alten Plenarsaal mit der Staatsspitze noch Landesbehördenschau. im DLRG- oder THW- Schnellboot auf dem Rhein mal mit Blick aufs romantische Siebengebirge rasen dürfen, sich von Thomas Gottschalk im Festumzug mit schwarz-rot-goldenen Gummibärchen bewerfen lassen, auf der Fressmeile Saar-Wein trinken und Thüringische Würste essen sowie auf zahlreichen Musikbühnen Darbietungen lauschen, das ist Freiheit, Einheit und Volksfreude.
Die ehemalige Diplomatenrennstrecke, die Adenauerallee war zum Fest der Einheit in eine indifferente Fress- und Saufmeile verwandelt worden. Die ehemalige Via Appia des römischen Reiches durchs Lager Castrum Bonnense war in eine Via Appetitia verwandelt worden. Zum Feiern war dem Rheinländer noch jeder Anlass recht. „Worum geht´s ? Ach Einheit? Ja! Komm lass mer eene drinke!!“
Kein Koffer und keine Schuhe, sondern Baumringe mussten in der evangelischen Kreuzkirche als Gleichnis für die wechselvolle Geschichte von Stadt, Land und Bund herhalten. Beim ökumenischen Festgottesdienst zog an der Spitze, noch vor Präses, Erzbischof und Metropolit, eine Schauspielerin des Bonner Ensembles ein, die Texte verlas: Birte Schrein. Ausgerechnet sie. Sie ist eine der angesehensten und kritischsten Stimmen bei den Bonner Sparbeschlüssen in der Kultur gewesen. Sie sprach im Gottesdienst auftragsgemäß über Baumringe und Jahreszahlen: 1945, 1949, 1961, 1989. Was hätte das werden können, eine Erinnerung an Stationen der Einheit oder den Sinn der föderalen, dezentralen Struktur unserer Republik. Denn von Katzenjammer 20 Jahre nach dem Umzugsbeschluss kann in Bonn keine Rede sein, aber von kultureller Verödung. Ja, ja Beethoven, den gibt’s noch. Auch wenn sich Telekom und Postbank aus der Finanzierung für ein Festspielhaus schon zurückgezogen haben. Der bronzene Beethoven auf dem Münsterplatz, war von einer Partybühne fürs Einheitsfest eingepackt. Entrinnen unmöglich. Das wusste der berühmte Bonner Ludwig damals schon: In Wien taub werden, oder in Bonn verrückt, das ist die Alternative. Vor der Oper stand eine kleine Bühne unter freiem Himmel. Und nicht nur der sparwütige Oberbürgermeister wird sich gedacht haben: "Das wär´s, eine Oper auf kleiner Bühne unter freiem Himmel. Kein kostspieliges Ensemble, kein Haus, kein Intendant, nur noch stundenweise fahrendes Volk unter freiem Himmel. Ein Modell für Deutschland."
Die auswärtige Sitzung des Landeskabinetts in seinem Alten Rathaus hätte der OB nutzen können, um öffentlichkeitswirksam die Idee eines Festspielhauses mit Landesunterstützung voranzutreiben. Aber Hasenfüße und Pfeffersäcke halten freiwillige Aufgaben wie Kultur für entbehrungswürdigen Überfluss. Die Boulevardpresse titelte: „Bonn ist Bundes-Feier-Hauptstadt“. Ja, das ist sie für drei Tage gewesen: kopflos, kulturlos und zukunftslos.
Die ehemaligen Bonner Vertretungen der Länder beim Bund werden längst anders genutzt. Wenn das so weiter geht, geschieht das auch mit den Bühnen.
Letzte Änderung am: 04.10.2011, 11.04 Uhr