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Kommentar von Carsten Otte im SWR2 Journal am Abend vom 29.09.2011
Schulden? Was soll´s! Insolvenz? Ja, und? Fusion? Na, gut. Eichborn am Ende? Unvorstellbar. Bis zuletzt habe ich daran geglaubt, dass mein Verlag es schafft, irgendwie aus der Krise zu kommen. Wenn schon die Griechen Finanzhilfen erhalten, warum dann nicht mein Verlag, der zu allen Zeiten immer alles versucht hat. Kunst und Kommerz. Bibliophile Sonderausgaben und bunte Scharteken, die sich mal besser, mal schlechter verkauften. Mein Verlag hatte mit der Fliege das wohl markanteste, aber auch merkwürdigste Logo aller deutschen Publikumsverlage. Mein Verlag tat Dinge, die in anderen Verlagen undenkbar waren. Sie feierten laute und lange Parties, auf denen selten über Literatur gesprochen, dafür aber viel getanzt wurde. Zwischendurch, sozusagen von einem Buchprogramm zum nächsten, ging man an die Börse, was natürlich scheitern musste. Eichborn veröffentlichte meinen Debütroman mit einem Titel, den alle Werbespezialisten etwas seriöserer Häuser abgelehnt hätten. Schweineöde, hieß das Buch, und auf dem Cover war der Titel dann in fetten Versalien gedruckt: Schweineöde.
Ich erinnere mich noch an das erste Fotoshooting für die Autorenbilder, oben auf dem Dach im Frankfurter Stammhaus. Alles war bunt bemalt, Flaschen standen herum, ich dachte, ich wäre in einer Punk-Kommune gelandet. Wir schauten rüber zu den Hochhäusern der großen Banken und freuten uns wie die Kinder, nicht dort in einem sauber-schicken Büro zu hocken, sondern an einem Buch zu basteln, das sowohl von der Form, aber auch vom Inhalt her möglichst anarchistisch daherkam. Natürlich habe ich mich über die Frankfurter Sponti-Haltung auch oft geärgert. Mal wurden Bücher ausgeliefert, in denen zwanzig Seiten fehlten. Mal war das Layout auf dem Einband verrutscht. Aber als Autor eines Verlags, in dem Standardwerke der Subversion rauskamen wie etwa „Das kleine Arschloch“, „Das Fröhliche Kinderhasserbuch“ oder „Schummeln, aber richtig“, konnte man ja auch nicht den Spießer raushängen lassen.
Aber dennoch, die Zeiten änderten sich, nach den durchaus lustigen, weil experimentierfreudigen neunziger Jahren, kam die Wirtschafts- und Finanzkrise, die nicht nur im fernen Griechenland, sondern auch in der Frankfurter Kaiserstraße Spuren hinterließ. Ein paar zu teure Lizenzeinkäufe, hohe laufende Kosten, ein Programm, das unübersichtlicher und austauschbarer wurde. Die alten Stars des Verlages, Walter Moers oder Sven Regener, gingen irgendwann zur Konkurrenz. Auch mein letztes Buch erschien nicht mehr bei Eichborn. Obwohl die Verträge unterzeichnet und der Vorschuss schon überwiesen war. Mein Lektor rief mich an und sagte sinngemäß, der Drucker könne nicht bezahlt werden. Das war 2008. Der Band kam schließlich ein Jahr später in einem großen Konzernverlag heraus, aus alter Eichborn-Sicht könnte man sagen: beim Klassenfeind.
Wenn der Verlag mit der Fliege im kommenden Jahr tatsächlich seinen Betrieb einstellen muss, wird der deutschen Literaturlandschaft viel fehlen, nämlich die Lust zum Risiko, die Arbeiten vor allem von jungen deutschsprachigen Autoren zu veröffentlichen. Man muss nur die Verlagsvorschauen aufschlagen und wird leicht feststellen, dass Debütanten heutzutage ziemlich viele Stipendien ergattern und noch mehr Förderpreise gewinnen müssen, um endlich den ersten Verlagsvertrag unterschreiben zu dürfen. Als ich zu Eichborn kam, hatte ich nur ein Romanmanuskript in der Tasche. Es ging in dem Text um deutsch-deutsche Befindlichkeiten. Vielleicht eine andere Art von Heimatliteratur. Und ausgerechnet diese Anarcho-AG aus Frankfurt am Main erwies sich dafür als die beste Adresse.
Letzte Änderung am: 30.09.2011, 10.43 Uhr