Navigation

Volltextsuche

SWR2 bei facebook SWR2 bei Twitter SWR2 bei YouTube SWR2-App SWR2 bei Facebook, Twitter und YouTube und als App

Sendungen A-Z

Radio im SWR

Seite vorlesen:

SWR2 Journal am Abend - Kommentar Geste der Versöhnung? Das Israelische Kammerorchester spielt Wagner in Bayreuth

Kommentar von Jürgen König im SWR2 Journal am Abend vom 26.07.2011.

19 Minuten Musik. Komponiert von Richard Wagner 1870 als Geburtstagsgruß für seine Frau Cosima. Gespielt heute in der Stadthalle von Bayreuth – neben Werken anderer Komponisten - vom „Israel Chamber Orchestra“; gespielt unter Polizeischutz, vor dem Hintergrund eines Bombenalarms und angekündigter Störungen. Die fanden dann nicht statt, es war ein „normales“ Konzert, aber war es ein „normales“ Konzert? Natürlich nicht: Richard Wagner ist bis heute ein Tabu in Israel; schon die Ankündigung des Dirigenten Roberto Paternostro im letzten Jahr, mit seinem „Israel Chambre Orchestra“ ausgerechnet in Bayreuth, wo sich allsommerlich die Naziprominenz versammelte: in kultisch zur Schau gestellter Anbetung des Meisters Richard Wagner, ausgerechnet dort also Wagners „Siegfried-Idyll“ spielen zu wollen, führte in Israel zu wütenden Protesten. Politiker forderten, dem Orchester, das eines der renommiertesten des Landes ist, die Subventionen zu entziehen; Danny Dogan, Abgeordneter der Likud-Partei, sprach aus, was offenbar viele dachten und denken: der Auftritt eines israelischen Orchesters bei den Bayreuther Festspielen sei ein Schlag ins Gesicht für alle Israelis, nicht nur für die Holocaust-Überlebenden, eine „Kultur, die den Nazismus geschaffen hat“, zu akzeptieren, sei „verabscheuenswert“. Gegen den Gedanken, Richard Wagner habe den „Nazismus“ geschaffen, ließen sich Argumente finden, nicht aber gegen das Empfinden von Holocaust-Überlebenden oder deren Nachfahren, für die Wagners Musik noch heute solche Schrecken der Erinnerung in sich trägt, dass sie für sie nach wie vor unanhörbar ist. Vor diesem Hintergrund wird das Risiko deutlich, dass der Dirigent Roberto Paternostro und die Musiker des Israel Chamber Orchestra eingegangen sind. Roberto Paternostro stammt mütterlicherseits aus einer jüdischen Familie, viele Verwandte starben in den Konzentrationslagern der Nazis – er geht mit beispielhaftem Mut voran in seiner Haltung,
auch in Israel das Bild des Musikers loszulösen vom Bild des Antisemiten Richard Wagner.

Als heute in der Bayreuther Stadthalle zu Beginn des Konzerts die israelische Nationalhymne gespielt wurde, erhob sich auch Festspielchefin Katharina Wagner von ihrem Platz. Natürlich tat sie das, es ist selbstverständlich. Und war doch ein Bild von starkem Symbolcharakter, erinnert man sich, dass noch ihr Vater, Wolfgang Wagner, in jungen Jahren gerne zu Adolf Hitler auf den Schoß kroch und ihn "den Onkel Wolf" nannte. „Ein bedeutendes und zukunftsweisendes Signal", nannte Katharina Wagner das Konzert. Ob aus dem Signal etwas werden kann, hängt auch davon ab, ob es ihr gelingt, die NS-Vergangenheit ihrer Familie kritisch aufzuarbeiten. Dass sie das will, hat sie mehrmals gesagt: viel geschehen ist – nach veröffentlichten Ergebnissen zu urteilen – noch nicht.

19 Minuten Musik. Von einem „historischen Moment“ wurde gesprochen. Ja, das war es.

Letzte Änderung am: 27.07.2011, 15.37 Uhr

Sendezeiten Journal

am Morgen:
Mo bis Sa, 8.10 bis 8.30 Uhr
am Mittag:
Mo bis Fr, 12.30 bis 13 Uhr
Sa, 12.40 bis 13 Uhr
am Abend:
Mo bis Sa, 18.40 bis 19 Uhr

Interviews Journal-Interviews hören

Kompetent, Konstruktiv, Kritisch. Das tägliche Interview zum Nachhören. [mehr zu: Journal-Interviews hören]

Vier junge Frauen jeweils mit einem Megafon in der Hand SWR2 Meinung

Standpunkte, Glossen, Betrachtungen von SWR2 am Morgen und SWR2 Journal - zum Nachhören und Nachlesen. [mehr zu: SWR2 Meinung]