Ardittis past and present / lost and found
Sendung vom Mittwoch, 4.1. | 23.03 Uhr | SWR2
Harrison Birtwistle: "The Tree of Strings"
Streichquartett
Vykintas Baltakas: "b(ell tree)"
Streichquartett
Kui Dong: "Differences within oneness"
Streichquartett (UA)
Arditti Quartet
Irvine Arditti, Ashot Sarkissjan (Violine)
Ralph Ehlers (Viola)
Lucas Fels (Violoncello)
(Konzerte vom 1. und 2. Juli 2011 im Herrenhaus Edenkoben)
Die Klangwelt isolierter Streichinstrumente hat im Werk von Harrison Birtwistle von jeher eine untergeordnete Rolle gespielt. Zum Streichquartett ist Birtwistle über den Umweg der Literatur gekommen. Ein erstes ist vielmehr eine zyklische Anordnung von „9 Movements for Strinquartet“. Es sind Bewegungsabläufe zwischen Eingefrorensein und heftigster Bewegung. Ein Movement bezieht sich dabei auf das Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan. 1996 ergänzte Birtwistle die „9 Movements“ mit den „9 Settings of Celan“, einer Vertonung von Celan-Texten mit Kammerensemble – und entkommt der Gattung im Hybrid.
Das 2007 komponierte Werk „Tree of Strings“ ist als zweites Streichquartett dann hingegen in der Tat ein solches. Aber wo der Himmel sonst voller Geigen hängt, geht es hier um einen Baum, also um durch Wurzeln erdverbundenes Wachstum. Harrison Birtswistle ist ein den chtonischen Kräften verbundener Komponist: „Earth Dances“ heißt eines seiner orchestralen Hauptwerke. Und „Tree of Strings“ kann in seiner poetischen Doppeldeutigkeit auf einen wesentlichen Einfluss im Schaffen Harrison Birtwistles verweisen. Denn der „Geigenbaum“ klingt doch sehr nach einem jener poetischen Bildtitel des Künstlers Paul Klee. Dessen Vorlesungen am Bauhaus „Beiträge zur bildnerischen Formlehre“ gehören zu den wesentlichen Kompositionsgrundlagen und -anregungen Harrison Birtwistles – obwohl es sich um bildnerische Gegenstände handelt. Gegenüber der rein geometrischen Abstraktion, wie sie etwa Wassily Kandinsky am Bauhaus lehrte, setzte Paul Klee auf die Verbindung der geometrischen Formen mit den Prinzipien der organischen Entwicklung: Konstruktion und organische Entwicklung werden in Klees ästhetischen Grundsätzen zusammen gedacht. Darauf beziehen sich im wesentlichen auch die kompositorischen Prinzipien Harrison Birtwistles. In jedem Stück erfindet sich die Form neu anhand des Ausgangsmaterials, das im Falle Birtwistles aus langgedehnten Linienführungen und rhythmischen Zellen besteht. Beides wird überlagert und zur Wucherung, zur Ausdehnung gebracht. Das Streichquartett Birtwistles ist in diesem Kontext kaum aus der Idee geboren, einen Beitrag zur Gattung zu leisten, sondern diese sich den eigenen Prinzipien anzugleichen. Und so steht denn auch nicht das Streichquartett im Zentrum, sondern dessen naturnahe organische Form. Strings kann dabei doppelt gelesen werden. Gemeint sind selbstredend die Streichinstrumente. Und in der Baummetaphorik gelesen: ein Stamm, aus dem sich die Streichinstrumente wie Zweige entwickeln. Ein Klangbild also.
Wenn man anfängt, ein Stück zu komponieren, ist die Freiheit bereits vom eigenen Denken begrenzt. Man entwickelt sich, empfängt ständig neue Impulse, aber immer folgen alle Betrachtungen und Entscheidungen aus der vorherigen Perspektive – der Perspektive, die eine bestimmte Vorgeschichte hat und von da aus alle neuen Erlebnisse bestimmt.
Daher finde ich es sehr interessant, was mir die Musik selbst anbieten kann. Es ist zunächst unbewusst, dann oft überraschend. Ich finde ‚klingende Objekte‘, nehme sie auf, höre sie an, versuche sie zu verstehen – was sie sind, auf welche Weise sie leben, was für ihr Sein wichtig ist, und versuche, dieses lebendige Wesen fortzusetzen.
Mein Streichquartett beruht auf einem rhythmisch zusammengesetzten Klang von Schweizer Kuhglocken. Nach genauem Zuhören versuchte ich diese Art des Seins nachzuahmen und setzte das, was ich in dem Klang vorfand, weiter fort. So kam ich zu einer neuen Welt – neu für mich und neu für den ‚gefundenen‘ Klang. (Vykintas Baltakas)
Im Streichquartett Kui Dongs wird die Gattung unterminiert, in dem sie in ihr Gegenteil verwandelt wird. Klar ist: das Streichquartett ist nur aus der Spannung zwischen Individualität und Homogenität zu gewinnen. Aber in der Tradition obsiegt das Homogene – der Einklang. Kui Dong kehrt das Verhältnis um: nicht der Einklang ist das Ziel – das wurde längst innerhalb der Gattungstradition erreicht. Jetzt gilt es das Ergebnis aufzuspalten. Und so lautet das Ergebnis in ihrem Fall: „Differences within oneness“. Die Ausdifferenzierung der Einheit stellt das Streichquartett von den Füßen auf den Kopf. Oder ist es doch eine Art Marxsche Volte gegenüber Hegelscher Dialektik. Was bestimmt denn nun eigentlich das Sein des Streichquartetts? Bestimmt die Homogenität die Individualität oder doch die Individualität die Homogenität? Eine Frage, die sich nur durch das Streichquartett-Tun selbst beantworten lässt.
Letzte Änderung am: 27.11.2011, 04.10 Uhr