Oliver Schneller, Adriana Hölszky und Marko Nikodijevic
Sendung vom Mittwoch, 28.12.2011 | 23.03 Uhr | SWR2
Oliver Schneller: "WuXing / Metal"
für Orchester und Elektronik (Uraufführung)
Adriana Höszky: "High way for one"
für Akkordeon (Uraufführung)
Marko Nikodijevic: "GHB / Tanzaggregat"
für Orchester (Uraufführung)
Denis Patkovic (Akkordeon)
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Leitung: Jonathan Stockhammer
(Konzert vom 3. Dezember im Theaterhaus Stuttgart)
Oliver Schnellers Komposition "WuXing/Metal" bildet den zweiten Teil eines Zyklus von fünf Orchesterkompositionen, die sich jeweils auf eines der Elemente aus der altchinesischen Elementelehre (»Wu Xing«) beziehen. Nach dieser Lehre gibt es fünf Kräfte – Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser – die alle Prozesse und zeitlich-räumlichen Bewegungsabläufe der Natur und des Lebens bestimmen. Jedes dieser fünf Elemente steht in komplexen Wechselbeziehungen zu jedem anderen und bedingt zyklisch wechselnde Konstellationen, in denen sich jeweils die Attribute eines der Elemente destruktiv/konstruktiv mit denen der anderen vermengen und somit periodisch eine dynamische Abfolge von sogenannten "Wandlungsphasen" hervorbringen.
Das Stück ist im Auftrag von Stefan Hussong und für ihn geschrieben worden. Es stellt einen Extrakt aus dem zweiten Satz meines Konzerts für Akkordeon und Ensemble dar. Das Akkordeon wird in diesem Stück als eine Art "High speed instrument" eingesetzt, das von Beginn bis zum Ende der Komposition in ständiger Bewegung bleibt und niemals anhält, niemals eine Pause
einlegt. Schnelle Akkord-Tremolandi, sirenenartige Ton-Glissandi, Staccatissimo-Repetitionen wie auch rasche Doppeltriller und Skalenläufe sorgen für eine dichte, wilde, fast schon chaotische Atmosphäre, nicht unähnlich der auf einem tatsächlichen Highway während der rush hour. (Adriana Hölszky)
GHB ist das Kürzel für eine in der Techno-Szene recht populäre Droge. Entsprechend der ästhetisch, interaktiven Ausrichtung der Techno-Szene wirkt diese Droge euphorisierend, enthemmend und verstärkt das Gefühl der direkten körperlichen Nähe: Kuschelkollektivität und emphatisches Mitgefühl als Rauschzustände des Techno-Rituals. Das Orchesterstück zielt auf solche Zustände ab, ohne dabei tatsächliche Techno-Musik zu erzeugen. Es handelt sich somit um eine Art synästhetischer Übertragung.
GHB hat sich dem Stück aber noch auf andere Art und Weise eingeschrieben: Es ist nämlich ebenfalls die Tonzelle g-h-b, die bereits zu Beginn des Stückes mit einem fraktalen Algorithmus bearbeitet wird und dadurch den Tonhöhenvorrat erzeugt. Dieser wird mit komplexen Hochgeschwindigkeitsrhythmen verarbeitet, die nun wiederum aus der elektronischen Tanzmusik, wie sie in der Techno-Szene gebräuchlich ist, abgeleitet wurden.
Wie zumeist in meinen Stücken geht es auch in diesem Orchesterstück um einen Art "bibliothekarischen" oder archivarischen Bezug zu anderer Musik und ihrer Geschichte. So wird hier zum einen ein serbisches Volkslied (Lela Vranjanka) gesampelt. Zum anderen werden als bewusste Hommage Allusionen an Ballettmusiken des armenischen Komponisten Aram Khatchaturjan erzeugt. Es ist eine bewusste Hommage insofern, weil gerade die Balletmusik Khatchaturjan mir nicht weniger eine tönende, "enthemmte" körperliche Aktion zu sein scheint, wie das Tanz-Ritual einer Techno-Nacht. Zum anderen wird aber auch die instrumentatorische Raffinesse Khatchaturjans zum orchestralen Vorbild.
Im Übrigen gibt es zu diesem Orchesterstück nur noch etwas zur Kontinuität anzumerken. Wie die meisten meiner Stück ist auch dieses Orchesterstück von Charkateristka geprägt, die man mit den folgenden Stichwörtern zusammen fassen könnte: Rauschzustände, elektronische Musik, Samplingverfahren und die Welt fraktaler Schönheiten.
Letzte Änderung am: 20.11.2011, 04.18 Uhr