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Sir Roger Norrington im Gespräch
75 – ist das für Sie eine Zahl wie jede andere oder ist dieser Geburtstag ein Anlass zurückzublicken?
Die 75 ist eine gute, runde Zahl. Für mich ist es schon eine Gelegenheit, zurückzublicken und mich über mein langes und reiches Leben zu freuen, zumal ich mit Ende 50 eine sehr schwere Krankheit überstanden habe. Ich feiere meine eigenen Geburtstage eigentlich nicht besonders gerne – aber ich werde das Konzert an meinem Geburtstag genießen.
Ich weiß, dass ich meine Zeit nicht vergeudet habe, und ich habe eine Menge Dinge getan, die ich gerne machen wollte. Ich habe mich nie wiederholt und nie einfach das gemacht, was alle anderen auch machen. Und ich hatte das Glück, immer außerordentlich kreativ arbeiten zu können – besonders mit dem RSO Stuttgart.
Meine Karriere habe ich nie geplant. Ich bin immer meinem Instinkt gefolgt und habe mich für das entschieden, was mich am meisten interessiert.
Sie stammen aus einem musikalischen Elternhaus, haben als Kind Geige gelernt und im Chor gesungen. Nach einem Studium der Geschichte und Literaturwissenschaft begann Ihre Karriere als professioneller Sänger. Wie hat die geigerische und sängerische Ausbildung Ihr Dirigieren geprägt?
An unserer Schule konnte man Geige lernen, und ich habe mich sofort dafür gemeldet; da war ich zehn Jahre alt. Wir hatten damals kein Klavier zu Hause, und Klavier wurde nie mein Hauptinstrument. Die meisten Dirigenten spielen ja sehr gut Klavier, und es ist sehr nützlich, weil man darauf mehrere Stimmen gleichzeitig und Harmonien spielen kann. Aber das Geigenspiel schärft – genauso wie das Singen – die Wahrnehmung für die Linien in der Musik, für den Fluss der Phrasen. Die Feinheiten der Phrasierung, die Gestaltung der musikalischen Bögen, sind seither für mich sehr wichtig. Ein Orchester besteht zu drei Vierteln aus Streichern, deshalb ist es für Dirigenten wertvoll, etwas von der Spieltechnik der Streichinstrumente zu verstehen.
Mit 28 Jahren entschied ich mich dann für eine Karriere als Profi-Sänger, da das Singen meine größte Stärke war. Da musste ich die Geige leider aufgeben. Ich singe schon lange nicht mehr, aber trotzdem ist meine Sänger-Vergangenheit auch für mich als Dirigent außerordentlich wertvoll – ich habe dann ja auch 15 Jahre an der Kent Opera dirigiert. Und ich profitiere heute noch davon, wenn ich mit Sängern und mit Bläsern arbeite.
In den 1960er Jahren gründeten Sie den Heinrich Schütz Choir, wenig später die London Classical Players, ein Orchester, das auf historischen Instrumenten spielte. Schritt für Schritt sind Sie dann durch die Musikgeschichte gewandert.
Mit der frühbarocken Musik von Heinrich Schütz haben wir angefangen. Das war eine großartige Entdeckung für mich! Wir haben mit dem Chor Dutzende seiner Werke aufgeführt, damals gab es davon praktisch noch keine Aufnahmen, in Großbritannien war er so gut wie unbekannt, und so konnten wir mit dieser starken, sehr dramatischen Musik experimentieren und unseren eigenen Stil finden. Immer wieder kamen Instrumentalmusiker zu mir, die sich für alte Instrumente interessierten. In London gab es davon ziemlich viele.
Zunächst haben wir also die Vokalwerke von Schütz mit historischen Instrumenten begleitet, kurze Zeit später waren es genug Musiker, um Händels Messias aufzuführen. Das war unglaublich packend! Und mit der Zeit haben wir dann auch die Werke der Klassik und Romantik gespielt. Wir hatten damals wenig Vorbilder, und die Instrumentalmusiker haben sehr viel Wissen eingebracht; wir haben viele, viele historische Quellen und Notenhandschriften studiert. Für jede neue Epoche konnten wir dabei die Erfahrungen, die wir aus der älteren Epoche gemacht hatten, einbringen. Das war sehr nützlich und sinnvoll. Es ist zum Beispiel praktisch unmöglich, Berlioz angemessen zu spielen, ohne Gluck und Beethoven genau zu kennen.
Seit über 10 Jahren sind Sie Chefdirigent des RSO Stuttgart. Worin liegt für Sie der Reiz, die Erfahrungen mit historischem Instrumentarium auf ein modernes Sinfonieorchester zu übertragen – bis hin zur Musik von Brahms, Mahler und Wagner?
Als wir am Anfang der so genannten Alte-Musik-Bewegung standen, dachten wir, alles hänge von der Wahl der Instrumente ab. Jetzt sehe ich das anders, denn die meisten Instrumente haben sich im Lauf der Jahrhunderte gar nicht so sehr verändert. Was sich aber grundlegend verändert hat, ist die Art und Weise, wie sie gespielt werden. Wenn man auf modernen Instrumenten alte Spieltechniken anwendet, dann klingen sie sehr viel ‚älter’.
Diese historischen Spieltechniken habe ich mit dem RSO auf ein modernes Sinfonieorchester übertragen: Das betrifft nicht nur die äußerst sparsame Verwendung des Vibratos – weder Brahms noch Wagner haben je ein Orchester gehört, das mit dem heute so gängigen Dauervibrato spielt. Es betrifft auch die Bogenführung der Streicher, die Phrasierung mit ihren Feinheiten, die Sitzordnung, die Besetzung und klangliche Balance, die Tempi. Letztlich kommt es auf die Ideen an, die hinter der Musik stecken. Und die kann man meiner Meinung nach am überzeugendsten verwirklichen, wenn man versucht, sich dem anzunähern, was der Komponist der jeweiligen Zeit von einem Orchester erwarten konnte.
Für mich ist die Arbeit mit dem RSO extrem wichtig, ich denke, wir haben mit unserer Art Musik zu machen ein Modell geschaffen. Wie kann ein modernes Sinfonieorchester wirklich mit seinen Wurzeln in Berührung kommen? Das ist unsere Frage. Und dazu haben wir mit unseren Konzerten und Aufnahmen eine gewichtige Aussage gemacht.
In Ihren Konzerten suchen Sie den Kontakt zum Publikum und drehen sich ab und zu auch zu den Konzertbesuchern um.
Ja, ich möchte sehen, ob es ihnen Freude macht. Und ich möchte die Musik mit ihnen teilen. Als ehemaliger Sänger und Geiger ist es für mich merkwürdig, die ganze Zeit mit dem Rücken zum Publikum zu stehen, weil man die Gesichter und die Reaktionen nicht sehen kann. Viele Leute sagen mir nach dem Konzert: „Es ist wirklich schön, dass Sie die Musik mit uns geteilt haben“. Anderen gefällt es nicht so gut, wenn ich mich umdrehe. Den Salzburger Nachrichten hat nach einem Konzert ein empörter Leser geschrieben und befunden, der Dirigent solle sich nur umdrehen, wenn das Publikum hustet oder wenn es zwischen den Sätzen klatscht – also nur, um mit dem Publikum zu schimpfen. Ich will aber nicht grässlich zu den Zuhörern sein, sondern nett! Manche Leute haben wirklich ein Problem mit Enthusiasmus. Was soll’s, ich folge einfach meinem Instinkt.
Was machen Sie, wenn Sie nicht dirigieren – gibt es so etwas wie Freizeit für Sie?
Natürlich! Ich arbeite 26 Wochen des Jahres als Dirigent oder Lehrer und die anderen 26 verbringe ich zu Hause und ruhe mich aus. Ich muss natürlich immer mal wieder ein neues Stück lernen oder eines, das ich schon einmal dirigiert habe, auffrischen. Aber dafür habe ich genug Zeit. In meiner freien Zeit arbeite ich im Garten, besuche Freunde, gehe ins Theater; ich schreibe das eine oder andere Buch und lese eine Menge – über Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Architektur. Sobald ich nach Hause komme, entspanne ich mich. Wir wohnen mitten auf dem Land. Wir haben drei Pferde, zwei Hunde und ungefähr 8000 Bienen – ein sehr ruhiges Landleben und ein sehr schöner Kontrast zu Stuttgart, Los Angeles und Chicago.
Die Fragen stellte Doris Blaich.
Letzte Änderung am: 10.03.2009, 14.41 Uhr