Das Abschlusskonzert
Sendung vom Mittwoch, 1.2. | 23.03 Uhr | SWR2
Saed Haddad: "Kontra-Gewalt"
für Klarinette und Orchester (UA)
Lars Petter Hagen: "To Zeitblom"
für Hardanger Fiddle und Orchester (UA)
Andreas Dohmen: "zirckel / richtscheyt / felscher"
für großes Orchester (UA)
Nina Janßen (Klarinette)
Gjermund Larsen (Hardanger Fiddle)
Lars Petter Hagen und Wieland Hoban (Sprecher)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg
Leitung: François-Xavier Roth
(Konzert vom 16. Oktober 2011 im Mozartsaal der Donauhallen)
„ ...um eine unbemerkte Form alltäglicher Gewalt sichtbar zu machen...: die leise, unsichtbare Form von Gewalt, die niemals als solche erkannt wird...; etwas, das man aufsaugt wie Luft, etwas, von dem man sich nicht bedrückt fühlt; sie ist überall und nirgends, und es ist schwer ihr zu entkommen.“ (Pierre Bourdieu)
„...eine Art von Gegen-Gewalt, deren Gewalt darin besteht, Gewalt zu verneinen ... eine Gewalt, die sich selbst beschreibt und kennzeichnet als moralischen Gegner von Gewalt...“ (Elizabeth Grosz)
Die meisten Philosophen, die versucht haben, den Neid zu definieren, stimmen darüber ein, ihn als eine Form des Leidens zu definieren, da das Individuum glaubt, im Gegensatz zum Rivalen das Gute nicht zu besitzen. Einige, aber nicht alle, gehen so weit, dass der Neid ebenso den Wunsch einschließt, dass der Rivale nicht das Gute besitzen sollte (...). Im Allgemeinen wird der Neid als Symptom oder Instanz der menschlichen Neigung betrachtet, das eigene Wohlergehen im Vergleich zu dem der anderen zu bewerten.
Aus der „Stanford Enzyklopädie der Philosophie“
1525 erschien Albrecht Dürers „Underweysung der messung“ („ ... Ein vnderricht alle mas zw endern ...“ ). Dürer beschreibt hier – detailverliebt bis ins Extrem – seine Techniken, mit Hilfe von zirckel und richtscheyt (Zirkel und Lineal) mechanistische Ableitungsverfahren bei seinen Zeichnungen zu erstellen. Verschiedene Messverfahren dienen ihm dabei dazu, diese immer graduellen, kontinuierlichen Ableitungsprozesse in Gang zu setzen, um auf diese Weise immer neue, transformierte Gestalten einer Ausgangsfigur zu erreichen: Dürer nennt sie felscher, zayger, zwilling …
In diesem Sinne ist eine stets prozesshafte Musik intendiert. Musikalische Materialien werden dabei immer wieder hörbar „abgemessen“. Lineal und Zirkel funktionieren sowohl als Denkmodelle bei der Materialerstellung und Gestaltung von Prozessen, sind aber auch immer wieder als konkrete Texturen gedacht: Das in der Komposition angelegte Lineal wird hörbar als vordefinierte, deutliche Markierungspunkte während eines Prozessverlaufs. Gestalten/Strukturen/Materialfelder werden in verschiedene, zuvor abgemessene (Dauern-)Strecken eingepasst. Allmähliche Harmonikentfaltungen entwickeln sich, mit dem Zirkel gezogen, verkleinernd und vergrößernd, um sich verschiebende Zentren. Dichteverhältnisse/Ereignisdichten erfolgen graduell ausgerichtet, gereiht, auf verschiedenen Zeitlinien … Formalisierte Prozesse, mit Hilfe solcher Modelle einmal in Gang gesetzt, entwickeln (und es ist wohl dies, was mich am meisten an ihnen interessiert) – zumal wenn sich mehrere von ihnen überlagern – schnell Eigengesetzlichkeiten, scheinbar strikt „automatisiert“ beginnende Prozesse einer Eigendynamik. Sie wuchern aus, verdecken die ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten und legen sie, in transformierter Gestalt, wieder frei.
Eine zentrale Rolle nimmt dabei immer wieder die Komposition mit verschiedenen Geschwindigkeitsverläufen, mit verschiedenen Aggregatzuständen von Geschwindigkeiten ein, die in einem mehrschichtigen – oft widersprüchlichen – Verhältnis zu einander stehen. So spielen sich Prozesse auf einer „äußeren“ Strukturschicht oft in einer überschnellen Geschwindigkeit ab, doch verläuft ein ihnen zugrunde liegender Prozess zugleich in extrem langsamer Geschwindigkeit – auch hier wieder felscher: langsame Auflösungen im überschnellen Tempo. (Andreas Dohmen)
Letzte Änderung am: 19.12.2011, 15.18 Uhr