Ardittis past and present / lost and found
Sendung vom Mittwoch, 18.1. | 23.03 Uhr | SWR2
Franco Donatoni: "Ciglio"
für Violine
Luciano Berio: "Sequenza XIV"
für Violoncello
George Benjamin: "Viola-viola"
Robert HP Platz: "Spitalfields Trio"
Salvatore Sciarrino: Trio "Codex Purpureus"
Arditti Quartet
Irvine Arditti, Graeme Jennings (Violine)
Ralph Ehlers, Garth Knox (Viola)
Lucas Fels, Rohan de Saram (Violoncello)
(Konzerte vom 2. und 3. Juli 2011 im Herrenhaus Edenkoben)t
Das Arditti Quartet ist sicher nicht nur weltweit das bedeutendste Streichquartett der Neuen Musik, sondern auch eines mit einer langen Tradition. 1974 gegründet, gruppierten sich seither um den Gründer und Primarius Irvine Arditti immer wieder neue herausragende Musikerindividualisten zu einem homogenen Ensemble. In der vom SWR organisierten ars nova-Reihe wurde an einem Wochenende im Juli 2011 ein außergewöhnliches Gipfeltreffen mit dem Arditti Quartet veranstaltet.
Kein Streichquartett wäre denkbar ohne die Virtuosität ihrer Mitglieder. Aber sie sind naturgemäß gezwungen, zu einer Einheit zu verschmelzen. Das Solistische kann nur passagenweise in Erscheinung treten. Noch vertrackter wird die Angelegenheit, wenn wir uns die Besetzung genauer anschauen. Alle Instrumente sind solistisch besetzt – ja bis ausgerechnet auf die Geige. Die Tritt in doppelter Version auf. Beim Arditti-Quartet war es immer klar, wer die erste Geige im doppelten Wortsonne spielt. Natürlich Irvine Arditti, der sich bis auf den heutigen als Primarius des Quartetts versteht. Von 1994 bis zum Jahr 2005, also elf Jahre lang – und das ist eine erstaunlich lange Zeit für das Streichquartettdasein – war der Australier Graeme Jennings der zweite Geiger des Quartetts. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Quartett hat Graeme Jennings gezeigt, dass er ein Virtuose der neuen Musik ist, dem das Schwierigste scheinbar mühelos zu gelingen scheint. Im ars nova.-Konzert vom 2. Juli 2011 im Herrenhaus Edenkoben hat er dies mit dem Solo-Stück „Ciglio“ des italienischen Komponisten Franco Donatoni unter Beweis gestellt.
Es ist kaum zu verwundern, dass zwei Werke Berios für ihn fast schon synonym geworden sind: die „Sequenzas“ und die „Sinfonia“, also die Prinzipien von Individualität und Homogenität. Und die „Sequenzas“ sind nicht nur eine Entfaltung von individueller Virtuosität, sonderen eine Art enzykloädische Herausschälung von Spieltechniken bis hin zu ihrer Neuerfindung. Die letzte „Sequenza“, die Berio hinterließ, „Sequenza XIV“, widmete er dem Cellisten und ehemaligem Mitglied des Arditti Quartet, Rohan de Saram, der Berio mit den traditionellen Instrumenten seiner Heimat Sri Lanka vertraut machte. Einflüsse vor allem perkursiver Natur flossen in diese „Sequenza“ ein, die Rohan de Saram seit der Uraufführung 2003 bereits dutzende Male auf der ganzen Welt zur Aufführung brachte.
Formal gesehen ist es ein Duo. Vom Titel her betrachtet keineswegs. Es ist die Verdoppelung der Bratsche. Mit dem Streichquartett hat das nichts zu tun, denn dort ist die Bratsche „solistisch“ besetzt, im Unterschied zu den beiden Geigen. Es ist also ein multiplizierendes, im geringsten Falle verdoppelndes Verfahren, das George Benjamin in seinem 1997 komponierten Duo anwendet. Hier wird also ein Charkter herausgestellt und hinterfragt: es ist das vordergründige Klischee der melancholischen Klanganmutung der Bratsche, die in der Viola d’amore – nomen est omen – ihren Höhepunkt erfährt. Die klagt ihr Liebesleid solistisch (so wird sie in den Opern Leoš Janáčeks entsprechend eingesetzt). Benjamin unterläuft dieses Solistische des Concertino durch die Verdoppelung und macht durch das multiplizierende Verfahren den dunklen Klanggrund der Brastsche zu einer simulierten orchestralen Fülligkeit, die es im Streichquartett so nicht gibt. Aus dem Streichquartett selbst wird eine Linienführung übernommen, die sich einerseits ausdifferenziert, andereseits schon aufgrund der Klangähnlichkeit sich als Homogenität zu erkennen gibt.
Es ist eine Skizze, also eine Arbeitsgrundlage für Größeres und trägt den Untertitel „Fragment for Irvine“. Hier wird der Primarius des Arditti-Quartets in der Tat fragmentiert. Oder im Gegenteil: sein zweiter Mann wird ihm genommen und er kann sich ganz solistisch aufführen. Oder ist es doch nicht ganz geheuer? Spitalfield mag ein Wohn- und Aufführungsort (eines Trios) in London durchaus sein. Aber es ist auch eines der großen Armutsviertel des 19. Jahrhunderts und Schauplatz von zweien der Jack the Ripper-Morde. Da kann das Trio dann schon zum Un-heimlichen werden – vor allem für ein Streichquartett.
In diesem 1983 komponierten Trio wird die typische Klangsprache des italienischen Komponisten bereits kenntlich. International bekannt wurde er vor allem durch seine Gesualdo-Oper „Luci mie traditrici“ aus dem Jahr 1998. Dort ist das für Sciarrino so charakteristische Flüstern und Hauchen, das Stimmhafte, das sich durch die gesamten Instrumentalklänge zieht, an eine theatralische Geschichte geknüpft. In äußerster Stille vollzieht sich dort eine wahrhaft blutrünstige Mordgeschichte, die sich auf eine Episode aus dem Leben des Komponisten Gesualdo da Venosa bezieht. In dieser Musik der gehauchten, geflüsterten und geflöteten Stille wird jeder minimale Ausbruch zu einer emotionalen Hochspannung. Kaum anders verhält es sich in seinem wesentlich früher entstandenen Trio. Hinzu kommt, dass das Trio die Streichinstrumente einer Metamorphose unterzieht, die mit der Technik des flautando aus dem Streichkorpus einen atmenden Körper macht. Und letztlich gelingt Sciarrino in diesem Trio das, was als Idealfall des Streichquartetts betrachtet werden soll: einen homogenen Klangkörper zu erzeugen. Darin ist vielleicht auch die Vermittlungsidee Mathias Spahlingers aufgegangen: wenn zwei sich streiten vermittelt der dritte. Und das macht die Sache durchaus theatralisch. Und nicht zu vergessen: auch die Oper „Luci mie traditrici“ handelt eigentlich von einem Trio. Es ist die Nebenfigur des Dieners, die zur Auslösung der Tragödie und zum Mord führt.
Letzte Änderung am: 11.12.2011, 04.00 Uhr