Tanztheater Platzregen (2)
Sendung vom Montag, 5.3. | 23.03 Uhr | SWR2
Eine Entfernung zu Peter Handke mit Musik von
Alvaro Carlevaro: Unbemalte Bilder
in 14 Szenen für 28 Stimmen (Uraufführung der Tanzversion)
Konzeption: Fabian Chyle & Hans-Peter Jahn
Choreographie/ Regie: Fabian Chyle
SWR Vokalensemble Stuttgart (über Zuspiel)
Leitung: Kaspars Putnins
Bühne/Grafik: Adrian Silvestri
Lichtdesign: Doris Schopf
Tontechnik und Klangregie: Digital Masters Stuttgart
(Konzert vom 11. Februar im Theaterhaus Stuttgart)
Peter Handkes wortloses Theaterstück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" ist die strukturelle Vorlage der Choreographie und der Komposition, also sowohl von "Platzregen" als auch von "Unbemalte Bilder". Die Bewegungsarten unterschiedlicher Typen und einzelgängerischer Eskapaden, die Ansammlungen von Situationen, die zwischen Menschen auf einem Platz passieren, haben Fabian Chyle und damit in Folge Alvaro Carlevaro inspiriert, aus dem Wortarchiv dieses Regieanweisungsbuches Material abzuleiten, das für Bewegung und Klang konstitutiv und eigentypisch, also sinnvoll ist.
Im Prozess der Findung eines gemeinsamen „Tons“ fand zugleich auch eine Entfernung statt zur Theatervorlage, aber Programm auch eine Entfernung und Trennung von Tanz und Musik. In "Platzregen" verwandelt sich im Gegensatz zu Handkes Theaterstück irgendwann auch der Platz infolge eines Ereignisses. Der Ort wird zu einem anderen Ort, der Platz zu einem umgestalteten Platz. Die sieben sich zunächst auf diesem Platz mehr oder weniger häuslich einrichtenden Personen, die unterschiedlicher Bewegungsarten mächtig sind – aber auch der Sprache, dem Sprechen und auch dem emphatischen Geräuscharsenal vertrauen, das bei emotionaler Explosion sich entfacht – , individualisieren sich, grenzen sich ab, bauen Verhältnisse auf oder prostituieren ihren Charakter. Nach einem wie auch immer gearteten katastrophischen Moment herrscht die Ausnahmesituation, und diese beherrscht alles Folgende. Obschon sich die insgesamt 14 Szenen auch als narrative Geschichte deuten lassen können, wenn man dem Choreographischen eindeutige und deutbare Situationen unterstellt, bleibt die Musik hingegen konsequent treu ihrem eigenen Prinzip: Szene auf Szene sind dramaturgisch vielgestaltig aufgeladen, die Musik jedoch spricht ihren immer gleichen, extrem differenzierten Ton.
Wenn man so will, ist die Musik die Luft zum Atmen, das Atmosphärische der gegenwartsnahen Vielschichtigkeit, die umhüllende Aura in einer hoch brisanten Szenerie. Dieses Flüstern-Sprechen-Hauchen-Surren-Trillern-Flirren-Tremolieren ist Naturlaut, Alltagsgeräusch und Gefahr, ist menschliche Ausdrucksdifferenz und obszönes Aperçu, sobald es mit den Bedingungen der Tanzwelt konfrontiert wird. Die sphärischen Momente der Musik, von denen es reichlich viele gibt, beschwören den Innenraum der Figuren und zugleich das, was im Film die Musik gleichfalls leistet, die unerhörte, oft unwahrgenommene Dramatisierung der szenischen Ereignisse.
Platzregen ist der vierte Teil des Handke-Zyklus, den Fabian Chyle in Kooperation mit dem SWR in unterschiedlichen Ausgestaltungen choreographiert hat. Dieses sogenannte "Projekt H" beschäftigt sich 2009 bis 2012 mit Peter Handke in vier Stufen: "Ich nicht Ich" (2009), "Grenzland H" (2010), "Schaulaufen" (2010) und "Platzregen" (2011/12). Fabian Chyle hat bei dieser Arbeit zusammen mit Komponisten und Interpreten der Neuen Musik zentrale Positionen, Sprachstil und Strukturen des Autors Handke in tänzerische und musikalische Aktion umgesetzt: Der Mensch zwischen Fremd- und Selbstbestimmung: Fragen der Identität / Sprache und Wirklichkeit / Gesellschaftliche Machtausübung / Raum und Landschaft / Wandlung und Selbstwerdung. Projekt H ermöglicht auch neue Blickweisen auf die Konvention des Tanz/Musiktheaters.
Letzte Änderung am: 29.01.2012, 07.11 Uhr