Sendung vom Montag, 20.2. | 23.03 Uhr | SWR2
mit Bernd Künzig
Berichte, Gespräche und Hintergrundinformationen zum Festival Ultraschall in Berlin, zu Eclat in Stuttgart, den Darmstädter Tagen für neue Musik und dem Kieler "Chiffren"-Festival.
„Eclat“ heißt ja eigentlich ein Ensemblestück von Pierre Boulez. Und auf dieses bezieht sich wohl hauptsächlich das danach benannte Festival in der Landeshauptstadt Stuttgart. Unter der künstlerischen Leitung von Hans-Peter Jahn gibt sich das Festival durchaus kämpferisch, aber sicher nicht streitsüchtig. Und dennoch liegt am Beginn des Festivals ein bisschen etwas vom Eklat in der Luft. Denn kurz vor Beginn des dreitägigen Festivals wird im Südwesten über Fusionspläne bei den beiden großen Rundfunkorchestern des SWR, also dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und dem Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR diskutiert. Und Letzteres war und ist ein gewichtiger Partner des von der Stuttgarter Institution „Musik der Jahrhunderte“ betriebenen neuen Musikereignisses in der Landeshauptstadt. Diesmal war es mit einem geradezu ausladend, ausufernden Orchesterkonzert am Beginn des Festivals zu Gast. Und Peter Boudgoust, der Intendant des SWR war sicher nicht nur allein wegen der neuen Musik zu diesem Eröffnungskonzert gekommen. Die Zukunft der hauseigenen Klangkörper betrifft nicht zuletzt auch die Zukunft von Festivals wie „Eclat“. Das Stuttgarter neue Musikfestival wird aber nicht nur allein von der fachspezifischen neuen Musik-Szene wahrgenommen. Das zeigt sich nicht allein beim gut gemischten, vielfarbigen Publikum, sondern auch an einem Hinweis in der eigentlich sprechtheaterspezifischen Fachzeitschrift „Theater der Zeit“. Da wurde es bereits im Vorfeld in höchsten Tönen gelobt. Das liegt sicherlich am programmatischen Akzent, den der künstlerische Leiter Hans-Peter Jahn auch in diesem Jahr wieder auf vielfältige Belastungsproben am Begriff des Musiktheaters gelegt hat. Wörtlich heißt es dabei in „Theater der Zeit“: „Zugegeben, es gibt öde Szenetreffen, die gerade mal den Titel ‚Weiterverwaltungstage für neue Musik‘ verdienen. Das Stuttgarter Festival Eclat ist anders: funkelnd, eigenwillig, unberechenbar. Und debattierfreudig.“
Seit 1999 beginnt die jährliche Serie von Festivals für Neue Musik in Deutschland mit dem Festival Ultraschall, veranstaltet von Deutschlandradio Kultur und dem kulturradio vom rbb. Zehn Tage in der zweiten Januarhälfte standen ganz im Zeichen der Neuen Musik, zu hören waren Werke der jüngsten Vergangenheit ebenso wie Klassiker der Avantgarde. Zum 100. Geburtstag von John Cage wurde eines seiner großen Werke aufgeführt, die "Thirty Pieces for Five Orchestras". Auch der 25. Todestag von Morton Feldman rückte dessen Werk neu in den Focus. Zu den Klassikern gehört auch Luigi Nonos akustisches, der Stadt Venedig abgelauschtes Labyrinth – es überrascht noch heute mit seiner raffinierten bildhaften Art, sich im Raum zu entfalten und das Hören herauszufordern: "No hay caminos, hay que caminar … Andrej Tarkowskij".
Ein weiterer Schwerpunkt galt dem Frühwerk von Jean Barraqué, einem der wichtigsten Vertreter des Serialismus in Frankreich. Gerade einmal sechs Werke hat Barraqué als gültiges Oeuvre hinterlassen. Sein umfangreiches Frühwerk wurde erst vor kurzem wiederentdeckt. In Verbindung mit der Association Jean Barraqué und dem Festival Musica in Strasbourg präsentierte Ultraschall sämtliche frühen Werke Jean Barraqués in Ur- und Erstaufführungen. Neben diesen Erkundungsreisen in die klassische Avantgarde stand bei Ultraschall aber auch 2012 die unmittelbare Gegenwart im Zentrum, mit einer ganzen Reihe von Auftragswerken, die beim Festival ihre Ur- oder Erstaufführung erlebten.
Die Darmstädter Tage für Neue Musik bieten in diesem Jahr vom 3. Februar bis zum 3. März 16 Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik. Unter der Leitung von Toni Völker gibt es während des Festivals neben der Darstellung der kompositorischen und interpretatorischen Vielfalt zeitgenössischer Musik im Darmstädter und Frankfurter Raum auch die Vermittlung von Kunst-Konzeptionen unterschiedlichster Arten: Komponistenporträts und Gesprächskonzerte, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops, Dokumentationen und Ausstellungen, experimentelles Musiktheater, neue multimediale Musikformen in Verbindung von Klangobjekten und Film/Video sowie Klanginstallationen unter Einsatz von Live-Elektronik und Videotechnik. Feste Bestandteile der Tage für Neue Musik sind die Konzerte: „Darmstädter Komponisten“, „Akademiekonzerte“, „Kompositionsklasse der Akademie“ und eine Ausstellung eines bildenden Künstlers. Dieses Jahr zeigt Ruth Wagner, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst a.D., unter dem Titel „Landnahme II“ ihre Werke.
Im hohen Norden, genauer in Kiel, wird neue Musik nicht institutionalisier präsentiert, sondern auf ehrenamtlicher Basis, wenngleich nicht weniger professionell. Das Kieler Forum für zeitgenössische Musik betreibt als Verein das „chiffren“-Projekt, das sich nicht nur ein Festival leistet, sondern an der Vermittlung von zeitgenössischer Musik auch an den Schulen mitwirkt. 2012 fanden dort zum vierten Mal die „Kieler Tage für neue Musik statt“. Und das Kieler Projekt ist sich dabei seiner durchaus spannenden Randlage bewusst: der Blick geht in den Norden und den Ostseeraum und setzt sich mit neuer Musik aus Skandinavien auseinander. Damit schließen „chiffren“ auch eine erstaunliche Lücke: denn im Festivalbetrieb der neuen Musik spielen Komponisten aus den skandinavischen Nachbarländern bislang noch immer eine untergeordnete Rolle.
Letzte Änderung am: 15.01.2012, 04.07 Uhr