Preisträgerkonzert des Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart
Sendung vom Mittwoch, 15.2. | 23.03 Uhr | SWR2
Clara Maïda: "Shelter – seither ... () ... Splitter & Shel(l)ter – hinter ... Eiter"
für 11 verstärkte Instrumente
Gordon Kampe: "Gassenhauermaschinensuite"
für Klarinette, Violoncello, Akkordeon, Schlagzeug, Klavier und Zuspielungen
Ensemble oenm
Leitung: Titus Engel
(Konzert vom 9. Februar im Theaterhaus Stuttgart)
Das Stück ist der letzte Teil der Serie Shel(l)ter (Bunker/Zuflucht), welche sich auf einen Berliner Atombunker bezieht. Im ersten Teil seither… Splitter… hat das Klangmaterial allen Zusammenhalt, jede Polarität verloren. Die Partikel kollidieren und erleiden zahlreiche Zersplitterungen nach allen Richtungen hin. Es herrscht eine Situation von Zusammenbruch und Unordnung. Eine fallende Bewegung erscheint permanent und imitiert programmatisch den radioaktiven Staub und den Kollaps von dem, was war.
Der zweite Teil hinter… Eiter… schildert den Zerfall der Materie, Auswirkungen auf das Fleisch, also indiskutable Wunden
wie aufgeblasene Hautsäcke oder die Zerstückelung und Verwesung von Körpern. Die Klänge sind nahe dem Lungengerassel und Stöhnen, vielleicht als Hinweis auf den Charakter des Überlebenden, als Tribut an die Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Es ist eine zerschmolzene Welt, welche die Umwandlung oder die Zerstörung von Gestalten bewirkt.
Der Zusammenbruch, oder besser der Zerfall von Material lässt sich in diesen wenigen Takten, kompositorisch transformiert, erkennen. Winzige Elemente zersplittern in repetitive Muster, die unmerklich abwärts gleiten. Auflösungsprozesse im Rhythmischen innerhalb der perkussiven Landschaft, deren Fauchen und Rasseln, Platzen und Knacken die klangliche Szenerie beherrscht.
Zehn Gassenhauer-Stücke, deren Titel jeweils im Verbund mit der Instrumentierung Ränder des Grotesken abtasten. Hier im zweiten Stück repetiert im Wahnsinnstempo der Schlagzeuger auf einer Konservendose. Die präparierte (!) Bassklarinette schrillt im Permanentfortefortissimo sextolisch nahezu unspielbare rhythmische Strukturen hinein. Das Violoncello koordiniert sich mit der Blechbüchse. Kurz danach prallt das Bogenholz gleichfalls sextolisch auf die Saiten, um dann tremolierend von d nach C glissandierend abzurutschen. Akkordeon und Klavier ordnen sich in den Groove der anderen Instrumente ein. Eine irrwitzige Klangsituation. Und doch: alles verspielt, sensationell durchgehört, rigide in den instrumentalen Anforderungen und humoristisch. Wiewohl Humor in der Musik eher misstrauisch zu betrachten ist, gelingt dieser Partitur an jeder Stelle die augenblickliche Reflexion über schief gelagerte Kulturgüter und ihre alltägliche Verwendung. Durchsichtig gemacht. Um zu verhöhnen. Um das Verhöhnte mit kostbaren Ideen zärtlich zu streicheln.
Letzte Änderung am: 08.01.2012, 04.20 Uhr